Filmkritik: „39,90 (Neununddreißigneunzig)“ (2007)

Filmtitel: 39,90 (Neununddreißigneunzig)
Regie:
Jan Kounen
Mit: /
Laufzeit:
104 Minuten
Land:
Frankreich
Genre:
Drama

Inhalt: Willkommen in der schönsten aller Welten – die Werbung verspricht viel. Vielleicht sogar weitaus mehr, als sie halten kann ? Octave Parango (Jean Dujardin) ist einer derjenigen Werbemacher, der sich spritzige Werbeslogans einfallen lässt und weiss, wie man die Kunden manipuliert. Doch offenbar hat er genug von der Branche – gleich zu Beginn des Films stürzt er sich vom Dach eines Hochhauses. Noch bevor er den Boden erreicht, erinnert er sich an sein bewegtes Leben… Rückblick: Octave ist jung, talentiert, und hat vor allem eines, nämlich genügend Geld. Dieses investiert er vorzugsweise in  Drogen und Party-Exzesse, und desöfteren ist auch sein Arbeitskollege Charlie (Jocelyn Quivrin) mit von der Partie. Den größten Halt in seinem Leben gibt ihm jedoch die junge Sophie (Vahina Giocante), wobei aus dieser Liebschaft offensichtlich mehr zu werden scheint. Doch als sie ihm offenbart, dass sie von ihm schwanger ist, macht Octave einen Rückzieher und flüchtet… um sich endlich seinen Problemen zu Stellen beginnt er eine Therapie, und plant alsbald einen genialen Rachefeldzug. Er möchte nicht länger ein Spielball der Wirtschaftsbosse und Großauftragskunden sein, und plant daher einen der kommenden Werbespots zu sabotieren.

Kritik: Endlich einmal wieder muss man einen sogenannten „Geheimtipp“ nicht mit einem faden Beigeschmack genießen. Denn 39,90 ist alles andere als ein langatmiger oder gewöhnlicher Film. Das Stichwort Extravaganz spielt eine große Rolle – so wie es die Protagonisten sicherlich sind, ist auch die allgemeine Machart des Films höchst erfrischend und irgendwie anders. Dieses „anders“ lässt sich aber auch beschreiben – es beginnt mit dem Auftakt, welcher chronologisch auch das Ende des Films darstellt. Denn: was soll nach einem Selbstmord (des Hauptcharakters) noch folgen… ? Der Film ist so aufgebaut, dass der Protagonist im Sturz von einem Hochhaus noch einmal seine bisherigen Lebenserfahrungen Revue passieren lässt, so gesehen als bildergewaltige Nahtoderfahrung. Die Idee ist zwar längst nicht mehr neu, doch die Art, wie 39,90 inszeniert ist, ist es allemal. Die Handlung spielt – im groben – im Werbesektor, und so ist auch der Film gespickt mit zahlreichen Informationen zur Branche, vor allem aber auch kritischen Seitenhieben. Wenn man bei 39,90 also schon von einer Komödie spricht, so sollte man zusätzlich erwähnen dass es sich keinesfalls um einen infantilen Klamauk handelt – sondern in erster Linie um einen rabenschwarzen, pragmatischen Humor. Und bei einem solchen kann die menschliche Existenz auch gerne mal etwas abgewertet werden. Dennoch wirkt der Film niemals depressiv oder allzu moralisch. Er stimmt zwar nachdenklich, verhehlt niemals seine gesellschaftskritischen Absichten – unterhält aber auf einem Großteil der Strecke mit quirliger Situationskomik und allerlei Drogen-Exzessen, wobei sich hier Fantasie und Realität oftmals überschneiden können. Was mit Sicherheit real ist, ist der porträtierte Charakter von Octave – im Grunde eine tragische Figur, die sich nach einer Art „Erlösung“ von alledem sehnt. Diese bekommt er auch – allerdings in einer anderen Form, als man es vielleicht erwarten würde.

Sie, ich – alles ist provisorisch… vor allem aber ich. Die stellenweise verurteilende Gesamtwirkung des Films wird zusätzlich von einem allgemein angepassten optischen Part untermalt. Mitunter geht es recht hektisch, recht bunt zu – comicstrip-artige Szenen einer Rasertour auf Drogen sind hierbei eines der vielen Stilmittel. Desweiteren gibt es geschickt platzierte Zoomfahrten, abwechslungsreiche Kameraschwenks, viele Einblendungen im Stile einer Fernsehwerbung; und ein allgemeines „Spiel mit dem Zuschauer“. Mal erzählt Octave aus dem Off, mal sprechen die Protagonisten direkt in die Kamera, filmische Perspektiven ändern sich und offerieren spätestens mit dem (zweigeteilten) Finale einen nennenswerten Aha-Effekt. Ob Traum oder Wirklichkeit, für Octave scheint es keine Rolle mehr zu spielen – die Hauptsache ist, man hat es erlebt; bevor man die Bühne der Welt verlässt. Und selbstverständlich die Bühne der Werbe-Welt: selten hat man eine so detaillierte, ehrliche Innenansicht in Bezug auf diesen durchaus riesigen Wirtschaftszweig erhalten wie in 39,90. Es ist eben nicht alles Gold was glänzt – doch spielt einem gerade die Werbung genau dies immer wieder vor. Was aber, wenn Werbung absolut „unehrlich“ ist, und ein recht heruntergekommener, verzweifelter und drogenabhängiger der Kopf hinter den vermeintlich perfekten Werbe-Illusionen steckt ? Aber, und das ist die Frage, ist es in der Realität nicht genau so ?

Sicher, dem Film ist eine gewisse Form der „Einseitigkeit“ nicht abzusprechen. Die Welt der Werbemacher gleicht konsequent einem bunten Chaos – wirklich alle sind leicht verrückt, konsumieren Drogen (oder tolerieren zumindest den Konsum), sind mehr oder weniger „Opfer“ der Wirtschaft und hegen mitunter sogar Selbstmordgedanken. Die Welt, wie sie hier gezeichnet wird, wirkt nicht immer vollständig glaubhaft – doch ein wenig Überzeichnung im Sinne einer Persiflage oder Gesellschaftskritik hat noch keinem (sonst guten) Film geschadet. Besonders interessant sind natürlich auch die Leistungen der Darsteller, allen voran der Franzose Jean Dujardin, der den Hauptcharakter Octave spielt. Mit Sicherheit war das keine leichte Rolle. Hier musste eine enorme Bandbreite an Wesensarten und Gefühls-Achterbahnfahrten dargestellt werden – von todtraurig bis absolut überdreht – was ihm sehr gut (und stets glaubwürdig) gelungen ist. Etwas schade ist dagegen, dass das „Drumherum“ des Films nicht mit der Aussage korrespondiert – ein kleiner Wermutstropfen. Natürlich muss auch ein Film wie 39,90 beworben werden, und auch hier werden (höchstwahrscheinlich) in geradezu „unwirtschaftlicher“ Manier Produktionsgelder ausgegeben worden sein – zumindest findet sich kein andersartiger Hinweis, den man beispielsweise im Abspann hätte unterbringen können. Doch dafür hätte man eine Überzeugungs-Linie fahren müssen, die wahrlich über den Kontext des Filminhaltes hinausgeht. Im gleichen Zug wird auch der merkwürdige Hinweis, dass „10 Prozent des weltweiten Gesamt-Etats für Werbung“ ausreichen würden, um „den Hunger auf der Erde zu halbieren“  – schön und gut, aber was nützt dem Zuschauer diese Information, ausser dass es die (ohnehin schon vorhandene) Wut auf Wirtschaftsbosse und die Werbebranche noch weiter schürt ? Man ist eben machtlos, und da helfen auch „große“ Zahlenspiele wenig.

Fazit: 39,90 ist ein Film, den man gesehen haben sollte; gerade wenn man auf Filme aus ist die sich in irgendeiner Form mit Gesellschafts- oder Wirtschaftskritik befassen.

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