Filmkritik: „Tränen Der Erinnerung“ (1991, Studio Ghibli #5)

Originaltitel: Omoide Poro Poro
Regie: Isao Takahata (Studio Ghibli)
Mit: /
Laufzeit: 118 Minuten
Land: Japan
Genre: Animationsfilm

Inhalt: Die 27-jährige Taeko ist noch unverheiratet und arbeitet als Angestellte in einem Büro in Tokio. Im Grunde ist sie zufrieden mit ihrem Leben, doch sie scheint irgendwo in ihrem Inneren ein ungewisses Gefühl zu spüren. Ein Gefühl, welches aus ihren bisherigen Erfahrungen und den Erwartungshaltungen ihrer Freunde und Verwandten resultiert. Schließlich wundern die sich schon, warum Taeko als 27-jährige noch keinen Ehemann in Aussicht hat. Eines Tages schlägt ihre Schwester Nanako vor, dass sie doch ein paar Tage auf das Land fahren könnte um Urlaub zu machen. Für Taeko kommt dies gerade recht, da sie seit ihrer Kindheit eine heimliche Bewunderung für das Land und das Leben dort hegt. Auf ihrer Fahrt erlebt sie dann lebendige Erinnerungen an die Vergangenheit – an die Dinge, die sie als 10-jährige Taeko erlebte. Ihre Schulzeit, ihr Leben im Elternhaus, ihre erste Liebe… alles kommt wieder hervor, und Taeko ist sich noch nicht sicher, warum gerade jetzt. Doch während ihres Aufenthaltes auf dem Land findet sie Zeit und Muße, weitere Erinnerungen zuzulassen und sie zu erforschen – während sie die Bauern nebenbei tatkräftig bei der Landarbeit unterstützt.

Kritik: Und, selbstverständlich darf der geneigte Zuschauer an all diesen Prozessen teilhaben. Bei Tränen Der Erinnerung handelt es sich um weiteren Gihbli-Film, dem höchst renommierten Produktiosstudio aus Japan – zudem zeichnet sich Isao Takahata für die Regie verantwortlich, der mit seinem Meisterwerk Die Letzten Glühwürmchen für (berechtigte) Fuore und Begeisterungsstürme sorgte. 3 Jahre nach der Veröffentlichung des Kriegsdramas folgt nun einer weiterer Anime-Spielfilm – und wieder handelt es sich um ein Drama. Und was für eins: in erster Linie um ein für das Anime-Genre absolut untypisches. Während bereits Die Letzen Glühwürmchen ohne Zweifel als „erwachsener“ Anime durchgehen konnte, setzt Tränen Der Erinnerung diese Tradition fort, hebt sie gar auf das nächste Level: übertriebenen Slapstick, hektische Actionszenen, irrwitzige Dialoge oder generell sonstige Anime-typische Elemente (große Augen zum Beispiel) wird man in diesem Werk nicht finden. So hebt sich diese Produktion merklich von anderen (auch Ghibli-) Produktionen aus Japan ab, und zeugt von einer enormen erzählerischen Intensität und -Emotionalität. Haupt Dreh- und Angelpunkt des Films sind die Charaktere, vor allem natürlich Taeko – dementsprechend zeitintensiv wird ihr Porträt ausgearbeitet. Und das gelingt erstaunlich gut !

So hat der Film nicht gerade wenig Stärken zu bieten: besonders markant (und relativ schnell zu Beginn ersichtlich) sind die Zeitschienenwechsel zwischen der „heutigen“ (Ende der 80er, siehe Produktionszeitraum) und den Erinnerungen von Taeko an ihr damals 10-jähriges ich.  Hierbei wird nicht einfach nur hin- und her gewechselt, was sicher in einer gewissen Unübersichtlichkeit geendet hätte – die Szenen sind (wie auch generell in Mangas) stilistisch klar voneinander getrennt. Das „heute“ erstrahlt in satten Farben, opulente Landschaften und zahlreiche Details schmücken die Szenerie – währen die Vergangenheit eher in einem etwas „muffig“ wirkenden 60er-Jahre-Stil daherkommt. Die dominierenden Farben bestehen hier aus Brauntönen; und zudem soll der Eindruck einer gewissen „Verschwommenheit“ (passend zu der Tatsache, dass es sich um Erinnerungen handelt) entstehen. Dies gelingt wahrlich fabelhaft – sowohl das heute als auch die Vergangenheit wirken tadellos in Szene gesetzt, die Voraussetzung für das Aufkommen von Empathie für den Hauptcharakter ist also definitiv geebnet. Und tatsächlich kann man sich (ob nun männlicher oder weiblicher Zuschauer) recht gut in Taeko hineinversetzen, die ihre ganz persönliche Midlife-Crisis (gut, das ist es nicht wirklich; doch so muss man es sich vorstellen) bereits Ende ihrer 20er-Jahre erlebt. Das bisherige Leben wird vor allem in Bezug auf die berufliche Karriere noch einmal in Frage gestellt – man hält inne, und fragt sich: ist es wirklich das, was ich immer wollte ?

So wirkt Tränen Der Erinnerung wie eine höchst authentische Erzählung (selten kann ein so hohes Authenzitätsniveau in einem Anime generiert werden) mitten aus dem Leben. Einzelne Szenen aus dem Alltagsleben der Protagonisten unterstützen diesen Eindruck zusätzlich: wenn die junge Taeko ein Matheproblem hat, und ihre große Schwester ihr widerwillig die Aufgaben erklären muss, beispielsweise. Oder, wenn die nun erwachsene Taeko ihre Liebe zur Landwirtschaft entdeckt, und alle sie dabei auf ihre Art und Weise unterstützen – und sei es nur durch einen freundlichen Blick. Die interessantesten Szenen des Films finden sich jedoch zweifelsohne in der Vergangenheit – es macht einfach Spaß, die Erinnerungen von Taeko mitzuerleben und sie möglicherweise auch aus einer heutigen Sicht (wie in der Fahrzeugszene gegen Ende) einmal ganz anders gedeutet zu bekommen. Nun, all dies sind eindeutige Stärken des Films, der insgesamt und trotz seiner langen Spieldauer (knapp 2 Stunden, das ist schon was für einen Anime, vor allem wenn es sich um ein Drama handelt) gut zu unterhalten vermag. Dass Isao Takahata sein Handwerk als Regisseur versteht, steht vollkommen ausser Frage. Aber, es gibt auch Aspekte, die den Film nicht in den (Ghibli-) Anime-Olymp auf Positionen neben Nausicaä oder auch Kiki’s Kleiner Lieferservice (als Anime für Kinder) schweben lassen.

In erster Linie ist dass die eben schon erwähnte Spieldauer – zwar gibt es nie wirkliche Momente des Leerlaufs, doch einige Szenen kommen dem schon erschreckend nahe: wenn Taeko im Auto sitzt und mit ihrem Vater über dieses oder jenes plaudert, beispielsweise. Man darf es nicht falsch verstehen: diese Dialoge sind gut gemacht und zudem recht informativ; doch wirklich bedeutsam in Bezug auf die Geschichte sind sie nicht. Weiterhin werden in solchen Momente alle anderen Aspekte, die einen Anime sonst „stark“ machen, zurückgeschraubt: der Fokus (beziehungsweise der Zoom) liegt auf den Gesichtern der Charaktere, Schwenks auf die (malerischen !) Landschaften gibt es nur höchst selten. Die vielleicht größte Enttäuschung findet sich jedoch in Bezug auf die Verknüpfung der Erinnerung mit dem „heute“: offensichtlich gibt es nicht immer eine Verbindung, eine direkte schon gar nicht. Wenn, dann sind die dargestellten Emotionen und Erlebnisse im großen und Ganzen zu sehen, meist geben sie einen Hinweis auf die Persönlichkeit Taekos. Einerseits ist das positiv, da dieser Film so abermals mit gängigen Traditionen bricht (keine „schlimme“ Kindheit oder nachhaltige Erlebnisse), andererseits aber schmälert dies etwas den Filmgenuss, gerade in Bezug auf den Filmtitel und den damit verbundenen Erwartungen. Im Finale des Films werden dann noch einmal Vergangenheit und Präsens verknüpft – erstmals explizit, zudem noch von einem äusserst gelungenen Soundtrack untermalt. Hier schwappen dann doch noch einmal einige Emotionen über – man denkt über den gesehenen Film, aber vielleicht auch über sein eigenen Leben (und die Verbindung von Kindheitsvorstellungen und -Erwartungen im Vergleich mit dem jeweiligen heutigen ich) nach.

Fazit: Tränen Der Erinnerung ist ein ungewöhnlicher Anime – zweifelsohne ein äusserst gut gemachter und intensiv erzählter. Kleinere Enttäuschungen bieten dagegen die (glücklicherweise seltenen) „echten“ Durststrecken, beispielsweise mit den Dialogen die eher unter der Sparte „Allgemeininformationen“ laufen als dass sie der Dramaturgie nützlich wären – und die nicht ganz so explizite Verknüpfung der Vergangenheit mit dem heute. Ein Großteil spielt sich eben im Kopf (und im Herzen) von Taeko ab – sowohl damals, als auch heute. Dass ist eine äusserst realitätsnahe Herangehensweise eines Porträts, doch daraus kann folgen, dass man als Zuschauer nicht immer eine Verbindung zu Taeko herstellen und ihre Gedankenwelt nachvollziehen kann. Zumindest das Ende „räumt“ dann (emotional) noch einmal entgültig auf und sollte selbst die hartgesottensten Zuschauer zu der ein oder anderen Träne rühren. Da erscheint es schon fast etwas schade, dass ein wenig dieser „Magie“ nicht auch schon während des Films zu sehen und zu spüren ist – einzig bei dem Porträt der ersten Liebe Taeko’s war dies wohl mitunter der Fall (die schamhaft-roten Gesichter, der bildliche „Aufstieg in den Himmel“) – großartig. Mindestens einen weiteren, bisher nicht erwähnten Pluspunkt kann dieses Werk dann aber doch noch für sich verbuchen: man erhält als internationaler Zuschauer einen dezenten Blick in die Kultur Japans: sei es in Bezug auf die (oftmals strengen) Erwartungshaltungen innerhalb einer Familie, den „Patriarchismus“ (letztendlich entscheidet doch der Vater) oder die Bedeutung der Begrifflichkeit sein Gesicht verlieren. Alles in allem – eine klare Empfehlung, aber im Gegensatz zu Nausicaä oder Das Schloss Im Himmel längst nicht mehr eine uneingeschränkte – Tränen Der Erinnerung ist ein merklich unkonventioneller, nicht so „epischer“ und schlicht etwas ungewöhnlicher Streifen. Dementsprechend wird er auch nicht jedem zu 100% zusagen. Aber wen stört das schon…

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