Filmkritik: „Kikis Kleiner Lieferservice“ (1989, Studio Ghibli #4)

Originaltitel: Majo No Takkyubin
Regie: Hayao Miyazaki
Mit: /
Laufzeit: 103 Minuten
Land: Japan
Genre: Animationsfilm

Inhalt: Die 13-jährige Kiki ist aufgeregt – sie hat sich kurzerhand entschlossen, dass ihr „Hexenjahr“ in genau diesem Moment beginnen soll. Und dass, wo ihr Vater extra noch eine Campingausrüstung für einen Ausflug organisiert hat – doch es handelt sich hierbei um eine uralte, unumstößliche Tradition in Hexen-Familien. So zieht Kiki auf ihrem Besen aus, die Welt zu erkunden – und sich eine Stadt zu suchen, in der sie für die Dauer des Jahres leben könnte. Doch es sollte nicht irgendeine Stadt sein – sie hat genaue Vorstellung von ihrem zukünftigen Wohnort. Allerdings gibt es eine Voraussetzung, nämlich die, dass in der jeweiligen Stadt noch keine Hexe leben darf… kurz darauf entdeckt sie eine malerische Stadt am Meer, und erntet die ersten erstaunten Blicke der Bewohner. Eine waschechte Hexe hat man hier lange nicht mehr gesehen – so denkt auch eine hochschwangere Bäckereidame, die Kiki prompt ins Herz schließt und bei sich aufnimmt. Von nun an hilft sie in der Bäckerei aus, gründet aber auch ihr erstes kleines Privatgeschäft: einen – natürlich fliegenden – Lieferservice !

Kritik: Bei Kiki’s Kleiner Lieferservice handelt es sich um einen weiteren Film von Anime-Altmeister Hayao Miyazaki, zu dem es hier ein kleines Special mit weiteren Beiträgen gibt. Und so ist es kaum verwunderlich, dass auch dieser Anime längst einen gewissen Kultstatus innehat – in Anbetracht des Produktionsstudios Ghibli abermals nicht zu Unrecht. Man kann alle Filme aus dieser Anime-Schmiede vorbehaltlos empfehlen – da bildet auch dieser Klassiker aus dem Jahre 1989 (damit einer der früheren Ghibli-Filme) keine Ausnahme. Was hierzulande die Hexe Bibi Blocksberg ist, ist in Japan Kiki – jedoch mit einem kleinen aber feinen Unterschied. Denn wie alle Miyazaki-Filme bietet Kiki’s Kleiner Lieferservice eine absolut generationsübergreifende Portion Charme, die den Film für beinahe jede Zuschauergruppe interessant macht. Sowohl die allerkleinsten werden altersgerecht unterhalten – aber auch die älteren haben einiges zum Staunen und zu entdecken; mehr noch als bei Mein Nachbar Totoro, der aufgrund der „plüschigen“ Figuren noch weitaus deutlicher einem jüngeren Publikum zugeschnitten war. In der Tat – Kiki’s Kleiner Lieferservice ist ein Film für jung und alt, der bestens unterhält und zudem ein wahres Fest für die Augen ist.

Warum das so ist ? Ghibli-Filme sind eben dafür bekannt und beliebt, dass sie sehr detailreich und ausgearbeitet sind – sowohl in Bezug auf die zeichnerisch-optischen Aspekte, als auch in Bezug auf die Inhalte. Letzterer ist im Endeffekt relativ simpel gehalten (was in diesem Fall nicht stört, im Gegenteil) und erschließt sich damit auch sofort den allerkleinsten – eine junge Hexe geht für ein Jahr auf Entdeckungsreise und hat dabei allerlei Schwierigkeiten zu meistern. Was für die Kinder eine optimale Identifikationsfigur ist – die schüchterne, zierliche Kiki – bietet für die älteren allerhand Assoziationsmöglichkeiten, was einen weiteren markanten Unterschied zu europäischen Kinderfilmproduktionen darstellt. Schließlich könnte man das gesamte Hexenjahr bestens mit etwas gleichsetzen, mit dem wir alle umzugehen haben: dem Beginn der Pubertät. So sieht man wunderbar, wie die Eltern Kiki am liebsten noch bei sich behalten würden, es aber auch einsehen, dass es für sie „Zeit“ ist. Sie verlässt das Elternhaus (sinnbildlich für den natürlichen Abnabelungsprozess), und muss erstmals in ihrem Leben Aufgaben bewältigen, für die sie ganz allein die Verantwortung übernehmen muss. Ja, auch die kleine Kiki wird erwachsen. Besonders bewegend erscheinen hierbei die Szenen, in der Kiki erstmals merklich verzweifelt und droht, ihre Zauberkräfte zu verlieren – für Jungs interessiert sie sich noch nicht so sehr, und so blockt sie die Annäherungsversuche eines netten Nachbarsjungen immer wieder ab. Zum Glück findet sie aber in einer Aussteigerin eine echte Freundin, bei der sie unterkommen und sich austauschen kann. Diese Gespräche zwischen den beiden gehören mitunter zu den (pädagogisch wertvollsten) Momenten im Film.

Und eben dieses Porträt zeichnet den Film aus – da es in höchsten Maßen einfühlsam, geschickt und im Sinne des Unterhaltungswertes dabei auch noch spannend ausgefallen ist. Kiki’s Kleiner Lieferservice hat alles – eine zarte Coming-Of-Age-Geschichte, eine Portion Magie (aufgrund des Hexendaseins), eine Portion Abenteuer (aufgrund des neuen Lebens in einer neuen Stadt) und einen hervorragenden technischen Part. Es ist schier unglaublich, welche Details in einzelnen Szenen ersichtlich werden – immer und überall, ganz besonders aber in den belebteren Szenen. Es beginnt mit dem Eindruck der überaus satten, bunten Farben; und findet erstmals einen Höhepunkt, als Kiki mit dem Besen auf die Küste der Stadt am Meer zufliegt. Bereits hier wird deutlich, wie liebevoll gestaltet die einzelne Szenen eigentlich sind. Möwen fliegen umher, Fischer winken Kiki zu, das Meer funkelt in der Sonne… hier muss einfach gute Laune aufkommen. Doch e geht noch viel weiter: zu den absoluten Sehenswürdigkeiten gehören mitunter das wuselnde Stadtleben mit spazierenden Menschen und fahrenden Autos,wahnsinnig detailreiche Szenen innerhalb von Geschäften (der Bäckerei oder einem Supermarkt), oder aber die schönen Szenen in der Natur (im Wald, am Strand). Auch die Charaktere sind perfekt ausgearbeitet – in optischer Hinsicht erwecken sie einen sympathischen Eindruck, aber auch von der Charakterisierung findet keine oberflächliche schwarz-weiss-Zeichnung statt. Es scheint, als entspringen die Charaktere direkt dem Leben – auch die typischen, klischeebehafteten Bösewichter gibt es dieses Mal nicht.

Fazit: Ein Film, der (fast) alles richtig macht. Er ist höchst emotional, und transportiert pädagogische Botschaften sensibel zwischen den Zeilen; er erschafft ein größtmögliches Maß an aufkommender Empathie, und die Tatsache, dass es dabei augenscheinlich um „Hexen“ geht, wird sich letztendlich als gar nicht mehr ausschlaggebend herausstellen… dabei ist der Film auch noch absolut altersunabhängig zu empfehlen. Ein hervorragender zeichnerischer Part rundet das Ganze ab – und auch der nette Soundtrack braucht sich gewiss nicht zu verstecken. Dass es nicht zu einer Höchstwertung kommt, liegt einzig und allein an einem kleinen Negativaspekt in der Dramaturgie: so kommt das Ende des Films letztendlich doch recht abrupt und plötzlich daher (gleich nach dem Spannungs-Höhepunkt des Films); weshalb die Ereignisse wohl auch noch während den Credits weitererzählt werden. Hier hätten ein paar Minuten mehr sicher nicht geschadet, zumal man nach dem erheblichen Spannungs-Moment im Finale noch Zeit und Muße gehabt haben sollte, so etwas ein abschließendes Schlusswort (die Moral von der Geschicht‘) zu formulieren. Dass auf die Hexengeschichte in dem Sinne nie richtig eingegangen wurde (wer bildet sie aus, nur sie allein; der Kater etwa ?), könnten manche als weiteres (aber zu verschmerzendes) Hindernis betrachten. Dennoch, eine absolut zeitlose Empfehlung.

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