Filmkritik: „Die Chroniken Von Erdsee“ (2006, Studio Ghibli #15)

Originaltitel: Gedo Senki
Regie: Goro Miyazaki (Studio Ghibli)
Mit: Armelle Gallaud – Georges Claisse
Laufzeit: 115 Minuten
Land: Japan
Genre: Animationsfilm

Inhalt: Das natürliche Gleichgewicht in Erdsee ist bedroht – doch nur wenige spüren die immer größer werdende Gefahr. Einen von ihnen ist der Erzmagier Sperber, der sich aufmacht, die Ursache für das drohende Unheil zu ergründen. Dabei trifft er auf den jungen Prinz Arren, der ziellos in der Wüste umherstreift – und rettet ihn vor einem Rudel Wölfe. Was Sperber jedoch nicht weiss ist, dass Arren zuvor seinen Vater umgebracht hat – warum, das kann er offenbar selbst nicht genau sagen. Es scheint, als habe eine seltsame dunkle Macht von ihm Besitz ergriffen, die ihn von nun an auch weiter verfolgt. So schließt er sich dem Erzmagier an, und gemeinsam reisen sie in die nächste große Stadt. Auch hier machen sich die ersten Auswirkungen der dunklen Mächte bereits bemerkbar. Bald schon führt die Spur zu einer skrupellosen Bande von Sklavenhändlern, die auch Prinz Arren entführen. Wie sich herausstellt ist deren Oberhaupt eine mächtige Hexe namens Cob – eine alte Bekannte von Erzmagier Sperber, doch keine freundlich gesinnte. Doch nunmehr wird klar, dass sie es ist die die dunklen Fäden in der Hand hält und schreckliches vorhat – und selbst der mächtige Sperber ihr im Alleingang nicht gewachsen ist. Mit Hilfe von Arren und seinem seltsamen Schwert könnte es ihm aber möglich sein, die dunklen Mächte zu besiegen… der wird allerdings von Cob manipuliert und befindet sich somit ebenfalls auf der Seite der Feinde. Wer kann ihnen nun noch helfen ?

Kritik: In den oben angegebenen Filmdetails handelt es sich um keine Namensverwechslung – Altmeister Hayao Miyazaki gab für Die Chroniken Von Erdsee das Regie-Zepter interessanterweise an seinen eigenen Song Goro weiter. Damit bleibt es also innerhalb der Familie, die scheinbar ein Händchen für das fantasievolle Erzählen von märchenhaften Stoffen besitzt. Und, Goro hat offenbar eine Menge von seinem Vater lernen können – man merkt einfach sofort, dass es sich bei Die Chroniken Von Erdsee um einen „echten“ Miyazaki handelt. Aber dennoch, gewisse Unterschiede lassen sich ebenfalls nicht verhehlen. Die Geschichte ist zwar ähnlich episch angelegt und vielschichtig strukturiert wie frühere Miyazaki-Werke, und platziert sich damit schon fast automatisch über dem Niveau vieler Durchschnittsanimes aus anderen Produktionsstudios. Aber dennoch reicht die inhaltliche Qualität nicht an das hohe, von Ghibli gewohnte Niveau heran – besonders nicht nach den Meisterwerken, die uns das Studio in den letzten zwei Jahrzehnten bescherte – aufgrund des Genres böte sich hier besonders der Vergleich zum Kultklassiker Prinzessin Mononoke (10/10) an. Nachdem das Studio mit Chihiros Reise Ins Zauberland (9/10) den wohl bisher besten Ghibli nach der Jahrtausendwende abgeliefert hat, konnte bereits Das Wandelnde Schloss (8.5/10) qualitativ nicht mehr wirklich mithalten – zwar durchaus von den technischen Aspekten her, aber nicht mehr von der Geschichte und der Erzählweise. Und die gestaltet sich auch bei Die Chroniken Von Erdsee als echtes Problem – leider noch weitaus deutlicher und unübersehbarer.

Man muss wissen, dass Die Chroniken von Erdsee auf einer bekannten Buchreihe der Autorin Ursula K. Le Guin basiert, die offenbar nicht „jeden“ an die Verfilmung des fantastischen Stoffes heranlassen wollte – und sich deshalb dem weltberühmten japanischen Animationsstudio Ghibli zuwandte. Wie es so häufig der Fall bei Buch-zu-Film-Umsetzungen ist, erreicht der Film jedoch zu keinem Zeitpunkt eine wirklich nennenswerte filmische Intensität und erzählerische Dichte. Sicher ist es kein Geheimnis, dass die zugrundeliegenden Bücher weitaus ausführlicher sind (nicht nur in diesem Fall), als dass man jemals alle Inhalte in einen Film transportieren könnte – deshalb ist es Gang und Gebe, Dinge zu vereinfachen, wegzulassen oder generell den Fokus ein wenig zu verschieben. Und genau das ist auch hier geschehen – nur leider in einem eher bedauerlichen Maße. So impliziert bereits der Titel und die Eröffnungsszene (in der zwei riesige Drachen erscheinen), dass es sich bei Die Chroniken Von Erdsee um ein wahrhaftes Epos handeln müsste, welches in einer zeitlos-fantasievollen Welt angesiedelt ist. Im Film selbst sieht man davon jedoch nur wenig: der Fokus wurde eindeutig weg von riesigen, unbekannten Welten voller Leben und Konflikte hin zu einigen wenigen Charakteren und deren Zwist untereinander bewegt. So kommt es, dass es eigentlich keine Rolle spielt, wo und wann genau die Handlung spielt – und man sich als Zuschauer in Anbetracht der Drachen aus der Eröffnungsszene nur wundern kann. Schließlich müsste man annehmen, dass die Drachen eine größere Bedeutung für die Handlung haben – was sie in den Büchern auch haben, aber eben nicht im Film. Das ist schade und lässt vermuten, dass die Anfangssequenz nur als „Lockmittel“ dient.

Zwar tauchen sie gegen Ende des Films noch einmal auf, wo sie keine unerhebliche Rolle spielen – die Zusammenhänge kann man ohne weiteres Vorwissen allerdings nicht erfassen. Es wird sich also hauptsächlich auf das Porträt der wichtigsten Charaktere beschränkt: da wäre der junge Prinz Arren, mitunter der interessanteste und vielschichtigste Protagonist des Films. Denn schließlich hat der seinen Vater ermordet, und flüchtet seitdem vor so etwas wie seinem eigenen Schatten… hier gibt es reichlich Potential für die Darstellung von psychologischen Konflikten; der verführerischen Kraft des Bösen und die zu entdeckende Kraft des „wirklichen Ichs“ – was in Bezug auf diesen Charakter auch beinahe ausreichend ausgeschöpft wird. Und auch die Kraft der Liebe und Anerkennung soll eine Rolle spielen; ebenso die Entwicklung eines von Furcht und Leid geplagten Teenagers zu einem wahren Helden. So könnte man fast meinen, der Film müsse eigentlich Prinz Arren heissen, und nicht Die Chroniken Von Erdsee – ein Eindruck, der sich im Verlauf des Films immer mehr bestätigt. Zwei weitere überaus wichtige Charaktere sind der Erzmagier Sperber und die dem bösen verfallene Hexe Cob – die sich seit langer Zeit verfeindet gegenüberstehen. Man kann also schon erahnen, dass es irgendwann zu einer finalen Konfrontation kommen müsste – doch auch hier gilt: wirklich viel kann man anhand des Films nicht über diese beiden Charaktere erfahren, ihre Motivation wird kaum ersichtlich; um wenn es wirklich ernst wird ist es doch wieder Prinz Arren, der die Handlung vorantreibt. Ebenfalls nicht unwichtig ist die Dame, die in einem Landhaus wohnt und ein junges, als Hexe bezichtigtes Mädchen bei sich aufgenommen hat. Immerhin erfährt man als Zuschauer ein wenig über die jeweilige Historie der beiden, und gerade das Mädchen soll im späteren Verlauf eine überaus zentrale Rolle einnehmen. Die Beziehung der 4 befindet sich dabei in einem  steten Wandel, und ist durch den Einfluss der Hexe weiteren „Versuchungen“ ausgesetzt, die es zu überwinden gilt.

Dies sind die klaren Stärken des Films: das Porträt von einigen wenigen Charakteren, die allesamt keine sorgenfreie Vergangenheit mitbringen und sich dennoch – und um des Lebens willen – auf ihre Stärken besinnen müssen, ihre Kraft; die jedoch nicht in den Armen steckt. Stichwort um des Lebens willen: dem Buch liegt offensichtlich eine tiefere Philosophie zugrunde, die im Film jedoch nur angekratzt wird. So werden potentiell interessante Aspekte wie die Bedeutung des „wahren Namens“ oder die Entwicklung des ominösen „Gleichgewichts“ nur allzu beiläufig erwähnt – zum Beispiel, wenn Sperber kurz einen Moment darüber sinniert. Hier offenbart sich zugleich das mitunter größte Problem des Films – denn als Zuschauer spürt man diesen leicht verschobenen Fokus, der den Wunsch nach „mehr“ zweifelsohne aufkommen lässt. Das wäre vielleicht nicht so gravierend, wenn es sich um einen deutlich „kompakteren“ Film gehandelt hätte – doch Die Chroniken Von Erdsee wartet mit einer durchaus ansehnlichen Spielzeit von beinahe zwei Stunden auf. Die Zeit die nötig gewesen wäre um mehr interessante Aspekte, wie die philosophischen oder zumindest im Filmsinne historischen Elemente zu behandeln, wäre also definitiv vorhanden gewesen. Doch stattdessen bist Goro Miyazaki sichtlich um eine möglichst ruhige Gesamtwirkung bemüht – besonders zu Anfang zieht sich der Film eher schleppend bis zu den ersten wichtigen Momenten, und später wird der Fokus immer mal wieder auf eigentlich unwichtige Dinge gelegt; was dem Ganzen zusätzlich Tempo raubt. Auch eine (grundsätzlich schöne) Gesangsszene wird deutlich in die Länge gezogen, und dass, obwohl sie ohnehin leicht kontextlos wirkt und eindeutig besser an das Ende des Films gepasst hätte.

Fazit: Die Chroniken von Erdsee ist zweifelsohne keiner der stärkeren Ghibli-Filme. Goro Miyazaki gibt sich zwar sichtlich Mühe, doch der eher schlecht als recht ausgerichtete Erzählfokus kann das Filmerlebnis doch erheblich trüben. Eine epische Chronik über ein fernes Land voller Magie, Fabelwesen, Bösewichtern und Helden (die sich selbst erst noch erkennen müssen) ist der Film leider nicht geworden – obwohl aufgrund der Buchvorlage definitiv das Zeug dazu gehabt hätte und auch die Spielzeit dementsprechend angemessen wäre. Eine tragende Hintergrundgeschichte wird kaum erzählt, höchst interessant anmutende Aspekte werden nur beiläufig erwähnt und sind dementsprechend schnell abgehandelt. Besonders ärgerlich ist dabei, dass als Ersatz wahlweise deutlich zu ruhige, oder auch mal sehr actionreich-brutale Szenen dienen. Im Gegensatz zu Werken wie Chihiros Reise… wird man aufgrund dessen auch weniger in eine fantastische, in sich stimmige Welt entführt; sondern wird hauptsächlich mit den wichtigsten Hauptcharateren konfrontiert – deren Porträts allerdings auch einige markante Lücken und Merkwürdigkeiten aufweisen. Auch die technischen Aspekte können nicht mehr mit dem zuletzt durch Das Wandelnde Schloss aktualisierten Ghibli-Niveau mithalten – sowohl die Optik als auch der Soundtrack wirken nun stark minimalistisch; gestalterische Highlights wie wunderschön verträumte Hintergründe oder die Drachen bilden die wenigen Ausnahmen. Das ärgerlichste bleibt nach wie vor das Fehlen der „episch-zeitlosen“ elemente, die man in Anbetracht des Titels einfach vermuten musste. Eine kleine Enttäuschung… aber immerhin eine typisch wertvolle (hier stark vereinfachte) Ghibli-Moral.

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2 Gedanken zu “Filmkritik: „Die Chroniken Von Erdsee“ (2006, Studio Ghibli #15)

    1. Hallo Mizore,

      in diesem Fall handelt es sich nicht um eine Serie, sondern um einen eigenständigen, einmaligen Film ! Wann er z.B. im Deutschen TV ausgestrahlt wird, kann ich indes nicht sagen.

      Mit Sicherheit wird es diesen Film – so wie grundsätzlich auch JEDEN anderen – irgendwo im Internet geben, ob nun zum Direkt-Ansehen (Stream) oder zum Downloaden. Genaueres weiss ich allerdings nicht – da gilt es, selbst nachzuforschen. Doch es lohnt sich zumeist gerade bei Ghibli-Filmen, sich die (offizielle) DVD bzw. Blu-Ray zuzulegen – Qualität soll(te) belohnt werden.

      MfG, Oliver

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