Filmkritik: „Summer Wars“ (2009)

Originaltitel: Samâ Wôzu
Regie:
Mamoru Hosoda
Mit: /
Laufzeit:
113 Minuten
Land: Japan
Genre:
Animationsfilm

Inhalt: In der nahen Zukunft… eine virtuelle Community mit dem Namen OZ macht es den Menschen weltweit möglich, miteinander zu kommunizieren. Sprachbarrieren werden hierbei umgangen, denn selbst für eine automatische Übersetzung je nach Heimatland ist gesorgt. Doch nicht nur das: die Nutzer können ihre sogenannten Avatare auch dazu nutzen, um alltägliche Geschäfte zu erledigen. Ob online einkaufen, Rechnungen bezahlen; ja selbst verwaltungstechnische Prozesse sind über OZ kontrollierbar – sofern man entsprechende Zugriffsrechte besitzt. Kenji, ein junger Schüler, wird zu Beginn der Geschichte von einer Schulfreundin namens Natsuki eingeladen, ein wenig auf dem Anwesen ihrer Großmuter zu helfen – dass er jedoch ihren Verlobten spielen soll, damit hatte er nicht gerechnet. Eines Nachts bekommt Kenji eine seltsame SMS, die er als Mathematikrätsel interpretiert – er löst die Aufgabe. Doch damit verschafft er einer künstlichen Intelligenz die Macht, in das virtuelle Netzwerk von OZ einzudringen und unzählige Useraccounts zu übernehmen… weshalb er am Tag darauf auch schon als gesuchter Krimineller im Fernsehen gezeigt wird. Mit der Hilfe der Großfamilie jedoch könnten es die jungen Leute mit der angriffslustigen KI aufnehmen… aber nur, wenn alle zusammenhalten !

Kritik: Nun, oft ist das so eine Sache mit Animationsfilmen – sie können nicht nur mit Realfilmen „mithalten“, sondern spielen qualitativ oftmals in einer ganz anderen Liga. Denn: die Wirkung, die ein guter Anime entfalten kann, ist ungleich weitreichender. Die Gründe hierfür sind vielfältig: zum einen ist es eine gewisse Universalität, die beim Prozess Gedanke zu Anime automatisch entsteht – schließlich ist alles gezeichnet (beziehungsweise computeranimiert) und daher überall auf der Welt verständlich. Es gibt keine kulturrelevanten Barrieren, oftmals finden sich sogar gute deutsche Synchronisationen – wie auch beim vorliegenden Summer Wars. Ein weiterer Aspekt ist die künstlerische Freiheit, die bei einem Anime ungleich höher ist als bei einem Realfilmprojekt. Und auch hier schöpft man bei Summer Wars aus dem Vollen: eine traditionelle Familiengeschichte trifft auf die modernen Welten des Web 2.0, die unter Einsatz von ausserordentlich schicken CGI-Animationen dargestellt wird. Die Ereignisse aus dieser virtuellen Welt haben durch einen Hackerangriff unmittelbare Auswirkungen auf die reale Welt, weshalb die Grenzen zwischen Virtualität und Realität einstweilen verschwimmen – eine im Film vorgestellte Fiktion, die längst keine mehr ist. Schließlich werden wir alle immer „multimedialer“ und immer mehr wichtige Prozesse lassen sich über das Internet steuern.

Wenn man sich mit diesem Szenario anfreunden kann, in diesem Fall ein leicht übertriebenes – dann sollte man an Summer Wars Gefallen finden. Es wird aber sicherlich auch einige geben, die mit der deutlichen Vernetzung von virtuellen und realen Prozessen nichts anfangen können – zumal gerade die Szenen in der Welt von OZ möglichst realitätsnah porträtiert werden – das heisst, die Avatare haben hier die Stimme der Sprecher, können sich recht „frei“ im Raum bewegen, und liefern sich teilweise harte Zweikämpfe. Zwischendurch werden dann hie und da wilde Tastatureingaben gezeigt, die irgendwie etwas mit den Aktionen der Avatare zu tun haben sollen – wenngleich fraglich erscheint, was. Diese Steuerung wird nicht erklärt, ebenso wenig wie der Umstand, dass es eine Welt wie OZ so weit gebracht hat – dass selbst die Prozesse innerhalb einer Stadt (Strom, Wasser, Verkehr…) von hier aus kontrollierbar sind. Sicher, es wird vorausgesetzt, dass diese Systeme nicht zugänglich sind, und es nur durch einen Hackerangriff zu einen Desaster kommt – doch hier wird die Unwahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios deutlich. Interne Sicherheitssysteme, die sich im Rahmen des Web 2.0 in einer virtuellen Welt mit vielen Millionen Nutzern befinden, laufen nun einmal Gefahr, angegriffen zu werden.

Dieser „virtuelle“ Part von Summer Wars ist also sicherlich eine Geschmacksfrage – wenngleich die Story zu gut 50 Prozent auf diesem basiert. Die andere Hälfte beschäftigt sich mit dem Leben einer Großfamilie, mit allem Drum und Dran. Es gibt einen Geburtstag zu feiern, der schüchterne Kenji versucht sein Glück als „Neuzugang“ in der Familie, verstossene Familienmitglieder kehren zurück; dann ein Todesfall und der familiäre Zusammenhalt unter der Hervorbringung von historischen Anekdoten. Dieser Teil von Summer Wars weiss zu überzeugen – vor allem durch eine zwischen den Zeilen mitschwingende Emotionalität, und der stets nachvollziehbaren familiären Entwicklung. Und, ein klein wenig von einer (glücklicherweise klischeefreien) Romanze kommt auch noch dazu. Selbst wenn die Protagonisten dann zu ihren Computern oder Handys greifen, wird dieses Gefühl der Authentizität, des „Zuhause-Seins“ im Film nicht gestört – erst, wenn direkt auf das Innenleben der Welt von OZ geschwenkt wird und die Farben ins unendlich bunte, das Charakterdesign (oder eher: Avatardesign) ins komische abdriftet. Eher schlecht als recht, und überaus behelfsmäßig-wirkend: die Gestaltung der künstlichen AI, die alle Avatare der User in sich vereint und im virtuellen Raum zu einem gigantischen „Monster“ mutiert. Sicher, die CGI-Animationen sind nett; aber dennoch wirkt diese Welt einfach viel zu befremdlich und stört die ansonsten recht idyllische Atmosphäre des Animes.

Natürlich soll es ja gerade darum gehen, dass diese Harmonie gestört wird, Stichwort Summer Wars – doch diese „Kriege“ wissen einfach nicht sonderlich zu faszinieren, und selbst wenn sie Auswirkungen auf die Realität haben, so bleiben sie virtuell. So kann stellenweise gar das Gefühl einer Parodie aufkommen – so könnte man an eine Southpark-Folge denken, in der ein mächtiges Facebook-Profil die Weltherrschaft an sich reissen möchte, aber an einer Partie Kniffel scheitert. Ganz genau so ist Summer Wars aufgebaut – nur, dass der Anime sich dabei bierernst nimmt. Es gibt jedoch auch Schwächen innerhalb des qualitativ hochwertigeren Teils, der Darstellung des Familienlebens: während selbiges zwar recht gut eingefangen wird, werden besonders die Charaktere relativ einseitig und klischeehaft dargestellt. Und auch die typischen Anime-Klischees der Darstellung von entsetzten oder erschrockenen Gesichtern werden auf das höchste ausgenutzt. So ist besonders der junge Kenji wie ein „typischer Fall“: er wirkt derart unsicher, dass man sich fragen muss, ob es tatsächlich nur an der Tatsache liegt, dass all dies „neu“ für ihn ist. Aber natürlich sind es weider einmal die jungen Teenager, die sich als wahre Helden herauskristallisieren; und so dem „Erbe“ der alten gerecht werden. Happy End und gut…

In Sachen Zeichenstil, Qualität und Animationen ist Summer Wars sicherlich ein gelungenes Werk der Neuzeit. Auch der (stellenweise sehr emotionale) Soundtrack wirkt passend, die deutsche Synchronisation ist ebenfalls in Ordnung. Die Story ist jedoch mindestens gewöhnungsbedürftig, und wird durch zusätzliche, klischeebehaftete Elemente sicherlich nicht gerade aufgewertet – und die Welt des Web 2.0, beziehungsweise die von OZ kann anspruchsvolle Zuschauer einfach nicht faszinieren. Von daher ist Summer Wars wohl eher ein Werk, an dem jüngere Zuschauer ihre Freude haben werden – alle Erwachsenen, die Freude an Tiefgang und philosophischen Ansätzen in Animes haben, werden aber gnadenlos enttäuscht. Von einem Meisterwerk ist der Film leider meilenweit entfernt. Vielleicht sollte man doch lieber zu Das Mädchen, Das Durch Die Zeit Sprang greifendem Erstwerk des Regisseurs Mamoru Hosoda. Oder zu Alternativen seitens einem der „Meister“ des Geschäfts: Hayao Miyazaki (Link zu einem 10/10 Filmbeispiel). Der Trailer:

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