Filmkritik: „Almanya – Willkommen In Deutschland“ (2011)

Filmtitel: Almanya – Willkommen In Deutschland
Regie:
Yasemin Samdereli
Mit: /
Laufzeit:
97 Minuten
Land:
Deutschland
Genre:
Drama / Tragikkomödie

Inhalt: Almanya porträtiert das Leben einer deutsch-türkischen Großfamilie. Die Hauptfigur ist Hüseyin (Vedat Erincin), der sich vor einigen Jahren dazu entschlossen hat, als Gastarbeiter nach Deutschland zu kommen. Stets im Raum stand seitdem die Frage nach der eigenen nationalen Identität – die auch die nächsten Familiengenerationen beschäftigt. Mittlerweile ist die Familie weiter gewachsen, etwa um den 6-jährigen Cenk (Rafael Koussouris), und auch Hüseyin’s Enkeltochter Canan (Aylin Tezel) ist schwanger – von einem Briten ! Doch es scheint, als hätte sich die Familie gut in Deutschland eingelebt – ohne dabei ihre eigene Identität zu verlieren. Umso überraschender erscheint es, als Hüseyin eines Tages seine ganze Familie in die türkische Heimat zurückbringen möchte – er behauptet, dort ein ansehnliches Haus gekauft zu haben. Die Familie reagiert erst wenig begeistert – schließlich müssen vor allem die jüngeren diversen Verpflichtungen aus Schule und Beruf nachkommen. Dennoch sind am Tag der Abreise alle mit von der Partie – von jung bis alt. Und diese Reise wird den Zusammenhalt in der Familie abermals auf die Probe stellen; zusätzlich stärken – und sowohl für geplante als auch unvorhergesehene Ereignisse sorgen…

Kritik: Stellt man zwei der wesentlichen Werbeslogans von Almanya einmal nebeneinander, so bleibt eigentlich nur der Gedanke an eine gute, aberwitzige Komödie. Was sonst sollte eine Mischung aus „Macher“ von Wer Früher Stirbt Ist Länger Tot und „Einwanderergeschichte mal anders“ denn auch ergeben ? Nun – wie überrascht ich doch war, dass Almanya gar keine so explizite Komödie ist. Zwar beginnt der Film höchst heiter, und auch die nostalgischen Rückblicke auf vergangene Tage wirken humorvoll inszeniert – mit vielen weiteren Höhepunkten in Bezug auf die ersten, nennen wir es: Integrationsversuche. Eine besondere Bedeutung haben hier auch die Kinder Hüseyin’s: schließlich misst sich der Erfolg einer Integration besonders auch am Werdegang der entsprechend nächsten Generation. Gerade diese Szenen können für einige Lacher  sorgen – man nehme nur die Geschichte mit der Jesusfigur am Kreuz, oder die repräsentativen „deutschen“ Toiletten. Doch spätestens ab Beginn der zweiten Hälfte des Films schlägt der Film immer melancholischere, emotional-eindringlichere Töne an – die Reise der Familie „zurück“ in die Türkei avanciert zu einer echten Odyssee, zu einer Suche – nach der eigenen Identität, aber vor allem nach dem was wirklich wichtig ist im Leben.

Almanya - eine generationsübergreifende Geschichte einer deutsch-türkischen Einwandererfamilie

So überrascht man aufgrund dessen vielleicht ist, so emotional bewegt und vertieft ist man in die stimmigen Bilder, die wunderbar inszenierten Familienbande und die ungekünstelt-lebensnahen Dialoge. Hier haben die Macher wirklich großes Talent bewiesen – Almanya ist intelligent inszeniert und -strukturiert, ohne dabei jemals kühl oder distanziert zu wirken. Es ist die präsentierte Menschlichkeit, die nachvollziehbare Emotionalität; und es sind die ebenso menschlichen Botschaften, die diesen Film zu einem kleinen Highlight im Kinojahr 2011 machen. Ganz großes Kino: das Finale des Films; welches eine bewegende Mixtur aus freudigen und traurig-sentimentalen Elementen darstellt. Vergesse niemals die Vergangenheit – aber lebe nicht in ihr, schaue immer nach vorn. Das besondere: Botschaften wie diese finden sich zuhauf, allerdings eher zwischen den Zeilen: hier herrscht keine Holzhammermethode a’la Hollywood vor, die Macher streuen sie geschickt in die Dialoge und Szenenbilder ein, sodass der Zuschauer sich bei entsprechendem Interesse „selbst bedienen“ kann. Das ist angenehm, und steht abermals als Sinnbild für die Qualität deutscher Kinoproduktionen; die gerade im Comedy- oder Drama-Bereich stets ein stückweit anspruchsvoller und intelligenter daherkommen als andere internationale Vertreter.

Auch technisch macht das Ganze einen sehr guten Eindruck. Markant: die optischen Unterschiede in Bezug auf die Jetzt-Zeit und die Rückblicke, die stimmig-staubige und doch glasklare Wüstenoptik, die liebevoll inszenierten Szenenaufbauten und Details. Der Soundtrack untermalt die teils komischen, teils bewegenden Szenen perfekt und nicht zu aufdringlich. Die beeindruckenste Leistung liefert aber die gesamte Schauspielerriege ab: von jung bis alt spielen hier wirklich ausnahmslos alle auf einem sehr hohen (und daher stets glaubhaften) Niveau. Interessant: damit der Aspekt des „Sprachwirrwarrs“ auch hierzulande entsprechend nachvollziehbar präsentiert werden kann, spricht die türkische Familie nach ihrer Einwanderung deutsch – die deutschen aber in einer ausgedachten Fantasiesprache… erst ist das ein wenig merkwürdig, hat man sich daran gewöhnt aber einfach nur köstlich.

Fazit: Eine interessante und bunt gestaltete Familiengeschichte einerseits, andererseits auch ein sehenswertes Plädoyer für Menschlichkeit. Almanya sollte man gesehen haben, man wird es nicht bereuen – gerade wenn man elegante Genre-Spagate wie hier (zwischen Comedy und Drama) schätzt.

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Ein Gedanke zu “Filmkritik: „Almanya – Willkommen In Deutschland“ (2011)

  1. Braaaav. *g* Gutes Review dessen Inhalt ich mich voll und ganz anschließen kann…auch wenn man die ersten paar Minuten vom Filmanfang verpasst hat. ^^

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