TV-Kritik / Anime-Review: ELFENLIED

Die Anime-Serie Elfenlied basiert – wie so häufig – auf einer gleichnamigen Manga-Vorlage, geschaffen von Lynn Okamoto. Während die Mangas bereits ab dem Jahr 2002 veröffentlich wurden, so fand die Erstausstrahlung der Serie im japanischen Fernsehen ab 2004 statt. In Deutschland zog man erst wesentlich später nach, und zwar im Jahr 2008 – und das glücklicherweise mit einer insgesamt gelungenen deutschen Synchronisation. Doch zunächst zur Story:

In einer privaten Forschungseinrichtung mit hohen Sicherheitsstandards werden mehrere besondere Wesen gefangengehalten, die auf den ersten Blick wie Menschen aussehen. Warum die sogenannten Diclonii, darunter auch ein Mädchen namens Lucy, unter offenbar unmenschlichen Bedingungen festgehalten werden, zeigt sich alsbald: sie verfügen neben ihren auffälligen Hörnern am Kopf über eine mysteriöse Kraft. Sie haben mehrere „unsichtbare“ Arme, die Vektoren genannt werden – doch die Einsatzgebiete dieser zusätzlichen Gliedmaßen scheint gerade beim Diclonius Lucy auf nur ein einziges Feld beschränkt zu sein: das Töten. Durch einen Zwischenfall kann Lucy eines Tages der Einrichtung entkommen, jedoch verliert sie kurz darauf ihr Gedächtnis – als sie von einer Kugel am Kopf getroffen wird. Sie kommt an einem Strand wieder zu sich, und bringt fortan nicht viel mehr als das Wort „Nyu“ heraus –  weshalb die Studenten Kohta und Yuka sie auch so nennen, nachdem sie sich entschlossen haben sie bei sich aufzunehmen. Glücklicherweise ist Nyu im Gegensatz zu Lucy völlig harmlos, und weiss nichts von ihren geheimnisvollen, tödlichen Fähigkeiten. Doch es stellt sich bald heraus, dass sie ihr Gedächtnis gar nicht verloren hat, sondern eine Art Persönlichkeitsspaltung aufgetreten ist… die Gefahr, dass Nyu wieder zu Lucy wird, besteht also fortwährend. Kohta und Yuka ahnen indes nichts Böses…

Im weiteren Verlauf kommen noch mehr Charaktere hinzu, und natürlich sind besonders die Leiter der Forschungseinrichtung wild darauf, Lucy entweder wieder einzufangen, oder besser noch: zu eliminieren. Aus diesem Grund wird ein Spezialtrupp zusammengestellt, der ihren vermutlichen Aufenthaltsort auskundschaften soll. Doch offenbar geht es nicht ganz ohne zusätzliche Hilfe: weitere Kammern im Labor des Schreckens, in dem an den Diclonii geforscht wird, werden geöffnet… die Liste der Episoden (deutsche Titel):

  1. Begegnung
  2. Vernichtung
  3. Im Innersten
  4. Aufeinandertreffen
  5. Empfang
  6. Herzenswärme
  7. Zufällige Begegnung
  8. Beginn
  9. Schöne Erinnerung
  10. Säugling
  11. Vermischung
  12. Taumeln
  13. Erleuchtung
  14. Regenschauer (OVA, eigentlich Folge 10.5)

In der Tat kann man anfangs nur erahnen, worauf man sich mit der Serie Elfenlied einlässt. Bereits das höchst mysteriös-sakral gehaltene Intro und die ersten Szenen versprechen vor allem eines: demnach würde dieser Anime reichlich brutal, schockierend und irgendwie seltsam ausfallen – aufgrund der gewissen Übernatürlichkeit der Diclonii. Und tatsächlich, die erste Folge gleicht einem Splatter-Feldzug der heftigsten Sorte: alle möglichen Körperteile werden abgetrennt, Blutfontänen schießen aus allen Wunden, viele Mitarbeiter des Forschungsinstitutes, aber auch offenbar „harmlose“ Beteiligte werden auf brutalste Weise von Lucy ermordet. Doch damit sogleich zum Clou der Serie, welcher sie merklich von unsäglichen Brutalo-Orgien und stupidem Gemetzel abhebt: die (drastische) Darstellung der Tötungs- und Foltermethoden dienen nicht als Hauptaufhänger der Story. Im Gegenteil – sie fungieren eher als Beiwerk, als zusätzliches Stilmittel – auch wenn man dies anfangs sicherlich nicht vermuten würde.

Denn: der wesentliche Kernaspekt von Elfenlied bezieht sich auf ein anderes Themenfeld, beziehungsweise gleich mehrere Themenfelder. Der Anime entpuppt sich bereits nach wenigen Episoden als eine vielschichtige Erzählung über „andersartige“ Wesen, und offeriert hierbei unzählige Seitenhiebe auf gesellschaftliche Missstände (Integration) oder Formen des Machtmissbrauchs. Ein noch größeres Augenmerk wurde aber auf die Darstellung zwischenmenschlicher Aspekte gelegt, wobei sich nun der Kreis zu den wahrlich „einschneidenden“ Gewaltdarstellungen schließt: es wird sich nicht mit oberflächlichen Gefühlsduseleien aufgehalten, stattdessen wird das porträtiert, was die Menschen im innersten bewegt; ja sogar als Menschen ausmacht. Auch die Liebe spielt eine Rolle – doch fungiert Elfenlied hierbei als wahrer Hammerschlag in die Bresche der ewig-gleichen Liebesschnulzen aus Kitsch und Eintönigkeit. Im Elfenlied-Universum ist alles eben ein wenig anders, und das hebt die Spannung doch merklich.

Gleichzeitig ist die relativ kurze Serie mit „nur“ 13 Episoden ein gutes Beispiel dafür, dass eine Serie trotz vergleichsweise geringem Umfangs sehr unterhaltend sein, und eine entsprechende Wirkung nach aussen tragen kann. Es braucht also niemand Angst zu haben, „zuviel“ Zeit zu investieren (durchaus ein berechtigter Einwand, da es nicht immer automatisch „gute“ Serien mit 50+ Episoden gibt) – die Handlung wirkt dabei aber niemals komprimiert oder unvollständig. Vieles wird erklärt, Episoden-Cliffhanger werden schlüssig aufgelöst; lediglich die ganz großen Fragen, also zum Beispiel nach dem Ursprung der Diclonii, bleiben weitestgehend unangetastet. Aber das stört nicht, dafür ist die Serie viel zu abwechslungsreich und der inszenatorische Spagat zwischen Brutalität und Niedlichkeit zu gewagt, zu gelungen. Stichwort „Niedlichkeit“: der Einfluss des Seinen-Genres ist nicht zu übersehen. So laufen des öfteren unbekleidete junge Mädchen umher, gewisse Körperteile werden hervorgehoben – aber auch hier gilt: die Abwechslung und die entsprechende Dosierung machts.

Die mitunter faszinierendsten Momente in Elfenlied sind wohl die Rückblicke auf die Vergangenheit der Protagonisten, die letztendlich viele Konstellationen und Umstände der Gegenwart erklären – auch hier kann aus wunderbar verträumten, melancholischen Szenen schnell ein brutales Gemetzel werden. Nicht jedoch aus Gründen der Perversion oder des Voyeurismus, sondern nur; wenn es der inhaltliche Zusammenhang erfordert, voraussetzt. Deshalb sei es noch einmal erwähnt: diese Serie ist beileibe nichts für unter 18-jährige (oder zartbesaitete), dafür sind die Gewaltdarstellungen einfach zu explizit.

Die technischen Aspekte runden den Anime dann noch zusätzlich ab: die Zeichnungen sind nett, die Charakterdesigns schwanken zwischen niedlich und dämonisch, die Farben sind kräftig und die Animationen flüssig. Hinzu kommt das wunderbare Intro sowie ein generell sehr stimmiger Soundtrack, sowie die bunte Mischung aus heftiger Action und bewegenden Drama-Elementen. Elfenlied ist neben Death Note und Neon Genesis Evangelion einer der Animes, die man gesehen haben muss – weshalb es auch eine 9.5/10 Wertung gibt. Schockierend, brutal, melancholisch, dramatisch, witzig; kurzum: einzigartig – das ist Elfenlied aus dem Jahre 2004.

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„Eine wahrlich hervorragende Serie.“

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