Filmkritik: „Stimme Des Herzens“ (1995, Studio Ghibli #9)

Originaltitel: Mimi O Sumase Ba
Regie: Yoshifumi Kondō (Studio Ghibli)
Mit: /
Laufzeit: 111 Minuten
Land: Japan
Genre: Animationsfilm

Inhalt: Shizuku Tsukishima ist ein lebendiges 14-jähriges Mädchen, welches die Mittelschule in Tama New Town, einem Außenbezirk von Tokio, besucht. Es scheint, als würde sie gerade eine schwierige und leicht experimentelle Phase durchmachen – immerhin steckt sie inmitten der Pubertät. Zum Bedauern ihrer Eltern verschlechtern sich ihre Leistungen in der Schule, als sie sich einem erst noch geheim gehaltenen, persönlichen Projekt widmet. Doch inspiriert vom gleichaltrigen Seiji Amasawa, der bald für 2 Monate nach Italien reisen würde um seine Fähigkeiten als Geigenbauer unter Beweis zu stellen, will nun auch Shizuku sich einer selbstauferlegten Prüfung unterziehen – sie beginnt, an einem eigenen Buch zu schreiben. Dies würde sie als erstes dem netten alten Besitzer des Ladens zeigen, der sie stets so freundlich behandelt – um je nach Reaktion ihre Zukunftspläne gegeneinander abzuwiegen. Sollte sie doch lieber eine höhere Schule besuchen, oder gar ihren ganz eigenen Weg gehen; oder sogar beides miteinander kombinieren ? So wird Shizuku ganz plötzlich erwachsen, und sehnt sich alsbald nach der Rückkehr von Seiji, da die beiden noch nicht viel Zeit miteinander verbringen konnten. Und wer weiss, vielleicht wird am Ende ja doch noch alles gutgehen und eine große Liebe aus der Freundschaft entstehen.

Kritik: Anfang der 90er Jahre schmiedete das Produktionsstudio Ghibli einige etwas dezentere, ruhigere Filme die nicht so explizit in Fantasywelten angesiedelt waren wie frühere Werke (Das Schloss Im Himmel) oder viele der späteren (beispielsweise Chihiros Reise Ins Zauberland). Mit Tränen Der Erinnerung legte Isao Takahata (nach dem Sensationserfolg Die Letzten Glühwürmchen) den ersten dieser deutlich melancholischeren, sehr authentisch und ungekünstelt wirkenden Animes vor – in denen es um eine junge Frau geht, die sich an ihre Kindheit erinnert. 1993 folgte dann Tomomi Mochizuki mit Flüstern Des Meeres, welcher eine noch explizitere Anime-Liebesgeschichte war. Und nun also darf sich Yoshifumi Kondō an der (im ungefähren ähnlichen) Thematik versuchen, indem er den Zuschauern einen ähnlich kitschig klingenden Titel (zumindest sofern ins Deutsche übersetzt) namens Stimme Des Herzens präsentiert. Jedoch sollte man vorsichtig sein, was Vergleiche mit ähnlich klingenden, deutschen Produktionen (beispielsweise in Form von öden Liebesschnulzen auf ARD oder ZDF – Stichwort Degeto) betrifft. Nein, Stimme Des Herzens zeichnet sich abermals durch den längst etablierten, speziellen Ghibli-Charme aus. Zum einen durch den wunderbaren, unverkennbaren Zeichenstil – und zum anderen durch das Porträt eines jungen Mädchens und ihrer Gefühlswelt, ähnlich wie schon in Kikis Kleiner Lieferservice.

Dieses Mal aber wird das Ganze noch ein wenig mehr in Richtung Coming-Of-Age, Romanze und direkte Realität geschoben – was, und das mag so manchen überraschen – doch ungemein gut gelingt. Sowohl der weibliche Hauptcharakter Shizuku wie auch ihr Umfeld – alles wirkt sehr authentisch und nachvollziehbar, und zusätzlich mit einer großen Detailverleibtheit inszeniert. Die liebevolle Charakterzeichnung erlaubt es dem Zuschauer, ab der ersten Minute ein nicht unerhebliches Maß an Empathie für den Charakter zu empfinden – unabhängig davon, welchem Geschlecht oder welcher Altersklasse er angehört. Für jeden ist etwas dabei, und jeder mag ein wenig anders, aus einer anderen Perspektive über Shizuku und ihre Aktionen denken – dass der Film dies aber überhaupt erlaubt, zeugt davon, dass es sich bei Stimme Des Herzens zweifelsohne um einen Familienfilm allererster Güteklasse handelt. Denn nicht nur jüngere Zuschauer werden ihre Freude an der sehr kindgerecht erzählten Geschichte (ohne Anzeichen von Gewalt oder Vulgärsprache) haben – auch für die Erwachsenen gibt es reichlich an Aspekten, die selbige in einer angenehmen Melancholie schwelgen lassen werden. Dabei ist in erster Linie nicht die sich anbahnende Liebesgeschichte das Maß aller Dinge (die ohnehin nur sehr dezent angedeutet wird, wie stets bei Ghibli-Filmen), sondern Shizuku’s Reise zu sich selbst; der Übergang vom eher kindlichen Wesen hin zu einer deutlich reiferen Jugendlichen.

Gerade dieses zeitlose Porträt verdient die höchste Anerkennung – denn durch die geschickt eingesetzten Schriftstellerversuche ihrerseits wird diese Brücke sinnbildlich und mithilfe einer sagenhaften Bildersprache geschlossen. Erstmals verwendete das Studio auch „echte“ CGI-Szenen in eben diesen Traumsequenzen – was aber keinesfalls stört oder sich generell markant abhebt, da die Dosierung doch recht angenehm ausfällt. Im Großen und Ganzen regieren eben immer noch die typisch-chramenten Ghibli-Zeichnungen, bei denen vor allem die Gesamtkomposition in den Szenenbildern immer absolut schlüssig erscheint. Seien es die detailreichen Hintergründe mit unzähligen Details, das Innere eines kleinen Krämerlädchens in einer gestochen scharfer Qualität, die nett gezeichneten Charaktere oder die flüssigen Animationen – hier stimmt einfach alles. Und auch der Soundtrack fügt sich perfekt zu diesem technisch erhabenen Gesamteindruck: leicht verträumte, melancholische Töne untermalen die jeweiligen Szenen, und kommen dabei niemals zu aufdringlich daher. Übrigens, wer den Titel Country Roads mag, wird zusätzlichen Gefallen an diesem Anime finden – es finden sich einige sehr gefühlvolle Versionen darin. Irgendetwas muss dieser Anime dann aber doch noch haben, was ihn von früheren Ghibli-Produktionen, in denen es sich um Mädchen und ihre Gefühlswelten dreht, abhebt (vor allem vom ansatzweise vergleichbaren Flüstern Des Meeres) – und zwar in einer positiven Art und Weise.

Und das ist zweifelsohne die einwandfreie Verwirklichung der im Grunde relativ simpel gestrickten Geschichte. Yoshifumi Kondō bewies hier wahrlich ein Händchen für die geschickte Verknüpfung der zeichnerisch-technischen Aspekte und den Feinheiten in der Geschichte – sodass dem Film ein gewisser zu spürender, beinahe schon „warmer“ Unterton zugrundeliegt. Ein zutiefst menschlicher noch dazu – der das Aufwachsen eines Mädchens in allen Facetten, mit allen Höhen und Tiefen aufzeigt und dabei nie effekthascherisch oder sensationsgierig daherkommt. Eindeutig kann man hier das mehrere Prädikate vergeben, wie eben: kindgerecht, familientauglich, zeitlos, romantisch, kulturell und pädagogisch wertvoll. Schließlich erhält man als internationaler Zuschauer einen noch größeren Einblick in die Kultur und Familientradition Japans als noch in Tränen Der Erinnerung. Und auch das „Problem“ mit der Zielgruppe kommt mit Stimme Des Herzens endgültig vom Tisch: weder sollte er jüngeren zu langweilig oder zu anspruchsvoll (Tränen Der Erinnerung) erscheinen, noch sollte er zu kindisch für die Erwachsenen (teilweise Porco Rosso) sein.

Fazit: Es ist / war soweit: im Jahre 1995 erblickte ein weites, uneingeschränkt empfehlenswertes Ghibli-Werk das Licht der Welt – was nach den etwas schwächeren der Jahre davor (Flüstern Des Meeres, Pom Poko) nur allzu passend erscheint. Bravo – es gibt beinahe nichts, was man hätte besser machen können in oder an diesem Werk. Beinahe ? Richtig, denn als einziger nicht ganz „runder“ Aspekt könnte das Ende des Films betrachtet werden. Hier geht plötzlich alles recht schnell, und ein gewisses „Versprechen“ wirkt vielleicht nicht ganz so nachvollziehbar dargestellt wie der Rest. Sei es drum – die Vorzüge der Natur und der Zivilisation, ein Mädchen auf dem Weg zur Frau, die erste zaghafte Liebe; und die japanische Kultur und Erwartungshaltung die über all dem schwebt – dieser ehrliche Film ist ein Fest für die Augen (Ghibli eben) und Sinne. Und auch etwas für’s Herz… ein echter Geheimtipp !

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