Filmkritik: „Pom Poko“ (1994, Studio Ghibli #8)

Originaltitel: Heisei Tanuki Gassen Pompoko
Regie: Isao Takahata (Studio Ghibli)
Mit: /
Laufzeit: 118 Minuten
Land: Japan
Genre: Animationsfilm

Inhalt: Tokio in den sechziger Jahren. Im Tama-Hügelland wird ein komplettes Naturschutzgebiet gerodet und für den Bau einer neuen, modernen Vorortsiedlung verplant – schließlich wächst die japanische Bevölkerung mehr und mehr und braucht dementsprechend mehr Lebensraum. Dass der aber im Lebensgebiet einer ansehnlichen Marderhundbevölkerung erschlossen werden soll, sorgt bald für einige Probleme. Erst bekämpfen sich die Tiere noch gegenseitig und in Revierkämpfen, doch schnell müssen sie einsehen, dass der Mensch der eigentliche Feind aller Marderhunde ist – den es fortan zu bekämpfen gilt. Doch wie sollte man das anstellen, gegen einen so übermächtigen Feind vorzugehen ? Einige scheinen keine Skrupel zu kennen und wollen gar möglichst viele Bauarbeiter töten – andere suchen nach einer besonnenen Lösung. So besagt eine alte Legende, dass Marder neben den Füchsen wahre Meister der Gestaltwandlung sein können, würden sie nur hart genug trainieren – und genau damit beginnt das hier ansässige Volk. So lehren die älteren, weisen Marder den jüngeren diese Kunst – und halten sie an, die Menschen lediglich zu erschrecken. So könnte man ihnen vielleicht den nötigen Respekt vor der Natur und geheimnisvollen Kräften vermitteln – eine große Geisterparade stellt dabei den organisatorischen Höhepunkt dar. Alle Kräfte werden gebündelt, die Show ist ein großer Erfolg – doch wieder ist es ein Mensch, der ihnen dazwischenfunkt. Ein Vergnügungsparkdirektor behauptet nämlich, dass dies sein Werk gewesen sein soll… wird es für die Marderhunde und die Menschen eine friedliche Lösung geben ?

Kritik: Pom Poko ist eine weitere Anime-Produktion aus dem renommierten Hause Ghibli – und abermals zeichnet sich der erfahrene Isao Takahata als Regisseur verantwortlich, der mit Titeln wie Die Letzten Glühwürmchen oder Tränen Der Erinnerung große Erfolge feierte. Pom Poko schließt hierbei an eine Entwicklung an, die seit dem großen international Erfolg von Die Letzten Glühwürmchen ersichtlich ist: während dieser noch sehr universell und für jedermann zugänglich war, kam bereits Tränen Der Erinnerung etwas spezieller daher, es war ein Film der gewiss nicht für ein Massenpublikum gemacht worden ist. Ruhige Töne und eine persönliche Emotionalität prägten die Gesamtwirkung – und vor allem die explizite, größtmögliche Anlehnung an die Realität. Und so ist auch Pom Poko ein Werk, welches einen unübersehbaren Bezug auf die Gegenwartsrealität nimmt, und dabei wichtige Botschaft in Bezug auf Ökologie und Soziologie geschickt zu verpacken weiss. Wer also groß angelegte, geradezu fantastische Fantasywelten mit einigen wenigen „Helden“ als Charakteren erwartet, der wird hier nicht die vollste Erfüllung finden. Aber auch die eigentlich angepeilte Zielgruppe ist nicht derart eindeutig ersichtlich wie bei anderen Ghibli-Produktionen: hierzulande erhielt der Film eine Altersfreigabe ab 6, wobei er ohnehin nach einem sehr kindgerechten Werk aussieht. Putzige Marder, die schöne Natur die es zu beschützen gilt; und allerlei Szenen die sich um Freundschaft, Zusammenhalt oder sogar die Liebe drehen.

Aber, und das macht Pom Poko nicht zu einer uneingeschränkt empfehlenswerten Produktion für jüngere Zuschauer – kommt er auch mit allerlei stark gewöhnungsbedürftigen Aspekten und Inhalten daher. So ist es zwar nachvollziehbar, dass es in der Gruppe der Marder so etwas wie einen Provokateur gibt, der mit allen Mitteln gegen die Menschen vorgehen würde – dass dann aber tatsächlich auch Menschen sterben, ist etwas anderes und gehört nicht wirklich in einen kindgerechten Anime dieser Art. Doch nicht nur das, als äusserst makaber wird vielen auch die Tatsache daherkommen, dass die Marder sich ständig ihrer… Hoden bedienen, um im Zuge der Gestaltwandlung daraus andere Dinge entstehen zu lassen (!). Auch hier muss man ganz klar sagen: sehr subtil wirkt das nicht, auch wenn sich um eine anatomisch korrekte Darstellung der Marder bemüht wurde. Seinen Höhepunkt findet das Ganze, als eine Gruppe der aggressiveren Marder so etwas wie riesige Kanonenkugeln daraus formen (was doch merklich abstossend wirkt), oder als gar der Erzähler der Geschichte diesen Aspekt erwähnt (sie dehnten seine Hoden so weit es nur ging). Entschuldigung – es mag fraglich sein ob das nur hierzulande äusserst pietätlos wirkt… Internationalität ist auch das Stichwort in Bezug auf viele Gags, die hierzulande wohl nicht so gut und vor allem nicht so zweideutig daherkommen wie im Ursprungsland Japan. Schließlich finden sich auch allerlei Seitenhiebe auf die dortige Kultur und Historie wieder, bei denen hierzulande nicht immer klar sein wird, auf was angespielt wird. Man muss also von einer deutlich geringeren Universalität als noch bei Die Letzten Glühwürmchen oder Tränen Der Erinnerung sprechen.

Und das trotz der eigentlich recht klaren Hauptaussage, den eindeutige Botschaften in Bezug auf ein zu wünschendes, symbiotisches Leben von Menschen und Tieren. Definitiv muss man sich fragen, ob dem Film eine andere Herangehensweise nicht besser getan hätte als die vorliegende. Denn betrachtet man Pom Poko im Sinne eines Kinderfilms, eines Öko-Animes oder wie-auch-immer man ihn denn am liebsten kategorisieren würde – so stellt sich letztendlich heraus, dass ihm ein wichtiger Aspekt fehlt. Ein echter Spannungsbogen nämlich, eine immer bewegendere Entwicklung der Ereignisse, und bestenfalls ein fulminantes Finale mit einer netten Moral. Gut, die gibt es zwar – doch man könnte in Gedanken den gesamten Marder gegen Menschen-Teil ersatzlos streichen. Denn, die hier stattfindenden Ereignisse haben absolut keinen Einfluss auf das Finale, das Ergebnis wenn man so will. Dieses Resümee wie es im Finale stattfindet, hätte man auch direkt nach den ersten 5 Minuten ziehen können. Die Menschen stehen ganz oben in der Nahrungskette, das ist eben so – und die Tiere ziehen oftmals den kürzeren. Da bleibt ihnen nichts anderes, als sich mit weniger zufriedenzugeben und sich zu arrangieren – aber ohne, dass sie ihren „Stolz“ verlieren. Doch dafür braucht man beileibe keinen knapp 2stündigen Film, der ohnehin nicht gerade mit den markantesten, einprägendsten Charakterporträts aufwartet. Interessant: alle Ansätze, die aus dem Film „mehr“ gemacht hätten, werden einfach fallengelassen. Besonders ärgerlich und auffallend ist das in Bezug auf die Medienberichterstattung im Film, die dann wohl doch nicht mehr so realitätsbezogen daherkommt wie eigentlich angepeilt. Ja, was war denn nun eigentlich mit dem finalen Interview, in dem sich die Marder den Menschen offenbarten ?

Fazit: Keine Antwort. Immerhin, technisch ist das Ganze abermals sehr versiert und beeindruckend ausgefallen. Die Zeichnungen sind nett, die Charaktere wirken niedlich, die späteren Verwandlungen leicht gruselig-fantasievoll. Eigentlich die perfekte Voraussetzung für einen guten Kinder-Animefilm – doch oben genannte Aspekte machen diesen Eindruck wieder leicht zunichte. Diese Story ist einfach nicht sonderlich wirkungsvoll, im internationalen Sinne. Der Japaner mag mehr darin sehen und wiedererkennen – und selbst denen sollte die Story trotz des zusätzlichen Charmes viel zu flach, die Aussage plump und vorhersehbar, die vielen merkwürdigen Elemente eher lächerlich vorkommen. Absoluter Durchschnitt und sicherlich keiner der uneingeschränkt empfehlenswerten Ghibli-Filme.

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