Filmkritik: „The Number 23“ (2007)

Filmtitel: The Number 23
Regie:
Joel Schumacher
Mit: /
Laufzeit:
95 Minuten
Land:
USA
Genre:
Thriller

Inhalt: Das recht geregelte Leben des städtischen Hundefängers Walter Sparrow (Jim Carrey) gerät eines Tages leicht aus seinen geordneten Bahnen – und das ausgerechnet aufgrund eines simplen Buches. Dieses bekommt er von seiner Frau Agatha (Virginia Madsen) zu seinem 32sten Geburstag geschenkt, die ihrem geliebten Ehemann eine Freude machen möchte. Doch was als harmloses, eigentlich ganz natürlich Schmökern beginnt, wird für Walter bald schon zu einer Art Obsession. Im Buch selbst geht es um einen Charakter, der ihm verdächtig bekannt vorkommt – langsam aber sicher steigert er sich in die Welt des Buches hinein, und die Illusion wird zu seiner eigenen Realität. Zudem geht es im Buch immer wieder um die mysteriöse Zahl 23, wobei er die seltsamen Assoziationen in seiner Umwelt überprüft und so immer mehr an eine höhere Wahrheit hinter dieser Zahl glaubt. Seine Frau tut all dies als Spinnerei ab, sein Sohn Robin (Logan Lerman) jedoch glaubt ihm die verwirrende Geschichte. Walter liest immer weiter, und stellt eines Tages fest dass die beschriebenen Ereignisse tatsächlich einen direkten Bezug zur Realität haben müssen – schließlich gibt es da noch einen teilweise ungeklärten Mordfall… wurde etwa der falsche für das Verbrechen zur Rechenschaft gezogen ?

Kritik: Sollte man sagen: endlich mal wieder… ? Endlich mal wieder ein rundum gelungener Mystery-Thriller, der den Zuschauer von Anfang an packt und (stimmungstechnisch) nicht mehr loslässt ? Ja, schon wäre es – doch im Falle von The Number 23 ist dieses edle Ziel leider nicht ganz erreicht worden. Jedoch handelt es sich auch keinesfalls um einen schlechten Film – dafür ist das Drehbuch und die Umsetzung dann doch zu gut gelungen. Gleich mehr zu den negativen Aspekten des Films – doch zuerst gilt es, das Positive festzuhalten. Und das erste, was auffällt, ist die von Anfang an packende Story. Diese ist vor allem eines: düster. Und vielleicht ein klein wenig mysteriös, schließlich wird ein recht großes Aufheben um die Zahl 23 gemacht – doch das ist natürlich nur die halbe Miete. Schließlich haben wir mit Walter Sparrow einen vielschichtigen Charakter, um den sich der Film dreht – viel deutlicher noch als um die Zahl 23. So begleiten wir ihn bei seinen erst noch flüchtigen Schmöker-Touren in ein ihm bekannt vorkommendes Land… in dem es offenbar um ihn, oder zumindest eine ihm sehr ähnliche Person geht.

Nach und nach steigert er sich in die Geschichte hinein, wird gar leicht psychotisch – seine Familie reagiert unterschiedlich. Während seine Frau all dies als übertriebene Spinnerei abtut, scheint sein eigener Sohn dem Ganzen doch mehr Glauben zu schenken – weshalb er letztendlich miträselt ob des geheimnisvollen Buches. Und dieser Teil, der besonders in der ersten Hälfte des Films behandelt wird, kommt tatsächlich überaus spannend daher: schließlich ist man als Zuschauer noch völlig im unklaren darüber, was es mit dem Buch, der Zahl 23 oder auch dem immer wieder auftauchenden Hund auf sich hat. Bildet sich Walter einige Dinge davon etwa nur ein, wie die Parallelen aus dem Buch in Bezug auf sein Leben ? Steckt gar eine große Verschwörung dahinter, gibt es Mitwisser ? Ist es vielleicht nicht zu gefährlich, seinen eigenen Sohn in diese Gedankenwelt, die auch bald schon Auswirkungen auf die reale hat, mitzunehmen ? Durchweg positiv: die durch und durch stimmig-stilisierte Optik, die perfekt an die Story angepasst zu sein scheint, und neben einigen gelungenen Comic-haften Szenen (die Illusions-Szenen mit dem markanten Detektiv Fingerling) auffällig stark mit Licht und Schatten spielt.

Auch der Soundtrack fällt stimmig aus, und die schauspielerischen Leistungen sind tatsächlich enorm. Gerade Jim Carrey, den man im allgemeinen hauptsächlich aus ulkigen Filmen kennt, geht in dieser (ernsten) Rolle geradezu auf. Man kann ihm den Walter Sparrow ohne Bedenken abnehmen – ein Beweis für seine darstellerischen Fähigkeiten und seine Wandlungsfähigkeit. Seine Frau und sein Sohn (Virginia Madsen, Logan Lerman) spielen ebenfalls gut und glaubwürdig – leider sind ihre Rollen aber keine besonders ausführlichen. So verkommen diese beiden eigentlich höchst wichtigen Charaktere (gerade wenn man das Ende betrachtet, ohne Spoilern zu wollen) geradezu zu Randfiguren, während Walter Sparrow und die Zahl 23 das Szenenbild klar dominieren. Dennoch, gerade in technischer Hinsicht macht der Film einen rundum gelungenen Eindruck. Die Optik, die abwechslungsreichen Szenen aus Traumwelt und Realität, die stellenweise düsteren Schauplätze, die nicht zu hektischen Schnitte, die Kamera-Arbeit, die Darsteller, der Soundtrack – alles in allem ein perfektes Gesamtpaket, sollte man meinen !

Sollte man – doch da gibt es noch die übliche Kleinigkeit, die sich Story nennt. Gerade im Falle eines guten Thrillers ist es wichtig, dass man weder zuviel noch zu wenig verrät – man sollte am Ende des Films nicht zu 100% aufgeklärt sein, oder gar mit unzähligen Fragezeichen über dem Kopf zurückbleiben. Diese Gratwanderung gelingt The Number 23 nur höchst bedingt – während vor allem zur Mitte hin die sogenannten „Hinweise“ stellenweise etwas wirr präsentiert wurden, man tatsächlich noch fast komplett ahnungslos war und viele Fragen hatte – gibt es gegen Ende hin eine Auflösung der, nun: etwas anderen Art. Zumindest ist man eine solche wohl nicht aus anderen Thrillern gewöhnt: seelenruhig wird hier beinahe der ganze Film aufgedröselt, und das innerhalb mehrere Minuten. Während andere Filme vielleicht einige kurze Sätze oder geschickt inszenierte Szenen zwecks einer Auflösung anbieten, wird einem hier die Lösung geradezu aufgedrängt – das ist schade und wirkt leicht verkrampft. Zumal, und das ist das eigentlich schockierende an der Sache: man dennoch das Gefühl hat, als ergäbe all dies nicht wirklich einen Sinn. Die Auflösung hat man nun also gesehen und verstanden – die Ereignisse aus dem Film aber trotzdem nicht gänzlich nachvollzogen. Wie auch – da die Machart in Bezug auf Rätsel aufzeigen und lösen absolut schlecht dosiert daherkommt – bis zum Ende hin gefühlte 10% Hinweise eingestreut, und am Ende selbst dann plötzlich 100%.

Aber es gibt noch weitere Ärgernisse. Achtung, Spoiler ! Denn besonders der für den Film hochstilisierte „Zahleneffekt“ der 23 wirkt stellenweise gar ein wenig lächerlich präsentiert. Könnte man anfangs noch davon ausgehen, dass die 23 nicht nur eine Bedeutung für Walter Sparrow hat, sondern irgendwie mit einer Art Verschwörung oder einem antiken Wissen verbunden sein könnte – so werden diese Vermutung schnell zerstreut. Es wird klar: es muss Walter selbst sein, der nicht ganz „proper“ ist und sich hier einen Reim auf Dinge macht, zu denen eigentlich gar keiner gehört. Zudem wirken gerade die Folgerungen, wie jeweils auf die 23 zu kommen ist, stark vereinfacht und wie aus der Luft gegriffen. Beste Beispiele sind das wirre zusammenrechnen von irgendwelchen Zahlen oder Daten, die Attributierung von Zahlen zu Buchstaben, oder Geschichtsdaten in denen die 23 vorkommt. Der Film macht hier einen gravierenden Fehler, indem er dies eben nicht dem Wahn Walters zuschreibt (das wird erst später aufgelöst) – sondern versucht, eine „allgemeine Verschwörung“ zu inszenieren. Der Sohn von Walter dient hier klar als Identifikationsfigur, da er als einziger seinem Vater Glauben schenkt und auch mal selbst nachrechnet. Wirklich brilliant wirkt all das aber nicht – und letztendlich dient die Zahl 23 ja ohnehin nicht als Schlüssel zu einer Verschwörung, sondern als Schlüssel in einen kranken Geist. Hier schlägt lediglich die Präsentation und das „Versprechen“ des Films fehl. Spoiler Ende.

Weiterhin sind es die storyrelevante Unstimmigkeiten, die man hätte anders lösen können, oder sollen. Beispielsweise wird nicht auf den Kollegen von Walter eingegangen, man erfährt nicht ob er nun „mehr“ wusste oder nicht. Immerhin scheint er es gewesen zu sein, der den Raum betrat in dem Walters Frau gerade das Geheimnis entdeckte… lediglich eine Silhouette wird angedeutet. Ebenfalls fraglich und nicht wirklich nachvollziehbar: der Sturz, der zu Walters Gedächtnisverlust geführt haben soll. Mehr noch: im Film selbst wird angedeutet, dass es sich eben nicht um einen Gedächtnisverlust gehandelt haben soll, sondern um einen Verdrängungsmechanismus. Wieso also dies überhaupt auf den Sturz zurückführen und so darstellen, als wäre dieser die Ursache ? Als Krönung der „Fragwürdigkeit“ bekommt man ein Ende serviert, welches nicht gerade sonderlich gewagt oder innovativ daherkommt: hier schlägt Hollywood dann doch noch zu. Und ich spreche nicht vom Vor-Ende mit der Auflösung, sondern von den Szenen in denen Walters Frau noch einmal ihre Liebe bekundet (zu einem Killer ? Sie scheint zu keinem Zeitpunkt schockiert, obwohl sie es doch erst im besagten Raum herausfand), und Walter sich letztendlich „moralisch verpflichtet“ fühlt, sich zu stellen. Hier gerät die Glaubwürdigkeit etwas ins Ungleichgewicht: 13 Jahre lang lebte Walter ein „falsches“ (oder richtiges, je nachdem) Leben, und nun entdeckt er wieder wer er einmal war – seine Wahnsinnigkeit kommt aber nicht zurück (dies wäre eine interessante Variante), nein: an diese Stelle tritt eine moralische Besonnenheit. Er muss sich stellen ! Wie… nachvollziehbar ? Immerhin bekommt der Film so noch einen moralischen Zeigefingeraspekt verpasst, der besagt; dass Verbrechen niemals vergessen oder vergeben werden können – man wird zur Rechenschaft gezogen ! Und am besten ist es eben, man stellt sich selbst… sicher, eine höchst menschliche, nachvollziehbare Aussage – aber doch bitte nicht in einem Mystery-Thriller ! Da könnte man doch gerne mal „aus dem Vollen“ schöpfen und ein etwas anderes, vielleicht sogar verstörendes Ende (da nachhaltiger) präsentieren…

Fazit: Technisch sicherlich über jeden Zweifel erhaben, bietet The Number 23 eine grundsätzlich interessante Story. Die Umsetzung jedoch gelingt nicht immer, und offensichtliche Fehler und Anhaltspunkte für (berechtigte) Kritik häufen sich im Laufe der Spieldauer. Besonders ärgerlich ist auch, dass der Film so vielversprechend; so andersartig begann – und sich letztendlich immer mehr in Richtung Mainstream und hin zu einem „massentauglichen“ Finale bewegte. Die Bedeutung der Zahl 23 dient nur als Aufhänger, und obwohl keine „Verschwörung“ oder ähnliches dahintersteckt, wird der Film genau so präsentiert ! Das ist schade, da so im Grunde verhehlt wird, was der Film eigentlich ist: ein knallharter Psycho-Thriller – ohne „Mystery“-Touch !

Über Kommentare Freut Sich Jeder.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.