Filmkritik: „Das Wandelnde Schloss“ (2004, Studio Ghibli #14)

Originaltitel: Hauru No Ugoku Shiro
Regie: Hayao Miyazaki (Studio Ghibli)
Mit: Chieko Baisho – Takuya Kimura
Laufzeit: 117 Minuten
Land: Japan
Genre: Animationsfilm

Inhalt: Sophie ist eine junge Hutmacherin, die in die Fußstapfen ihres verstorbenen Vaters treten möchte. Doch es scheint, als hat sie weder von der Stadt in der sie lebt, noch von der großen Welt dort draussen viel gesehen – eine ihrer Schwestern hält sie dazu an, doch auch mal etwas mehr – und auch aus sich selbst – herauszugehen. Doch viel lieber bastelt Sophie auch noch nach Ladenschluss an den liebevollen Hutkreationen, wobei sie sichtlich Trost empfindet. Doch eines Tages erlebt zu urplötzlich gleich 2 Abenteuer auf einen Schlag – von denen das eine sicherlich angenehmer für sie ist als das andere. Zuerst begegnet sie einem charmanten jungen Mann, der sich später als Zauberkünstler Haoru herausstellt – sie spürt ihr Herz pochen, ob nun vor Aufregung oder aufgrund der ersten Anzeichen von Verliebtheit… doch noch in der gleichen Nacht erhält sie in ihrem Hutladen seltsamen Besuch. Es handelt sich um eine bösartige Hexe, die Sophie mit einem schrecklichen Fluch belegt: fortan muss sie in der Gestalt einer etwa 90-jährigen Dame leben. Beschämt von ihrem Äusseren, und ihrer nun eingeschränkten Bewegungsfreiheit, macht sich Sophie auf den Weg, ihre Heimatstadt zu verlassen. Doch wohin ? Auch sie scheint kein genaues Ziel zu haben. Bald darauf trifft sie jedoch auf eine ganz spezielle Vogelscheuche, die sie liebevoll „Rübe“ tauft – dieses seltsame Wesen ist von an ihr Begleiter. Doch es bleibt nicht nur bei der einen neuen Bekanntschaft… denn auf einmal schwebt das sagenumwobende Wandelnde Schloss über ihr, und sie erhält prompt Zutritt.

Fazit: Nach dem eher auf ein jüngeres Publikum zugeschnittenen Das Königreich Der Katzen sollte mit Das Wandelnde Schloss wieder einer der typisch epischen, generationsübergreifenden (Märchen-)Filme aus dem Hause Ghibli folgen – wobei dieser Film keinesfalls mit dem ähnlich klingenden Ghibli-Titel von 1986, Das Schloss Im Himmel, zu verwechseln ist. Auch wenn beide Filme durchaus einem jeweils speziellen Schloss eine erhebliche Bedeutung zuweisen – im aktuellen Fall geschieht dies eher zweitrangig. Hier sind es ganz klar die Charaktere, denen das Höchstmaß an Aufmerksamkeit geschenkt wird – angefangen bei der Schlüsselfigur der Geschichte, der jungen Sophie; über die unterschiedlichen Dämonen-Wesen, bis hin zum Zauberer und „Eigentümer“ des Wandelnden Schlosses, Hauro. Zu keinem Zeitpunkt hat man das Gefühl, als würden diese Charaktere zu kurz kommen – man erhält als Zuschauer einen guten und spannend inszenierten Einblick in das jeweilige Gefühlsleben von Sophie und Hauro – und, man wird es schon vermuten – auch in Bezug auf ihre spätere, sich langsam entwickelnde Zweisamkeit. Diese spielt zwar schon im Mittelteil des Films eine nicht unerhebliche Bedeutung, doch sind es hier vor allem die Ghibli-typischen, groß angelegten Themen wie Politik, Krieg und Gesellschaft; die dominieren. Richtig – auch dieses Mal findet die grundsätzlich emotionale Story vor dem Hintergrund eines politischen Wirrwarrs aus Krieg, Tod; und vor allem dem Leiden der Zivilbevölkerung statt.

Als Gegenpol hat man jedoch nicht nur die durch-und-durch ehrliche, treue Sophie geschaffen – dieses Mal finden sich durch charmante Nebencharaktere wie den Feuerdämon Calzifer oder den Jungen Markl zusätzliche Identifikationsmöglichkeiten; und Garanten für ein großes Maß an Lockerheit. Gerade Calzifer bekommt genau die Zeit und Aufmerksamkeit im Sinne des Films, dass er zu einem echten Publikumsliebling avanciert ist – und, wie sich später herausstellt; gibt es neben der allgemeinen Quengelei seinerseits (Auflockerung des Films) und der Tatsache, dass er das Schloss antreibt (inhaltlicher Kontext) noch eine weitere, höchst bedeutsame Verbindung zwischen ihm und Hauro (die historisch-emotionale Ebene). Das ist ein absolut rundes Porträt das keine wünsche offen lässt – dass es so etwas wie Dämonen in den Welten von Ghibli gibt, muss eben nicht erst erklärt oder gerechtfertigt werden. Umso bedauerlicher ist es da, dass der Waisenjunge Markel (neben Sophie der einzige durch und durch menschliche Protagonist ohne spezielle Fähigkeiten); so wenig Aufmerksamkeit zugesprochen bekommt. Zu keinem Zeitpunkt wird ein deutlicheres Wort über seine Herkunft oder die Geschichte, wie er zu Haoru fand, verloren. Daher kann man auch seine Motivation bei Haoru zu bleiben nur erahnen – wahrscheinlich hat er sonst niemanden (darauf deutet auch hin, dass er sich so sehr zu Sophie hingezogen fühlt). Auch andere, eigentlich wichtige Charaktere werden beinahe nur beiläufig erwähnt, wie die Zauberin Suliman – es reicht gerade noch um zu verstehen, warum sie und Haoru sich nicht freundlich gesinnt sind. Und dass da so etwas wie ein Jahrhundertkrieg im Hintergrund tobt, danach braucht man schon gar nicht zu fragen: worum es hierbei geht, darauf wird keinerlei Bezug genommen.

Immerhin bekommen Haoru und Sophie die nötige Aufmerksamkeit – hier bleiben grundsätzlich keine Fragen offen. Vielmehr muss man Altmeister Miyazaki zugestehen, dass er es abermals geschafft hat, eine fantasievolle (Märchen-)Welt mit Leben zu füllen – eben hauptsächlich durch das entsprechend „lebendige“ Porträt dieser beiden Hauptcharaktere. Denn wenngleich die anderen (Nebencharaktere, die Hexe, die Zivilbevölkerung) im Sinne des Films eher kurz kommen, manifestiert sich schließlich in diesen beiden die große, episch angelegte Bandbreite an Gefühlen. Und die reicht wieder einmal von abgrundtiefem Hass bis hin zur unverfälschten Liebe – mit allen erdenklichen Höhen und Tiefen; mit Momenten der puren Verzweifelung und kostbaren Momenten des Glücks. Eindeutig handelt es sich hier um zwei sehr eindringliche, zeitlose Porträts, die man so schnell nicht vergessen wird – und, die selbst im direkten Ghibli-Vergleich als die bisher lebendigsten, authentischsten überhaupt bezeichnet werden können. Und auch die jeweiligen Aussagen, unter anderem auch die Zentrale, sind in höchstem Maße wertvoll. Zwar soll sie an dieser Stelle nicht verraten werden, doch wenn man Ghibli-Werke wie Nausicaä Aus Dem Tal Der Winde oder Prinzessin Mononoke kennt und schätzt, dann wird man schon vermuten können dass es sich auch in Das Wandelnde Schloss (unter anderem) um das sich-selbst-erkennen und akzeptieren geht. Besonders deutlich wird dies versinnbildlicht durch den Fluch, der auf Sophie lastet – man kann erahnen, was die Hexe damit bezweckte. Doch es kommt nicht so wie vielleicht erwartet… Sophie bleibt sich selbst treu und macht das Beste aus ihrer Situation. Und eben dies führt mitunter auch dazu, dass eine junge Liebe – trotz des äußerlichen Altersunterschiedes (der ja nicht unerheblich ist), gedeihen kann. Aber auch die eigentlich „böse“ Hexe wird man später liebgewinnen, denn wie immer gilt: nicht jeder, der nach Bösartigkeit aussieht, ist es auch.

Auch der technich-zeichnerische Part fällt wie zu erwarten war in höchstem Maße zufriedenstellend aus. Sicher, das Studio Ghibli setzt seit jeher auf traditionelle Arbeitsweisen und den typischen, unverwechselbaren Look – doch vorsichtig könnte man sagen, dass Das Wandelnde Schloss sich doch ein wenig von den früheren Produktionen abhebt. Aber nur sehr dezent – das Studio scheint das schier unmögliche zu Schaffen, indem es die altbewährten Elemente nicht durch schreckliche moderne Komponente aufwertet (teure CGI-Effekte beispielsweise), sondern durch immer kräftigere Farben, noch schönere Hintergründe und noch mehr Detailverliebtheit. Dass das so unglaublich ist, wird man feststellen wenn man sich die früheren (oder sogar ersten) Werke des Studios ansieht – denn die wirkten schon absolut zeitlos und technisch perfekt. So setzt Das Wandelnde Schloss nach Chihiros Reise Ins Zauberland dem Ganzen abermals die Krone auf, und sorgt für das ein oder andere optische Highlight und eine generell sehr ansprechende Szenengestaltung. Sei es das in-sich-verschachtelte Schloss, die wunderbaren Landschaften mit saftig-grünen Wiesen und blauen Ozeanen, die markanten Charaktere oder die schon mehr in Richtung Fantasy gehenden Darstellungen der Dämonen, Verwandlungen und Flugszenen. Und auch die von Miyazaki so geliebten Luftschiffe gibt es zu sehen: diesmal in Form von riesigen Schlachtkreuzern und kleineren, libellenartigen Flugmaschinen. Der Soundtrack weiss mehr als nur zu gefallen; gerade in den emotionaleren Momenten untermalt er die jeweiligen Stimmungen stets adäquat ohne jemals zu aufdringlich oder gar unpassend zu wirken.

Fazit: Das Wandelnde Schloss wandelt reichlich knapp an der Wertungsobergrenze vorbei, stürzt daraufhin kurz und krallt sich dann doch noch im höheren Bereich fest. Die Geschichte ist ähnlich fantasievoll, märchenhaft und zeitlos wie in früheren Ghibli-Werken, die Charaktere sind interessant; neben eher melancholischen Momenten gibt es auch reichlich Action – im Grunde ein Volltreffer (wie Prinzessin Mononoke, 10/10) möchte man meinen. Doch hier gilt leider: nur fast… den dem Film liegen einige negative Aspekte zugrunde, während man nach solchen bei früheren Werken oft vergeblich suchte. Zum einen ist es die Enttäuschung, dass ein Nebencharakter wie Markl zwar reichlich Sympathiepunkte einbringt; auf seine Geschichte aber keinen Bezug genommen wird. Dies ist vielleicht noch zu verschmerzen, zumal dies nicht jeder so empfinden wird – gravierender wird es aber schon in Anbetracht der politischen Szenerie und dem Kriegshintergrund: wirklich nachvollziehen kann man die Ereignisse nie, und gerade gegen Ende scheint sich der Film leicht in seinen eigens gesponnen Fäden zu verheddern. Da prasselt auf einmal viel zu viel auf den Zuschauer ein, ohne dass das Ganze den sonst eigentlich sichtbaren roten Faden erkennen lässt. Und, zu guter letzt hätte man da noch das Ende… über das sich eigentlich nicht streiten lässt. Es ist ohne Zweifel keines der gelungensten. Zusammen mit den zahlreichen positiven Aspekten bleibt zu sagen: ein rührender, märchenhafter Film für jung und alt; der zutiefst menschlich ist. Aber zweifelsohne nicht der beste Ghibli !

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