Filmkritik: „Der Krieg Ist Aus“ (1990)

Originaltitel: Apres La Guerre
Regie:
Jean-Loup Hubert
Mit: /
Laufzeit:
105 Minuten
Land:
Frankreich
Genre:
Drama

Inhalt: Frankreich im Jahre 1944: das Ende der deutschen Besatzungszeit ist bereits in Sicht, und auch die Bewohner eines kleinen Dorfes haben von der fröhlichen Kunde gehört. Voller Hoffnung wartet man hier auf das Eintreffen der amerikanischen Befreier, sogar ein eigener Musikzug und allerlei Dekorationen werden vorbereitet. Dann ist es soweit: drei Kinder sehen die sich annähernden Panzer als erste, und berichten sofort davon in der Stadt. Alle bereiten sich vor, doch dann geschieht das Unglück: es sind nicht die Amerikaner, sondern Reste eines deutschen Truppenverbandes ! Unter diesen tragischen Umständen kommt der Bürgermeister des Dorfes zu Tode, und prompt will man die Kinder für diese gravierende Fehlinformation zur Rechenschaft ziehen. Doch denen kann man keine Absicht unterstellen – dennoch ist es gut, dass sie sich vorsorglich versteckt haben und das folgende Streitgespräch von draussen aus mithören. Die hier ausgesprochenen Worte treffen die Kinder so hart, dass sie sich entscheiden, dass Dorf Richtung Lyon zu verlassen. Julien und Antoine, zwei Halbbrüder, sind zwei von ihnen – zusammen wollen sie ihre Mutter suchen. Auf dieser abenteuerlichen Reise lässt sich der dritte im Bunde leider nur allzu schnell schnappen – und so treffen Julien und Antoine zu zweit auf den deutschen Deserteur Franz. Nach anfänglicher Angst und Skepsis stellen die beiden bald fest, dass dieser furchteinflößende Deutsche gar nicht so ein Monster zu sein scheint… die drei werden auf dieser höchst ungewöhnlichen Odyssee zu Freunden.

Kritik: Da sieht man es mal wieder: mit einem vergleichsweise einfachen Prinzip lässt sich weitaus mehr als nur ein annehmbarer Film schaffen. Tatsächlich ist Der Krieg Ist Aus ein poetisches Meisterwerk geworden – und genießt sicherlich noch immer nicht den Bekanntheitsgrad, den er verdient hätte. Warum ist das so ? Nun, sicherlich liegt dies an der relativ untypischen Thematik. Als allgemeine Genre-Überschrift kann man die Begrifflichkeiten Drama und Zweiter Weltkrieg sicherlich noch unangetastet stehen lassen – geht man aber ins Detail, so muss man feststellen, dass es sich hier um einen bisher nie dagewesenen Film handelt, der schlicht nicht mit anderen Werken zu vergleichen ist. Denn es ist schon recht ungewöhnlich, Kinder als Hauptdarsteller in einen WK-II Film zu packen – noch dazu in einem so malerischen Gewand, dass man leicht an ein ganz anderes Genre, wie beispielsweise den Abenteuerfilm denken könnte. Dennoch lässt diese Mischung den überaus ernsten Unterton keinesfalls aussen vor, mehr noch; er bringt die Thematik auf eine bisher noch nie behandelte metaphorische Ebene.

So ist es unglaublich bewegend, diesem Film, und ganz besonders den vorgestellten Charakteren auf ihrer Reise beizuwohnen – die sich kontinuierlich zu einer kleinen Odyssee entwickelt. Alles beginnt in einem kleinen Dorf, zu einem Zeitpunkt, als die Kinder noch in die dörfliche Gemeinschaft integriert waren. Zumindest zu einem großen Teil – dass es bereits hier familiäre Unstimmigkeiten gegeben hat, wird man als Zuschauer später noch erfahren. Doch alle Wünsche der Kinder manifestieren sich nun im Zuge der Reise, des Abhauens von Zuhause – der Drang nach Freiheit, der Drang nach der Wahrheit zu forschen, und vielleicht auch der Wunsch wirkliche Liebe und Zuneigung zu erfahren. Diese erfahren die Halbbrüder in der ersten Etappe vor allem untereinander – der Zusammenhalt ist groß und rührend inszeniert. Es wird sich vorerst noch in der näheren Umgebung aufgehalten, zu Fuß kommt man schließlich nicht sehr weit – doch es scheint, als wäre ihnen niemand auf den Fersen. Das erste Proviant wird ergaunert oder in der Natur entdeckt, einer der beiden verkleidet sich als Mädchen – um der Verfolgung endgültig zu entgehen. Dass die beiden dann ausgerechnet in einem verletzten deutschen Soldaten einen Freund finden, der sie auf der Reise begleitet, ist der eigentliche, höchst überraschende Clou des Films. Wie ist so etwas möglich, wird man sich fragen ? Alle Begebenheiten sollten eigentlich dagegen sprechen: die Franzosen haben einen Hass auf die Deutschen, die Deutschen sind zu dieser Zeit entgültig verzweifelt, viele Desertieren und lassen niemanden mehr an sich heran – doch es scheint, als basierte die Geschichte tatsächlich auf wahren Begebenheiten.

Und hier kommt eine Kraft ins Spiel, eine gar universelle Kraft wenn man so will. Diese ist schwer zu benennen, doch in jedem Fall ist es eine Kraft der Güte, der Hoffnung. Allen Umständen zum Trotz entwickelt sich zwischen dem Trio ein unglaublich festes Band, welches früher oder später nicht mehr zu durchtrennen ist. Sehr bewegend ist beispielsweise die Szene, in der der Soldat sich eigentlich von den beiden Kindern verabschieden wollte – und er es doch nicht wagt, die beiden allein zurückzulassen. Wenn man so will, und das Ganze einmal oberflächlich betrachten wollte, so könnte man als Kritiker jetzt sagen: im Grunde „passiert“ ja nicht viel im Laufe der Spieldauer. Die Kinder laufen von Zuhause weg, treffen einen desertierten Deutschen, freunden sich mit ihm an und am Ende steht… jedenfalls kein Happy-End. Ja, es könnte durchaus Menschen geben die diesen Film genau so erleben werden – das ist allerdings höchst bedauerlich, da ihnen unglaublich viel entgeht. Denn man sieht selten einen Film, der derart viel zwischen den Zeilen transportiert – das können Gefühle und Emotionen im kleinen sein (in Bezug auf das Trio), aber eben auch universelle Ansichten und Interpretationsversuche in Bezug auf ein großes Ganzes – den schrecklichen Weltkrieg im Hintergrund. Man sollte diesen Film also mit höchster Aufmerksamkeit schauen, wobei dies eigentlich fast automatisch der Fall sein sollte. Denn trotz der hypnotisierenden malerischen Landschaften und der teilweisen erzählerischen Stille ist der Film überaus spannend.

Dies liegt in erster Linie an der präsentierten Situation, bei der ein großes Maß an Empathie für die Charaktere einfach aufkommen muss. Schließlich ist die Situation ebenso hoffnungslos wie hoffnungsvoll – der Krieg hat die Menschen müde gemacht und zermürbt, doch selbst inmitten all das Chaos und der Grausamkeit gibt es etwas, was die Menschen menschlich macht, ihnen neue Hoffnung schenkt. Es ist natürlich sehr bewegend, dem Ende des Films entgegenzufiebern – erst könnte man noch meinen, es würde eine Art Happy End geben… doch hier offeriert der Film eine weitere, tiefgehende Ansicht auf den Charakter des deutschen Soldaten, der letztendlich am Erlebten zerbricht – wenn man es aus dieser Perspektive betrachten will. Die Zukunft der Kinder… ungewiss, doch diese will der Film auch gar nicht behandeln: lediglich dieses kleine Wunder vor dem Ende gilt es, zu beleuchten. Die technischen Aspekte des Films sind ausgezeichnet – es ist besonders die gut gelungene Kamera-Arbeit, die von Anfang an überzeugt. Hinzu kommen die wunderschönen, malerischen Landschaften und Züge der Natur, in denen sich die Protagonisten bewegen. Hier und da gibt es dann mal ein kleineres Dörfchen zu sehen – die Gestaltung der Szenen und Szenenaufbauten ist beeindruckend und wirkt stets authentisch. Wie sollte es bei einem Film wie diesem hier anders sein – ein großer Teil der Aufmerksamkeit des Zuschauers fällt nun einmal auf die Darsteller. Und die scheinen derart talentiert, dass sie ihr Spiel nicht erst perfektionieren müssen (die Kinder), sondern direkt und spontan das im filmischen Sinne „richtige“ tun – sich authentisch und glaubhaft zu verhalten. Das sieht in gekünstelten Hollywood-Produktionen oftmals ganz, ganz anders aus ! Der Darsteller des deutschen Soldaten macht ebenfalls eine sehr gute Figur – sein Schwanken zwischen seinem emotionslosen Dasein als deutscher Frontsoldat und seinem eigentlich gütigen, wohlwollenden Inneren macht den Reiz dieses Porträt aus. Wahrlich bravouröse Leistungen, die hier zu sehen sind.

Fazit: Schlussendlich kann man eigentlich nicht umher kommen, dieses kleine Kunstwerk nur in den höchsten Tönen zu loben – es handelt sich hier um Filmkunst, wie sie im Buche steht. Man nehme lediglich einige der Zutaten, die gerade in Frankreich immer wieder für gelungene Filme sorgen – und streiche restlos alles, was irgendwie an Macharten aus Übersee (Hollywood) erinnern könnte. Heraus kommt ein Film wie Der Krieg Ist Aus – ein bewegender, sentimentaler, spannender, ergreifender Film.

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