Filmkritik: „Die Passion Christi“ (2003)

Originaltitel: Passion Of The Christ
Regie:
Mel Gibson
Mit:
Jim Caviezel
Laufzeit:
126 Minuten
Land:
USA
Genre:
Drama

Inhalt: Die Passion Christi porträtiert die letzten Lebens-Stunden von Jesus von Nazareth (Jim Caviezel), der nach dem letzten Abendmahl mit seinen Jüngern von Judas (Lucas Lionello) verraten und an die pharisäischen Hohepriester übergeben wird. Diese befürchten, dass sie durch seine Predigten und seine starke Präsenz ihre dogmatische Machtposition verlieren könnten – also spinnen sie eine groß angelegte Intrige, um ihren neuen Widersacher aus dem Weg zu räumen. Nicht jedoch durch einen möglicherweise kaltblütigen Mord – sondern durch einige gewiefte politische Kniffe und falsche Beschuldigungen. Das Volk dient hierbei als öffentliche Instanz, die nun über den vermeintlichen Übeltäter richten soll. Die Menschen haben die Wahl: entweder, sie würden Jesus die Freiheit schenken, oder aber Barabbas, einem Mörder. Die Entscheidung fällt zu Ungunsten von Jesus aus… und alles wird vorbereitet, ihn ein schreckliches Martyrium durchlaufen zu lassen. Sein Leidensweg wird von schlimmer Folter und letztendlich auch der Kreuzigung gezeichnet werden…

Kritik: Zuallererst muss man sich die Frage stellen, wie es Die Passion Christi zu einem vergleichsweise übermäßig erfolgreichen Film gebracht hat – sowohl in kommerzieller Hinsicht, vor allem aber auch in Bezug auf die Mundpropaganda. Die Differenz zwischen Produktionsbudget und Einspielergebnis fällt zumindest beträchtlich aus – doch dass das nicht Mel Gibson’s primäre Intention war, scheint nur allzu offensichtlich. Nein, der kommerzielle Erfolg würde ohnehin zwangsläufig folgen, ist der Film erstmal in aller Munde – und so nutzte er alles was er hat (seinen bekannten Namen und Status, aber auch sein Können) um möglichst viele Zuschauer anzulocken, und auch bei möglichst vielen Parteien anzuecken. Durch diese Voraussetzungen war der Weg geebnet, um die höchst verschiedenen potentiellen Zuschauergruppen in die Kinos zu locken: die einen gingen, um zu überprüfen ob ihre Religion oder ihr Glaube „verunglimpft“ wird, andere um möglichst hetzende Kritiken zu schreiben oder ganz eigene Parolen aus relativ freien Interpretationen zu formen, wieder andere waren einfach nur am Film selbst interessiert. Und, es ist kein Geheimnis das letzteres die eigentliche Motivation für jeden Zuschauer hätte sein sollen, den Film zu sehen: schließlich ist Mel Gibson weder ein Prophet, noch ein Heiliger, noch ein wie-auch-immer gearteter „Wahrheitsverkünder“.

Jedoch wird schnell deutlich, dass der Film in erster Linie eben nicht unterhalten soll – sondern Emotionen hochkochen, Gefühle verwursten, Glaubensansätze aufrütteln soll. Auch soll er nicht von sonderlich nennenswerten historisch fundiertem Belang sein – denn im Gegensatz zu anderen Filmen über das Leben und Leiden von Jesus Christus beschäftigt sich Die Passion Christi nicht mit dem Lebenslauf dieses Mannes. Nein, der Film beginnt dort, wo es Mel Gibson’s Ansicht nach am „spannendsten“ ist: beim Verrat durch Judas, und dem darauffolgenden Leidensweg. Schön und gut, damit ist der Film schon einmal ein Regelbrecher in jedweder Hinsicht: schließlich werden typische inhaltliche Filmstrukturen (Prolog, Hauptteil, Epilog beispielsweise) ebenso ignoriert wie auch der ausgewogenen Einsatz von Stilmitteln. Ausgewogen ist hier wenig: zwar ist Die Passion Christi rein kategorisch als Historien-Drama zu bezeichnen, doch in Anbetracht der omnipräsenten Darstellung von Gewalt und Leid muss man sich schon etwas weiter aus dem Fenster lehnen und feststellen, dass solche Ausmaße bisher nur in expliziten Horrorfilmen vorzufinden waren. Und, es geht hier nicht einmal um die Frage, ob es nun tatsächlich so war wie im Film dargestellt. Alles ist möglich – nein, es geht nur darum, wie es dargestellt wurde. Nämlich höchst fragwürdig und – im filmischen Sinne – höchst kläglich.

Handelte es sich nicht um ein historisch derart brisantes Thema, wäre der Film wohl kaum weiter erwähnt worden – er wäre in der Versenkung verschwunden. So aber bleibt die Frage, was dieser Film für eine Daseinsberechtigung hat, wenn er schon kein sonderlich guter Film im angesprochen Film-an-sich-Sinne ist. Für eine Art filmische Dokumentation ist er nicht neutral genug, offensichtliche (möglicherweise zu hinterfragende) Botschaften sind aber ebenfalls nicht zu erkennen. Die Passion Christi entzieht sich im Grunde einer jeden Kategorisierung, da die wahren Beweggründe Gibson’s in diesem Fall zu hinterfragen sind – der Film alleine „reicht“ hier nicht als ausschlaggebendes Anschauungsobjekt. Er entzieht sich aber nicht einer Rezension, da er schließlich seinen Weg in die Kinos und ins weltweite TV-Programm gefunden hat – und man nicht erst in irgendwelchen zwielichtigen Nischen-Sparten-Läden danach Ausschau halten muss. Da man die Idee beziehungsweise die Geschichte kaum bewerten kann, ohne für irgendeine Seite Partei zu ergreifen (und sei es für die Agnostiker), und es zu dieser Begebenheit ohnehin kaum historisches Material gibt, welches nicht zumindest von einer Prise Religion berührt wurde, bleibt sie, nun; nicht Geschmackssache – aber eine Interessenfrage. Interessiere ich mich aus irgendeinem Grund für diese Geschichte, diese Begebenheit – oder ist es mir als Zuschauer ohnehin egal, was genau damals passiert sein könnte oder nicht ?

Mindestens zwei Aspekte können aber durchaus bewertet werden. Und das sind zum einen die technisch-darstellerischen Aspekte, und, als zweites (der weitaus verstörendere Punkt): die Gesamtwirkung. Erstere kennzeichnen sich vor allem durch die Leistung von Jim Caviezel als Jesus, der sich diese Rolle offenbar sehr zu Herzen nahm und dementsprechend einverleibte – einige der zahlreichen Nebendarsteller wirken einstweilen aber etwas hölzern. Die Optik scheint nicht in Richtung Authentizität getrimmt zu sein, die Farbregler ein wenig überdreht; man „sieht“ also direkt dass der Film aus Hollywood kommen muss. Die Kostüme und die komplexeren Szenenaufbauten sehen dagegen toll aus, hier wurde offensichtlich einiges an Arbeit und Zeit investiert. Doch gelangt man zum zweiten Punkt, so muss man schon etwas weiter ausholen und noch einmal festhalten, dass Die Passion Christi kein Film in diesem Sinne ist. Aber mehr noch, er bietet keine Möglichkeiten der Interpretation für nicht-„religionsvorbelastete“ Zuschauer. Er beinhaltet lediglich eines: die Darstellung von Gewalt. Eine Darstellung, die sich erdreistet, schlimmste Gewaltanwendungen durch kinematographische Faktoren in eine pervertierte Ästhetik-Kategorie zu rücken. Das ist widerlich, mehr als fraglich; und mündet in der alles entscheidende Frage: kann man sich für das Leid Jesu „begeistern“ oder interessieren, wenn man eben nur dieses Leid sieht, und nicht die Ereignisse, die dazu geführt haben ? Die Ideologie dieses Mannes, sein Leben und sein Werk ? Die damaligen (politischen) Zustände ?

Fazit: Kann man Empathie durch grausame Gewaltdarstellungen hervorrufen ? Der Ansicht der Filmemacher nach offenbar schon. War es tatsächlich beabsichtigt, eine Form des „Dankes“ zu empfinden, sieht man einen Menschen derart leiden – schließlich tat er es dem Film nach für „uns“ alle ? Aber vielleicht hätte man einen anderen Weg gehen sollen… warum nicht Jesus als das darstellen, was er vielleicht auch war ? Ein Querdenker, ein oppositioneller der sich gegen die vorherrschende Obrigkeit gestellt hat und eher den direkten Kontakt zu den Menschen suchte anstatt auf sie herabzuschauen ? Ein Mann, dessen Taten offenbar von großer Bedeutung waren – ob er nun tatsächlich „Wunder“ vollbrachte oder die Menschen so sehr bewegte, dass sie ein Wunder als einzige Erklärung sahen ? Kurzum und in der vorliegenden Form: ein Film, der als Film nicht in Frage kommt und daher kaum in die Kinos / das reguläre Fernsehprogramm gehört.

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2 Gedanken zu “Filmkritik: „Die Passion Christi“ (2003)

  1. Heute ist Karfreitag und natürlich läuft der Schund morgen mal wieder auf Kabel Eins.
    TV Spielfilm gibt ihm Daumen nach oben. (!?)
    Zitat: „Gibson löste mit der detailbesessenen Orgie aus Gewalt und Erniedrigung heftige Diskussionen aus. Nach zwei Stunden Martyrium weiß jeder, warum. Gewagtes, verstörendes, umstrittenes Werk.“

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  2. Gut dass du mit deiner Kritik untermauerst wie schlecht der Film ist. Ich habe EINIGES gesehen und werde mir auch in Zukunft viel ansehen, aber dieser Film gehört nicht dazu. Er ist reiner Ausdruck eines fanatischen Katholiken der auf Teufel komm raus eine Art Schuldkomplex-Missionierung aufgrund schrecklicher Bilder auslösen möchte – seht wie schlecht ihr seid und bekennt euch zur Religion! Ich bin u.a. ein Fan von bestimmten Gewaltfilmen, aber auf so eine üble Folterpropaganda kann ich verzichten!

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