Filmkritik: „Oliver !“ (1968)

Filmtitel: Oliver!
Regie: Carol Reed
Mit: Ron Moody – Mark Lester – Jack Wild – Shani Wallis – Oliver Reed
Laufzeit: 153 Minuten
Land: UK
Genre: Drama (in Musicalform)

Inhalt: Oliver Twist (Mark Lester) ist ein Junge, der kurz nach seiner Geburt zum Waisen wurde – seine Mutter verstarb nur wenige Momente danach. Offenbar steht sein Schicksal seit diesem Tag unter keinem guten Stern – denn weder scheint der Junge nahe Verwandte zu haben, noch hinterließ seine Mutter einen Hinweis auf ihre Herkunft. So kommt Oliver Twist wie viele andere Kinder in ein örtliches Waisenhaus, in dem es recht ruppig zugeht. Auch Oliver schlägt sich gerade so und mit Ach und Krach durch – bis er an einem verhängnisvollen Tag nach mehr Essen fragt. Denn das gilt als absolut verpönt und unverzeihlich – er soll bestraft, und am besten an irgendjemanden aus der Gegend verkauft werden. Dass ihm sein neues Zuhause, welches von nun an seine vermeintliche Heimat sein soll nicht gefallen würde, ist abzusehen – und so flüchtet er bei der nächstbesten Gelegenheit. Er reist in Richtung London – wo er einen gewissen Artful Dodger (Jack Wild) trifft, der ihm sogleich zu Fagin (Ron Moody) führt, einem Dieb und Tunichtgut, der offenbar eine ganze Schar von Kindern beschäftigt damit sie für ihn auf Raubzüge gehen. Oliver fühlt sich hier schon etwas wohler… doch erst mit dem Auftauchen von Nancy (Shani Welles) schöpft er erstmals richtig neuen Mut. Doch die hat leider den äusserst grimmigen und bösartigen Bill Sikes (Oliver Reed) zum Angetrauten – und der hat im Gegensatz zu Fagin auch kein Problem damit, wenn die Kinder bei einem der Beutezüge verlorengehen oder sogar zu Tode kommen.

Kritik: Ein Film, oder zumindest ein Filmtitel der wirklich jedem bekannt vorkommen sollte – das ist die Geschichte vom wohl berühmtesten Waisenjungen aller Zeiten, Oliver Twist. Die stets zwischen Hoffnung und Deprimiertheit balancierende Erzählung stammt aus der Feder des Schriftstellers Charles Dickens, und erfreut sich seit vielen Jahren einer uneingeschränkten Beliebtheit. Auch im Film hat man diese Geschichte schon lange für sich entdeckt, und die Remake-Welle reisst bis heute nicht ab (letztaktuellste Version von Roman Polanski). Aber, kann man eine solch vielschichtige und dennoch universelle Geschichte überhaupt wirklich sinnvoll in ein Filmformat (dann automatisch im Dramagenre) transportieren, oder sollte man vielleicht doch eher zu etwas… ungewöhnlicheren Mitteln greifen um die Gefühlswelt von Oliver Twist adäquater zu beschreiben ? Diese Ungewöhnlichkeit ist im Grunde gar keine, nur sieht man sie hierzulande eher selten über die Bildschirme flimmern, und schon gar nicht im regulären Abendprogramm: das Zauberwort heisst Musical. Und in diesem Fall: was für eins… !

Eines ist gewiss: möchte man die wohl angenehmste Umsetzung des Buchstoffes in Filmform sehen, so führt kein Weg an dieser Version aus dem Jahre 1968 vorbei. Das besondere ist zweifelsohne der Spagat zwischen einer sehr speziellen, bis ins kleinste Detail ausgefeilten Geschichte in Musicalform, und der unglaublich universellen und zeitlosen Botschaft, die von Oliver Twist ausgeht. Keiner der anderen Umsetzungen vermochte es bisher, diese Gratwanderung so geschickt zu meistern wie das Musical – viele Versionen gelten (vielleicht auch nicht zu Unrecht) als viel zu düster, schwer zugänglich; und laufen daher zumeist unter dem Aspekt des Sparten- oder Nischenprogramms. Nicht so dieses Musical: die ganze Familie, ob jung oder alt; wird an dieser Odyssee ihre Freude haben. Richtig beeindruckend wird es spätestens, wenn man einmal aufmerksam die Kamera (viel zu selten lobt man die Arbeit der Kameraleute, in diesem Fall aber ist es ein Muss) verfolgt. Es ist schier purer Wahnsinn, was dort in manchen Szenenbildern auf die Beine gestellt wurde – hier tobt das Leben in all seinen Facetten, die aufwendigen Choreografien scheinen auch noch im Hintergrund (sehr beeindruckend bei den groß angelegten Szenen mit unzähligen Statisten) perfekt vollzogen zu werden. Und damit offenbart sich endlich auch ein weiterer Aspekt, bei dem die üblichen Filmportierung einfach nicht mithalten können: Oliver Twist ist eine Geschichte mit Höhen und Tiefen, mit nachdenklich stimmenden Aspekten – aber eben auch mit einer riesigen Portion guter Laune und Lebensfreude. Und genau dieser essentielle Aspekt kommt hier sehr gut zum Tragen. Nein, Oliver Twist ist kein schwerfälliges Drama, welches vor dunklen Bildern nur so strotzt. Zumindest sollte es das nicht sein – das haben die Macher hinter dieser Version verstanden. Auch wenn es natürlich den ein oder anderen traurigen Moment gibt, der Geschichte nach geben muss.

Und wer hat bitte den Cast hinter Oliver ! zusammengetragen und instruiert ? Das lässt sich erforschen – doch kurz gesagt; was hier präsentiert wird ist Schauspielkunst auf allerhöchstem Niveau. Und nicht nur das: die Darsteller spielen nicht nur, sondern tanzen, singen und musizieren – eine mehr als beachtliche Leistung. Im Grunde verdienen alle eine gleichermaßen lobende Erwähnung, doch gerade zwei Persönlichkeiten, nämlich Jack Wild als Artful Dodger und Ron Moody als Fagin – stechen immer wieder hervor und spielen hier zweifelsohne die Rollen ihres Lebens. So markiert auch der Willkommensgruß vom Artful Dodger an Oliver einen der ersten (auch musikalischen) Höhepunkte des Films – das Consider Yourself ist ein Stück, welches universeller nicht hätte sein können; und zudem wird es von Jack Wild grandios gesungen. Selbstverständlich hat der Film einen gewissen amüsanten Unterton (da ist er wieder), welcher besonders hier ersichtlich wird. Während sich Oliver und Dodger durch die lebendige Szenerie bewegen, geschehen allerlei Dinge, die man so schnell gar nicht erfassen kann. Dort wird an irgendetwas gewerkelt, dort ein Running Gag inszeniert; und vor allem natürlich: überall wird getanzt und gesungen. Auch die vermeintlich bedrohliche Gerichtsszene ist gespickt von einer allgemeinen Heiterkeit, und wartet mit niveauvollen Seitenhieben auf die ach-so-versierte Gerichtsbarkeit auf. Und, wenn es dann einmal Zeit wird für die ernsteren Momente in der Geschichte – gelingt der Übergang fliessend, ungekünstelt und stets nachvollziehbar. Das Publikum ist eben in der Lage, eine echte Empathie für die einzelnen, sehr authentisch porträtierten Charaktere zu entwickeln.

Besonders stark fällt beispielsweise das Porträt von Fagin auf, dem Oberhaupt der Kinderbande. Man sieht ihm einfach sofort an, dass er ein recht komischer Kauz ist. Und dann auch noch ein Auftraggeber von Raubzügen… ein wahrlich schlimmer Finger, dieser Fagin ! Doch man sollte nicht zu schnell sein was ein Urteil betrifft… gerade dieser Charakter ist ein sehr tiefgründiger mit einer Hintergrundgeschichte (von der man so gut wie nichts erfährt, leider) – in den perfekt eingefangenen Momenten, wo auch er sich einer gewissen, noch viel „böseren“ Gestalt unterwirft, wird dies besonders gut deutlich. Ausserdem wirft dieser Charakter Fragen auf, durchaus zeitlose Fragen – wie die nach dem was „gut“ und was „falsch“ ist beziehungsweise war. Eine Bande von Kindern, die auf Raubzüge geht ? Ja, aber was sollen sie machen – sie haben niemanden ausser Fagin, der sich doch rührender um sie kümmert als es zuerst den Anschein hat. Die Voraussetzung für eine filmische Realisierung der Erzählung von Oliver Twist ist demnach bei allen gegeben: die Story hat ein zeitloses Potential, und dient als Unterhaltung für jung und alt. Aber nicht jeder kann damit umgehen, beziehungsweise ein Gespür für die richtige „Dosis“ entwickeln: immer wieder neu verfilmen, neu vertechniesieren (nun, da jetzt das Zeitalter der 3D-Technik angebrochen ist, wird sich sicherlich mal wieder jemand heranwagen), immer neue Schauspieler und noch „bekanntere“ Namen: doch das ist nicht der „Spirit“ hinter Oliver Twist !

Fazit: Oliver! aus dem Jahre 1969 ist eine großartige, zeitlose und höchst universelle Verfilmung. Der Soundtrack ist wirkungsvoll, die Choreographien aufwendig und opulent, die Darsteller exzellent; und nicht zuletzt die technischen Aspekte wie der fabelhafte Schnitt und die Kamera-Arbeit machen dieses filmische Musical zu einem wahren Genuss. Wenn man etwas negatives zu diesem Werk sagen möchte oder muss, dann sollte sich das höchstens auf eine, meist nicht bemerkte oder verdrängte Tatsache beziehen: Mark Lester (der den Oliver spielt) singt in der Originalfassung nicht selbst – sondern wird von einem Mädchen namens Kathe Green synchronisiert. Ein Mädchen, das für einen Jungen singt… ? Offiziellen Stellungnahmen dazu kann man entnehmen, dass Mark Lester anscheinend keine ausgeprägte Gesangsstimme hatte – dafür aber gut schauspielern konnte. Ganz ehrlich: dann doch lieber etwas „schlechter“ gesungen, als von einem anderen Geschlecht „gedoubelt“ werden. Nun ja, dies ist wahrlich der einzige leicht störende Aspekt an der Originalfassung. Die deutsche sollte man wenn möglich ohnehin vermeiden – zwar sind die Sprechparts gut synchronisiert, aber diese Lieder sollte man einfach in der Originalfassung hören, da wird wesentlich mehr transportiert. Kurzum: nicht nur die zweifelsohne beste Verfilmung der Geschichte von Oliver Twist (das schafft der Film quasi nebenbei), sondern vielleicht auch einer der besten Filme aller Zeiten (das muss man sich verdienen, was der Film definitiv getan hat).

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4 Gedanken zu “Filmkritik: „Oliver !“ (1968)

  1. ich finde dieses musical total geil!
    Diese dvd will ich auch haben aber ich kenn die isbn nummer net
    kann mir jemand die isbn nummer und den preis sagen und wo man die dvd kaufen kann?
    Thx im vorraus

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    1. Hi, guten Geschmack hast du ja 😀

      Also auf meiner DVD steht folgende ISBN (Barcode): 4 030521 100480

      Aber normalerweise solltest du die DVD in jedem handelsüblichen Shop finden können, Amazon.de hat sie auf jeden Fall ! Einfach mal „Oliver!“ eingeben und die Jahreszahl (1968).

      Lg, Oliver

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  2. Ich korrigiere dich mal frech es heißt „das Mädchen“, nicht „die“. 😀 Nö, find ich auch nich gut sowas, auch wenn’s ein anderer Junge für ihn gesungen hätte. Ich gehe davon aus, wenn jemand an einem Musical mitwirkt, dass derjenige auch selbst singt, alles andere is Betruch. 🙂
    Aus irgendeinem Grund hat mir Oliver Reed damals sowieso Angst gemacht, muss wohl am Film „Burnt Offerings (Landhaus der toten Seelen)“ -mit einer betagten Bette Davis – gelegen haben. Dieser Film u.a. hatte mir ein jahrelanges verdrängtes Kindheitstrauma verschafft! LOL
    Beim Namen Fagin muss ich übrigens immer an Faggot denken. LOL

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    1. Ebenfalls korrigiert (Kommentar) ^^

      Hjäch, die Mädels… tja, wenn ich von einer so bezaubernden Singstimme abgelenkt werde, dann passieren eben Fehler… 😉

      Und stimmt, Oliver Reed kommt (auch hier) echt fies daher, vor allem mit diesem eiskalten Blick. Das geht unter die Haut !

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