Filmkritik: „Das Schloss Im Himmel“ (1986, Studio Ghibli #1)

Originaltitel: Tenku No Shiro Rapyuta
Regie: Hayao Myazaki
Mit: /
Laufzit: 124 Minuten
Land: Japan
Genre: Animationsfilm

Inhalt: Eine Bande von Piraten greift auf merkwürdigen Fluggeräten ein viel größeres, mit Passagieren gefülltes Luftschiff an. Ihr Ziel sind aber offenbar nicht die Reichtümer an Bord, sondern ein kleines Mädchen namens Sheeta, welches einen rätselhaften Anhänger besitzt. Auch die Regierung scheint Interesse an ihr zu haben, weshalb sie von einigen Beamten zu einem ungewissen Ziel begleitet wird. Im Zuge des Überfalls und des entstehenden Durcheinander fällt Sheeta von Bord – und damit in die Tiefe. Doch keinesfalls ist das ihr Ende, beziehungsweise das Ende des Films… denn der Anhänger verhindert schlimmeres. Unten wird sie vom Waisenjungen Pazu aufgefangen, der eigentlich im Bergwerk eines kleinen, idyllisch wirkenden Dorfes arbeitet. Doch nun wird er aus seinem Alltag gerissen, denn den beiden bleibt nicht viel Zeit – allerlei Verfolger sind ihnen auf den Fersen und kommen letztendlich auch in das Dorf. Vor allem der Regierungsbeamte Musca und die Piraten-Mutter Dora scheinen sehr am Anhänger beziehungsweise dem leuchtenden Kristallstein interessiert zu sein… eine große Rolle spielt dabei das sagenumwobene Laputa, eine angeblich fliegende Stadt, die irgendwo versteckt in den Wolken schwebt. Aber, kann sich eine solch abenteuerliche Legende wirklich bewahrheiten ?

Kritik: Und ob sie das kann. Und damit willkommen zu einem weiteren Werk des japanischen Anime-Masterminds Hayao Miyazaki, der bereits 2 Jahre zuvor (1984) mit seinem Meisterwerk Nausicaä Aus Dem Tal Der Winde für (berechtigte) Furore gesorgt hat. Der erste Miyazaki-Ghibli Film, der nun offiziell unter der Leitung des 1985 gegründeten Studio Ghibli das Licht der Welt erblickte, ist demnach der fantastische Abenteuer-Animationsfilm Das Schloss Im Himmel. Und, ohne Zweifel: jegliche Kultzuschreibungen, Nostalgieerfahrungen und andere Schwärmereien kommen nicht von ungefähr. Mit einer Spielzeit von knappen 2 Stunden fällt der Film recht ausführlich aus – die Zeit braucht er aber auch, um die gut durchdachte, exzellent strukturierte und geradezu epische Geschichte stimmig zu erzählen. Schließlich sollen die Zuschauer quasi nebenbei auch noch ein Bild von den Charakteren – vor allem den beiden Kindern – bekommen. Und wie es sich für einen Regisseur wie Hayao Miyazaki gehört, ist hier nicht immer alles so, wie es zuerst scheint: die Piratenbande, die gerade den jüngeren Zuschauern anfänglich noch das Fürchten lehrt, stellt sich als gar nicht so böse heraus, wie man es aufgrund ihres Äusseren vielleicht erwartet hätte. Genau dieses „Denken in Grauzonen“ ist es, welches Animes aus Japan stets von Machwerken aus Hollywood abzugrenzen weiss – selten gibt es hier reine oder grundlos böse Gegenspieler (noch deutlicher wird dies bei Chihiros Reise Ins Zauberland). Aber auch bei Das Schloss Im Himmel wird man feststellen müssen, dass sich die Fronten doch etwas… verändern werden, und der ein oder andere Charakter noch eine Überraschung in Petto hat.

Und was für ein wahrer Augenschmaus dieser Film erst ist ! Da der Film nun schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, könnte man meinen, man „merkt“ ihm das Alter dementsprechend an – doch weit gefehlt, selbst heute noch (2011) arbeitet das Studio mit den beinahe gleichen (Stil-)Mitteln. Es muss eben nicht immer teuer animiert sein – auch so etwas wie Handzeichnungen und Abfotografieren gibt es noch ! Und das wird besonders deutlich in Anbetracht der Detailverliebtheit eines Films wie Das Schloss Im Himmel – die hier erdachte Welt lebt in allen Formen und Farben, ständig bewegt sich irgendwo irgendetwas, im Hintergrund finden sich zahlreiche Besonderheiten. Die Charaktere sehen einfach merklich nach Ghibli aus, und wirken dementsprechend zeitlos und sympathisch. Den größten Eindruck machen aber 2 Aspekte: zum einen die Darstellung der zahlreichen Fluggeräte (kleinere Gleiter, riesige Festungen, das „Schloss“ selbst), und zum anderen die toll gezeichnet Landschaften und die geschmeidigen Wettereffekte. In der Umgebung des Dorfes und danach auf den Bahnschienen, dominieren warme Farben; stellvertretend für die Lebendigkeit der Szenerie – später dann wird es auch mal merklich rauer. Die Farben werden kühler, die Wettereffekte nehmen zu… mit weiteren zeichnerischen Highlights auf dem „Schloss“ selbst. Selbst die leicht „futuristisch“ angehauchten Aspekte (Roboter, Energiekern, Würfel im Schloss) kommen erstaunlich gut herüber.

Der grandiose Soundtrack vermag die entsprechenden Szenen jeweils stimmig zu untermalen – stellenweise sogar mit aberwitzigen Tönen und Soundeffekten (bei einer Schlägerei im Dorf), insgesamt aber dominiert der „abenteuerliche“ Eindruck. Und das ist auch gut so – denn genau das ist dieser Film, ein großartiges filmisches Abenteuer für jung und alt. Wie schon bei Nausicaä gesellen sich zu den Abenteuer- und Fantasyaspekten noch weitere, die man eventuell dem Cyperbunk-Genre zuordnen könnte: so sind es hier riesige, überaus mächtige Roboter; oder die riesigen Luftschiff-Festungen mit entsprechender (Waffen-)Technik. Im Mittelpunkt steht aber natürlich unangefochten die Reise zweier Kinder, die durch das Schicksal zueinander finden, und fortan auch zueinander halten – koste es, was es wolle. Dies erzeugt unweigerlich eine gewisse, aufkommende Empathie für die beiden Charaktere, und lässt den Zuschauer – ob jung oder alt – entsprechend mitfiebern. Und auch die Piratenbande wird man liebgewinnen – auch wenn es zuerst nicht danach aussah. Der „wahre“ Bösewicht des Films entspricht auch heutigen Vorstellungen vom Bösen, die viele Filmemacher (vor allem in Hollywood und bei Kinderfilmen) aber lieber nicht porträtieren, weil sie angeblich zu „kompliziert“ oder „furchteinflößend“ daherkommen. Könnte man nicht auch behaupten: sie tun es nicht, weil sie der Realität am nächsten kommen ? Denn genau einen solchen Bösewicht hat es in Das Schloss Im Himmel: einen Regierungbeamten, der eine ganze Armee hinter sich stehen hat, in Wahrheit aber ein recht egoistisches Ziel verfolgt und dabei über Leichen geht. Und auch die Soldaten haben keine Hemmungen, ihrer blinden Gier nach Reichtum nachzugehen – so sehr, dass selbst die Piraten daneben wie Samariter wirken. Genau das macht die Charakterporträts von Hayao Miyazaki so vielfältig und interessant !

Fazit: Gibt es überhaupt Schwächen an einem Film wie diesem ? Kaum. Er ist schlicht enorm unterhaltsam, spannend, gut gemacht und entsprechend zeitlos. Demnach eine volle Punktzahl – jedoch, ganz so „episch“ gerät der Film dann doch nicht, weder auf die Geschichte noch auf das Verhältnis und die Bedeutung der Charaktere bezogen. Folglich wird man weniger ins Staunen kommen als beispielsweise beim 2 Jahre älteren Nausicaä – der aber wiederum nicht wirklich für jüngere Zuschauer (6-10) empfehlenswert ist. Dennoch reicht es für eine sehr hohe Bewertung und eine zeitlose Empfehlung – wozu braucht man hierzulande Hollywood, wenn es dort „drüben“ im Osten so ungleich märchenhafteres, qualitativ hochwertigeres gibt ? Kauft mehr japanische Filme respektive japanische Animes !

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