Filmkritik: „Vipere Au Poing“ (2004)

Auch Bekannt Als: Viper In The Fist
Regie: Philippe De Broca
Mit: Catherine FrotJules SitrukJacques Villeret
Laufzeit: 100 Minuten
Land: Frankreich, UK
Genre: Drama

Inhalt: Jean Rézeau (Jules Sitruk) hat alles, nur keine unbeschwerte Kindheit. Als seine Mutter Paule (Catherine Frot) von einer längeren Afrika-Reise zurückkehrt, ändert sich sein Leben auf einen Schlag: anstatt dass sie ihm, wie man eigentlich erwarten sollte, Liebe entgegenbringt, scheint sie sich von ihm zu distanzieren. Doch das ist noch harmlos ausgedrückt: sie scheint gar einen regelrechten, tiefen Hass ihrem Sohn gegenüber zu empfinden. Doch nicht nur ihm gegenüber zeigt sie die kalte Schulter: auch seine beiden Geschwister, sowie sein Vater (Jacques Villeret) haben unter dem nunmehr erwachten Monster in menschlicher Form, der Schlange; zu leiden.Während die tatsächlichen Gründe noch unklar erscheinen, wird deutlich, dass dies ein Kampf ist aus dem niemand als Sieger hervorgehen kann. Jedes einzelne Familienmitglied leidet auf seine ganz eigene Art und Weise – doch hilflos wirken alle in Anbetracht der sich zunehmend zuspitzenden Ereignisse.


Kritik: Diese höchst ungewöhnliche, mutige Geschichte basiert auf der Erzählung des französischen Autors Hervé Bazin, und verlangt dem Zuschauer einiges ab. Und das ist vor allem ein ausgeprägtes Durchhaltevermögen: zu Beginn in erster Linie auf den etwas langatmigen und noch absolut unspektakulär wirkenden Auftakt, die ersten Film-Minuten bezogen – und danach in Bezug auf das Porträt von menschlicher Grausamkeit. Dass der Film eher schwach beginnt liegt auch an der stilistischen Inszenierung: die Szenenbilder wirken kühl, dunkel; die Hauptszenen im Haus der Familie lassen noch kaum vermuten, in welche Richtung sich der Film letztendlich bewegen würde. Und auch die ersten Eindrücke, die man von den Charakteren erhält, wirken merkwürdig und stellenweise konstruiert: eine Mutter, die einige Jahre auf Reisen war kehrt zu ihrer Familie zurück und verhält sich absolut unmenschlich – während man keine Möglichkeiten zur Interpretation dieses Verhaltens bekommt. Und auch nicht, warum niemand da ist um sie in irgendeiner Weise zu stoppen – auch nicht ihr Ehemann, der ihr Verhalten für eine lange Zeit offenbar toleriert.

Langsam aber sicher beginnen die Ausschreitungen expliziert, und dem Zuschauer deutlicher zu werden: spätestens, als die Mutter ihre Kinder zum ersten Mal auch körperlich verletzt. Ein so von den meisten Zuschauern wohl noch nie erlebter Kampf in allen Dimensionen beginnt: sowohl auf der physischen, als besonders auch auf der psychischen Ebene. Gleichzeitig wird man – gezwungenermaßen – über das Thema „familiäre Gewalt“ sinnieren – welche leider Gang und Gebe ist, hier in Deutschland und überall anders. Nur leider möchte sich damit kaum jemand auseinandersetzen, und stattdessen lieber mit dem Finger auf böse Menschen (Männer), die aus dem Nichts auftauchen zeigen. Was oftmals auch gerechtgertig ist – doch wenn man zur einen Seite schaut, darf man auch die andere nicht einfach ignorieren. Genau auf diesen Missstand macht Vipere Au Poing aufmerksam – was gut und wichtig ist, auch wenn man hier wirklich nicht gerade mit… subtilen Mitteln zu Werke geht. Das hier irgendetwas nicht stimmen kann, wird wirklich jedem Zuschauer ersichtlich – dazu müssen nicht erst die 3 Kinder gezeigt werden, die in ihrer kindlichen Fantasie bereits den Mord an der eigenen Mutter planen.

So drastisch und irritierend das („3 Kinder wollen ihre eigene Mutter töten“) in schriftlicher Rezensionsform nun auch klingen mag – der Film transportiert eine äusserst ernste und bedrückende Stimmung. Es handelt sich eben nicht um einen verkorksten Horrorfilm – sondern um ein Drama. Für diese Kinder ist es kein Spiel, mit diesen Gedanken zu hantieren – es ist bitterer Ernst und wird zum Mittelpunkt ihres noch so jungen Lebens. Sicher, man könnte dem Film nun eine Art Voyeurismus vorwerfen – indem er uns äusserst privat wirkende Eindrücke des Zusammenlebens einer Familie zeigt. Aber genau darum geht es ja: Vipere Au Poing tritt eben die Türen ein, die sonst verschlossen sind und es auch bleiben. Und, dies ist ein weiterer Aspekt: im Gegensatz zu anderen Filmen, die sich lediglich an den Qualen der Protagonisten ergötzen oder sie in besonders hervorgehobener Weise inszenieren (häufig im Horrorfilmgenre, oder in anderen Dramen wie Die Passion Christi), erscheint die Aussage des Films wesentlich greifbarer, sinnvoller und rechtfertigt so auch automatisch die Existenz dieses Films.

Etwas schade ist, dass sich im Gegensatz zur Buchvorlage kaum Hinweise auf die Ursachen des psychologischen Rache-Feldzuges der Mutter finden; erst gegen Ende hin werden dem Zuschauer kleine Ansätze präsentiert. So kann durchaus das Gefühl entstehen, dass man etwas im Regen stehen gelassen wird – und man noch deutlicher als sonst selbst nach Interpretationsmöglichkeiten suchen muss. Beinahe unvermeidlich in diesem Zusammenhang: die Frage nach der „Vererbung von Traditionen“ und dem komplizierten Verhältnis zwischen Großelern, Eltern und Kindern. Dieser „3-Generationskonflikt“ wird zwar nur ansatzweise behandelt, kann aber für reichlich Diskussionsstoff sorgen. Es ist nicht leicht ein Urteil über einen Film wie Vipere Au Poing zu fällen – da er ähnlich wie Die Passion Christi polarisiert. Denn auch das eigentliche Thema der familiären Gewalt sorgt für reichlich „Vorbelastung“ auf Seiten der Zuschauer – während es beim eben genannten Polarisationsvergleich noch die Religion war. Aber dennoch: Vipere Au Poing basiert auf unwiderlegbaren (wenn auch nicht direkt zitierten, sondern hier stellvertretend exemplarischen) Tatsachen und Fakten, die für jedermann existent sind und für jedermann eine Bedeutung haben, ob man daran glaubt oder nicht.

Fazit: Die ausserordentlich gute Leistung der Darsteller lässt einen über die ansonsten etwas stillos gehaltene technische Art der Inszenierung (Optik, Szenenbilder) hinwegsehen. In jedem Falle ist der eigentliche Inhalt, die Geschichte sowie deren Umsetzung – absolut einmalig. Soviel Unkonventionalität bei gleichzeitiger inhaltlicher Zeitlosigkeit und Wichtigkeit gehört entsprechend belohnt, weshalb für Vipere Au Poing eine Empfehlung auszusprechen ist – auch wenn der Film nicht jedermanns Geschmack treffen und die Zuschauergemeinde entsprechend spalten wird.

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Ein Gedanke zu “Filmkritik: „Vipere Au Poing“ (2004)

  1. Makaber: Regisseur Philippe De Broca starb noch im Jahr der Fertigstellung des Films (2004), was Vipere Au Poing zum letzten Werk seiner langen Karriere machte.

    Der überaus sympatische französische Schauspieler Jacques Villeret dagegen starb nur ein Jahr danach – er hatte zwischenzeitlich nur noch in zwei weiteren Filmen mitwirken können.

    R.I.P.

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