Spieletest: CRYSIS 2 (2011, PC)

Prophet, wie haben ein Problem.

Eine Gruppe von Soldaten sitzt in einem U-Boot und steuert auf die Bucht von New York zu. Plötzlich rummst und kracht es, Funken fliegen, Wasser dringt ein – es ist eindeutig, wer jetzt an Bord bleibt, wird sterben ! Der Soldat Alcatraz ist einer der raubeinigen Marines, die hierher beordert wurden um eine Art Seuche zu bekämpfen. Nachdem auch er es mit Ach und Krach aus dem U-Boot geschafft hat, wird die Truppe prompt von einem ausserirdischen Flugobjekt angegriffen. Nun ist nur noch einer übrig – Alcatraz, aber auch nur, weil ein gewisser Prophet ihn gerettet hat. Während Alcatraz das Bewusststein verliert, schleppt dieser ihn an Land; und verpasst ihm den Nanosuit – ein kleines technologisches Meisterstück, welches er bis zu diesem Zeitpunkt selbst getragen hat. Doch nun will er offenbar nichts mehr mit dem Anzug und den Leuten, die ihn erschufen, zu tun haben – und ein Hinweis auf das „warum“ zeigt sich alsbald. New York ist zu einem unübersichtlichen Schlachtfeld geworden, auf dem verzweifelte Menschen gegen mächtige Invasoren, die sogenanaten Ceph, kämpfen. Doch das geschieht nicht nur mit normaler Waffengewalt… wie es scheint, sind die Ceph für die neuartige Seuche verantwortlich, die alle dahinsiechen lässt – sofern sie nicht in einem Anzug wie dem von Alcatraz stecken.

Und damit willkommen zu Crysis 2 – diese kurze Einführung in das Spiel erlebt man als Spieler natürlich aus der Perspektive von eben jenem Alcatraz, der von einem gewöhnlichen Soldaten unfreiwillig zum Superhelden mutiert. Das Ganze ist dabei höchst packend inszeniert – die Macher wussten genau, wie sie das gesamte Spiel wahrlich filmreif erscheinen lassen. So gibt es allerlei Zwischensequenzen in Spielgrafik – die mehr oder weniger interaktiv sind, meist lässt sich zumindest noch die Maus bewegen, dementsprechend lenkt man den Blick des Protagonisten. Crysis 1 setzte vor noch gar nicht allzu langer Zeit grafische Maßstäbe – und es ist klar, dass auch der Nachfolger in dieser Hinsicht nicht hintenan stehen muss. Im Gegenteil, das Spiel ist ein wahrer Augenschmaus, und punktet mit grandiossen Tageszeiten- und Wettereffekten, satten Explosions- und Waffendarstellungen und wunderschönen Texturen. Dass da kleinere Mankos, wie die oftmals fehlerhaften Spiegelungen (an Hausfassaden aus Glas beispielsweise) vorhanden sind, stört da nicht wirklich. Es fällt nur auf, wenn man genau hinschaut – aber es hat auch etwas positives, nämlich eine Einsparnis in Sachen benötigter Rechenleistung. Denn einen gewissen Hardwarehunger bringt auch der zweite Teil von Crysis mit sich.

Technisch gesehen ist das Spiel auf dem höchsten Niveau – nicht nur die Grafik, auch der Soundtrack weiss die jeweiligen Situationen perfekt zu untermalen. Wenn man als Alcatraz zum ersten Mal eine Tür aufstösst, die Sonne noch leicht blendet und sich dem Spieler eine nett designte, weitläufig anmutende Landschaft präsentiert, das Ganze untermalt von stimmigen Soundeffekten und nicht zu aufdringlicher, spannungserzeugenden Musik – da kann man nicht anders als staunen. Und ersteinmal völlig baff sein – denn im beinahe gleichen Atemzug macht man sich mit dem Anzug und seinen sagenhaften Fähigkeiten vertraut. Die gefühlten Möglichkeiten sind vor allem zu Beginn enorm – man weiss gar nicht, womit man anfangen soll – aber dafür gibt es ja die interaktiven Menüs und die Karte, auf der das nächste Missionsziel markiert ist. Besagte interaktive Menüs sind mit einer festgelegten Taste aufzurufen, und bieten zusätzliche taktische Hinweise (wie: dort hochklettern, hier Munitionsnachschub holen), die man aber auch einfach ignorieren kann. In der Spielwelt von Crysis 2 gibt es, neben den Soldaten (die zu Beginn erstmal auf den ratlosen Spieler losgehen) und den furcheinflössenden Ceph natürlich noch weitere Elemente, wie nutzbare Deckungen, besetzbare MG-Nester und Fahrzeuge. Sehr schön hierbei ist, dass man für das Schiessen aus der Deckung keine weitere Taste (nur die Maus) braucht; und ohnehin die generell sehr eingängige Steuerung. Alle Spezialfähigkeiten des Anzuges sind mit einem einzigen Tastendruck an- und abschaltbar, sodass ein fliessender Übergang möglich ist.

Ebenfalls nett: die fest montierten, schweren MG’s kann man bei Bedarf auch einfach abmontieren und mitnehmen – wenngleich dadurch die Bewegungsfreiheit ein wenig eingeschränkt wird. Man kann herumliegende Gegenstände aufnehmen und werfen, einige Geräte wie Kopierer oder Wasserspender bedienen (allerdings ohne weiteren Nutzen), in Fahrzeugen entweder fahren oder das Geschütz bedienen (manchmal auch beides gleichzeitig, bei schwereren Fahrzeugtypen) – etwas schade ist allerdings, dass die Fahrzeugabschnitte recht dünn gesät sind und zudem reichlich „gezwungen“ daherkommen. Ein freies Erkunden der Landschaft auf vier Rädern ist so also nicht möglich – man fährt lediglich von einem Levelabschnitt zum nächsten. Besagte Linearität ist aber leider nicht nur auf diesen Aspekt zu beziehen – insgesamt wirkt das Leveldesign von Crysis 2 zwar nicht ganz so „schlauchig“ wie bei mancherlei Genrevertreter, doch die Möglichkeiten sind sehr begrenzt. Zwar kann man oft alternative Routen nehmen (beispielsweise durch das Abwasser), doch im Großen und Ganzen wirkt das Spiel recht linear. So gibt es auch keine Nebenmission oder großartige „Stationen des Innehaltens“ – ausser, dass man seine Waffen oder den Nanosuit ein wenig aufpeppen könnte (wieder per übersichtlichem Menü). Je nachdem wie man das Spiel spielt, könnte man also von einem reinen „von A nach B gehen“ sprechen – es sei denn, man lässt sich entsprechend Zeit und probiert auch mal andere Spielvarianten aus (Schleichen statt Schiessen, oder andersherum).

Doch es kommt, wie es kommen musste – Crysis 2 ist nur auf den ersten Blick ein beinahe perfektes Spiel. Denn neben besagter Linearität gibt es ein weiteres, riesengroßes Problem: und das ist (leider) die Story. Beziehungsweise die Präsentation derselben – obwohl die Geschichte relativ simpel ist, wird sie nicht so dargestellt und kommt so vermeintlich bedeutungsvoll-kryptisch daher. Diesen Eindruck verstärken die (absichtlich) pixeligen Videosequenzen, deren Sinn sich dem Spieler nicht wirklich erschließen kann – sie machen Stimmung, sorgen für das nötige Apokalypse-Gefühl, aber mehr auch nicht. Das hinter all dem Trubel aber eigentlich nichts „besonders“ (verhältnismäßig) steckt, wird man spätestens beim – leider ebenfalls höchst misslungenen – Finale bemerken. Denn so spontan man in die Welt von Crysis 2 abgetaucht ist, so spontan verlässt man sie auch wieder. Das Problem: man hätte dies eigentlich noch nicht erwartet; zumal das Spiel ohne einen spektakulären Bosskampf et cetera auslingt. Besagte Bosse gibt es im übrigen auch sonst nicht – lediglich eine größere Kampmaschine der Ceph (die ein wenig an die „Walker“ aus Krieg der Welten erinnert) gilt es niederzuringen – und das gleich öfter. Immerhin gibt es ein recht ansehnliches Waffenarsenal, auch wenn fremdartige Wummen dabei auf ein Minimum begrenzt sind. Die meiste Zeit wird man entweder mit leichten (dafür aber verdammt schnellen) Pistolen oder schweren Gewehren unterwegs sein. Wiederum ernüchternd: dass es keine Lebensanzeige mehr gibt, ist durchaus ein Trend in neueren Shootern, und vielleicht auch ganz gut so (die Energie regeneriert sich in der Deckung von selbst). Dass aber ein Munitions- und Gegenstandssystem derart vereinfacht daherkommt, ist schade. Immer wieder findet man die gleichen Munitionskisten (der Armee), besondere Gegenstände gibt es – ausser Granaten – keine. Stattdessen sind in den Levels spezielle Items versteckt, die als eine Art Achievement-System fungieren. Das wirkt leicht deplatiert und auch irritierend: so richtet sich die Prozentanzeige des Spiels (so-und-soviel Prozent des Spiels „durchgespielt“) nach eben diesen Gegenständen, die man desöfteren auch mal übersehen kann. Als „Belohnung“ für den jeweiligen Fund gibt es dann ebenso nutzlos wirkende Specials: Konzeptbilder oder kurze Videosequenzen beispielsweise.

Obwohl das Spiel bei fast allen Kritikern sehr gut angekommen ist, kommt man als Liebhaber von etwas komplexeren, intelligenteren Shootern nicht umher, Crysis 2 doch ein wenig ins rechte Licht zu Rücken. Im übertriebenen Sinne heisst das, dass man sagen könnte: aussen Hui, innen Pfui. Ganz so schlimm ist es nicht – doch es gibt weder eine besonders beeindruckende Story, einen gefühlten Sinn hinter den Ereignissen (ausser, das die „Guten“ gegen die „Bösen“ kämpfen), keinerlei Rollenspielelemente (ein Leveln oder Skillpunkte beispielsweise) und leider auch immergleiche Aktionen des Spielers. Interaktionsmöglichkeiten gibt es viel zu wenige, vieles entpuppt sich als Mogelpackung – die riesigen Gebäude, die lediglich der Zierde dienen als dass man sie betreten könnte. Enorm atmosphärehemmend: es finden sich keine Menschen auf den Strassen, maximal eine handvoll Soldaten und die Ceph. Die einzigen Zivilisten, die man sieht, sind irgendwelche kauernden, versifften Menschen in engen Gängen und Tunneln – mit denen man ebenfalls nicht interagieren kann. Der ständige Wechsel vom Tarnungs- in den Panzerungsmodus (oder in den „normalen“ – da sich die Energie stets regenerieren muss) weiss ebenfalls schnell zum Nerv-Faktor zu werden: ständig wird der Wechsel von der stilechten Roboterstimme des Anzuges kommentiert. Dennoch ist Crysis 2 kein schlechtes Spiel, wie auch folgende Übersicht der Positiv- und Negativmerkmale aufzeigt:

+ Atemberaubende Grafik mit schönen Texturen
+ Tag- und Nachtwechsel
+ Hübsche Wasser-, Feuer- und Explosionseffekte
+ Viele grafische Details wie herumliegende Gegenstände, Zeitungen
+ Hervorragende Gestaltung der NPC’s (besonders die Optik der Ceph)
+ Interaktive Zwischensequenzen mit Wow-Effekt und stimmige Videos
+ Athmosphärischer Soundtrack
+ Packend inszenierte Dramaturgie, der Spieler ist mittendrin im Geschehen
+ 4 wählbare Schwierigkeitsgrade

– Story inhaltlich wenig nachvollziehbar inszeniert, im Kern aber recht simpel
– Linearer Spielverlauf
– Kaum Interaktionsmöglichkeiten bei sich ständig wiederholenden Elementen
– Gegenstände nehmen und Werfen, „Power-Tritt“ insgesamt nutzlos
– Wechseln der verschiedenen Anzugmodi wird schnell zur (etwas nervigen) Routine
– Immer gleiche Gegnertypen ohne Bossmonster
– Fahrzeugpassagen kaum nennenswert
– Sinnloses, eher störendes Achivementsystem
– Misslungenes Finale
– Kurze Spielzeit (durchschnittlich 10 Stunden)
– Kein freies Speichern

Schlussendlich: beinahe perfekt, aber eben nur beinahe. Die Grafik ist toll, der Soundtrack ebenso, die Inszenierung sowieso – aber im Spiel selbst hat man kaum Handlungsfreiheit und nur wenige, dafür sich oftmals wiederholende Möglichkeiten. Die Spannung wird lediglich durch die Zwischensequenzen erzeugt – man wird hier aufgrund der Dramaturgie einfach mitgerissen, was die Hintergründe angeht bleibt dabei relativ. Dennoch sollte man Crysis 2 zumindest einmal durchgespielt haben, man wird es nicht bereuen – auch wenn es vergleichsweise sehr, sehr kurz ist. Aber dafür gibt es dann ja noch den Multiplayer-Part (nicht getestet)…


80button

„Macht Laune.“

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