Filmkritik: „Weiser“ (2001)

Filmtitel: Weiser (Dawideck)
Regie: Wojciech Marczewski
Mit: Marek Kondrat – Juliane Köhler
Laufzeit: 95 Minuten
Land: Polen
Genre: Thriller

Inhalt: Eine Gruppe von 5 Kindern spielt unbekümmert in einem flachen Flussbett. Doch es lauert Gefahr: offenbar ist die nahegelegene Brücke mit Sprengstoff versehen, viele Kabel laufen auch unterhalb der Brücke entlang. Kurz darauf gibt es eine lautstarke Explosion… Vorblende: der erwachsene Pawel (Marek Kondrat) scheint ein eher beschauliches Leben zu führen. Nachdem er einige Jahre in Deutschland verbracht hatte, kehrt er nun nach Polen zurück. In seiner Heimatstadt Breslau beginnt er sich zu erinnern – an längst vergangene Tage und noch immer unaufgeklärte Ereignisse. Dies geschieht sehr zur Sorge von seiner Freundin Juliana (Juliane Köhler), die bereits gemeinsame Pläne für die nächsten Monate geschmiedet hat. Doch es scheint, als würde Pawel sich immer mehr in seinen Erinnerungen verlieren…

Kritik: Bei Weiser handelt es sich um ein sehr interessantes, in seiner Gesamtwirkung höchst mysteriöses Thriller-Drama aus Polen. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch Weiser Dawidek von Pavel Huelle, und teilt die Handlungsstränge auf 3 differente Zeitebenen auf, welche in ständigem Wechsel alternieren. Eine der Zeitspannen fokussiert sich auf die Kindheit der Protagonisten (1967), die zweite auf die Tage kurz nach der mysteriösen Explosion, und die dritte greift wiederum 30 Jahre vor und fokussiert sich auf das Erwachsenendasein der Protagonisten (1997). So komplex es anmutet – der Handlungsablauf bleibt hierbei stets nachvollziehbar. Die Rückblenden fügen sich perfekt in den Kontext des Films ein, gerade da sie eben nicht kontextlos auftauchen: sie entstehen durch diverse Schlüsselreize (wie Geräusche), denen der Hauptcharakter Pawel im Jahre 1997 ausgesetzt ist. Schnell wird klar: Weiser ist ein außergewöhnlicher Film, sowohl auf die zugrundeliegende Geschichte als auch auf die filmische Realisierung bezogen. Und: man kann sich dem mysteriösen Bann des Films, einmal damit begonnen, nicht mehr entziehen.

Ein Großteil der Aufmerksamkeit wird jedoch nicht auf den Hauptcharakter Pawel, sondern auf den jüdischen Jungen Dawid gelegt. Einerseits ein etwas befremdlich wirkender Spielkumpane der 4 anderen Kinder, scheint er andererseits in Besitz einer Art übermenschlicher Kräfte zu sein – welche er nicht jedem offenbart. Das Ganze gestaltet sich dementsprechend seltsam (in positivem Sinne), und neben den Drama-Aspekten, die sich hauptsächlich in den höchst emotionalisierten Erinnerungen zeigen, wird schnell der Mystery-Touch ersichtlich. Als Zuschauer ist man also hin- und her gerissen zwischen der grundsätzlich harmonischen Darstellung der sich entwickelnden Freundschaft zwischen Dawid, Pawel und Elka,und der stets mitschwingenden, mysteriös-düsteren Stimmung. Doch die innovative Mischung von differenten Genres ist damit noch nicht abgeschlossen: auch Themen wie der zweite Weltkrieg (hier hauptsächlich in Bezug auf Polen); Diskriminierung und Tod werden behandelt. Auch hierzu gibt es wieder gegensätzliche Aspekte: wie den der ersten Liebe, den des sexuellen Erwachens und den der Freundschaft. Diese abenteuerliche Mischung aus Themenansätzen sind jedoch nicht krude zusammengewürfelt – sie ergeben sich aus der Erinnerung der Protagonisten, und sind demnach alle als gleichwertig oder gleich wichtig zu betrachten. letztendlich bleibt es dem Zuschauer überlassen, seine ganz eigenen Botschaften oder Aussagen daraus zu entnehmen.

So ist es ein höchst spannendes Erlebnis, den erwachsenen Pawel auf seiner Suche nach der Wahrheit zu begleiten, indem er seine nun ebenfalls erwachsenen Freunde von einst im „heutigen“ Polen (1997) wiederzufinden versucht. So trifft er bald auf Piotr, der ein eiskalter Geschäftsmann geworden zu sein scheint – er möchte die vergangen Ereignisse nicht mehr an sich herankommen lassen. Auch Szymek ist ihm keine große Hilfe, mehr noch; er hat offenbar mit schwerwiegenderen Folgen der Vergangenheit zu leben. Und Elka, die als enge Vertraute von Dawid dem Anschein nach am meisten wissen müsste, ist zwar bereit zu reden – doch auch für sie ist irgendwann eine Grenze erreicht. Eine höchst mysteriöse, zu hinterfragende: der Zuschauer bekommt ein sehr gutes Gefühl für die innere Zerrissenheit der Charaktere; ihren tagtäglichen Kampf mit dem „großen Geheimnis“ des Films, das die Charaktere selbst noch so viele Jahre danach beschäftigt. Was ist damals wirklich geschehen, und vor allem: was hat es mit Dawid auf sich ? Ist er wirklich bei der Explosion umgekommen, oder ist etwas ganz anderes passiert ?

Fazit: Weiser ist ein absoluter Ausnahmefilm. Warum ? Da man als Rezensent kaum über mögliche Positiv- oder Negativaspekte der Verfilmung sprechen kann, sondern beinahe automatisch in den fragenden beziehungsweise interpretatorischen Bereich abdriftet. Der Film hat seine Wirkung also definitiv nicht verfehlt – er fasziniert, beschäftigt den Zuschauer; und wirkt zudem sehr lange nach. Im Gegensatz zu vielen Hollywood-Alternativen, die ebenfalls ein „großes Geheimnis“ in sich bergen (welches niemals völlig aufgelöst wird), entfaltet sich die Wirkung von Weiser aufgrund seiner Zeitlosigkeit und ungekünstelten Machart auf Anhieb. Wer könnte von dieser Geschichte unberührt bleiben, beziehungsweise sich nicht wenigstens in einer fragenden, teilweise auch ratlosen Position wiederfinden ? Es gibt keine plumpe Action, keine Effekthascherei, keine teuren Spezialeffekte – sondern stattdessen interessante Charaktere, eine spannend-mysteriöse Geschichte, genügend Ansätze hinsichtlich einer Interpretation. Garniert wird das Ganze dann, um letztendlich doch noch einmal auf die technischen Aspekte zurückzugreifen, von einem sehr gelungenen Schnitt (im übrigen ausgezeichnet mit einem Filmpreis), einem sehr atmosphärischen Ton und großartigen Darstellern im Kindes- und Erwachsenenalter. Ein fast schon perfekter Film, der eine Menge Spielraum für Spekulationen zulässt. Absolut empfehlenswert, wenn nicht eindeutiges Pflichtprogramm für Fans von etwas… anderen, intelligenten Filmen.

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2 Gedanken zu “Filmkritik: „Weiser“ (2001)

    1. Ja, ich habe auch lange überlegt… aber doch, ich denke das ist gerechtfertigt 😉

      Die Wirkung ist einfach – lässt man sich darauf ein, muss auch stimmungstechnisch alles passen – enorm. Nur keine 10/10 da das letztendliche „Geheimnis“ nebulös bleibt… was steckt dahinter ? Unter anderem deswegen bin ich gerade auch auf der Suche nach dem Buch… derzeit finde ich nur bei Amazon eine Ausgabe für knapp über 20 Euro (+ Versand, da Händler). Wenn jemand noch eine Quelle kennt, her damit. Nur wichtig: nicht die polnische Ausgabe, ist zwar auch schön, aber die müsste ich mir übersetzen lassen.^^

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