Filmkritik: „Let Me In“ (2010)

Filmtitel: Let Me In
Regie:
Matt Reeves
Mit:
Kodi Smit-McPhee
Laufzeit:
117 Minuten
Land:
USA
Genre:
Horror

Inhalt: Owen (Kodi Smit McPhee) ist ein einsamer Junge, der offenbar keine Freunde hat und in der Schule ständig nur gemobbt wird. Er lebt bei seiner Mutter, die sich gerade von ihrem Ehemann scheiden lässt; von daher hat auch sie kaum ein Ohr für die Sorgen ihres Sohnes. Eines Tages bekommen die beiden jedoch neue Nachbarn. Die seltsame Abby (Chloe Moretz) und ihr Vater, von dem nicht wirklich weiss ob er tatsächlich ihr Vater ist, leben von Anfang an zurückgezogen und hinter lichtdicht abgedunkelten Scheiben. Dennoch kommt Owen mit Abby in Kontakt, die merkwürdigerweise – und dass trotz jedem Wetter – nie Schuhe trägt. Eine zarte Freundschaft zwischen den beiden entsteht, doch Owen muss bald herausfinden, dass Abby gewiss kein gewöhnliches Mädchen ist. Zudem häufen sich immer seltsamere Verbrechen, bei denen sich Abbys angeblicher Vater eines Tages auch noch selbst verstümmelt. Doch bald ist klar: all diese Ereignisse haben direkt mit Abby und ihrer Geschichte zu tun. Trotz aller Schrecklichkeit bleibt Owen bei ihr, und hält die Freundschaft aufrecht.

Kritik: Moment, gab es da nicht schon mal einen ähnlichen Film ? In der Tat, und zwar So Finster Die Nacht aus dem Jahre 2008. Nach gerade einmal zwei Jahren hat man sich in Hollywood dazu entschieden, eine Neuverfilmung zu veröffentlichen – die natürlich weitaus „amerikanischer“ ist als das Original. Denn das kommt aus Schweden, und basiert auf einer Buchvorlage von John Ajvide Lindqvist. Will man dieses „Remake“ nun also entsprechend rezensieren und bewerten, so muss man sich die Frage stellen, ob diese Tatsache zu berücksichtigen ist. Denn: oberflächlich betrachtet lässt sich der Sinn eines Remakes nach nur 2 Jahren sicherlich anfechten. Ausserdem ist zu beachten, dass man mit einer Buchverfilmung nie die gleiche Wirkung erzielen kann wie mit dem jeweiligen Buch selbst – die Vorlage also mehr oder weniger abgeändert und gekürzt wird. Let Me In scheint sich hierbei jedoch noch viel weniger auf das Buch zu beziehen als der „Originalfilm“ So Finster Die Nacht – indem er lediglich das Skrpit des schwedischen Films aufgreift und – nochmals – abändert. So wird dieser Film nicht mehr viel mit dem Buch zu tun haben – was Fans sicherlich als störend empfinden. Doch dem allgemeinen Filmpublikum, welches weder das Buch noch den schwedischen Film gesehen hat, wird dies vermutlich egal sein.

Während Kenner und Fans des Buches bereits den ersten Film verteufelten, so werden ihnen bei Let Me In wohl endgültig die Worte fehlen. Doch während der schwedische Film noch eher die „Aufgabe“ hatte der Buchvorlage treu zu bleiben, will man mit Let Me In die groteske Geschichte eines Vampirs einem anderen Publikum zugänglich machen – richtig, keine andere Intention hat dieses Remake. Es soll nicht die Fans des Buches glücklich machen, noch soll es eine Aufwertung im Vergleich zum schwedischen Original darstellen. Und das gelingt Matt Reeves in der Tat bravourös – wenngleich andere Filme von ihm, wie beispielsweise Cloverfield eher als Fehlschläge bezeichnet werden können. Doch was in Cloverfield eine deplatzierte Zurückhaltung war, avanciert in Let Me In nun zu einem echten stilistischen Highlight – es regiert ein Trio aus Langsamkeit, Dunkelheit und Stille. Der Film wird höchst behutsam erzählt, und auch wenn im Grunde fast keine Hintergründe preisgegeben werden (das war auch in Cloverfield so), ist die aufkommende Atmosphäre intensiv und spannend. Jawohl – es handelt sich eben nicht um mysteriöse Monster die man einfach sehen will aber nie zu Gesicht bekommt (Cloverfield), sondern um porträtierte Dinge, die man schlicht nicht sehen kann – zwischenmenschliche Belange. Natürlich basiert der Film im Grunde auf einer Vampirgeschichte, und hätte weitaus mehr Hintergründe diesbezüglich anbieten können – doch stattdessen wurde der Fokus auf andere Dinge gelegt. Und das ist – ausnahmsweise (wichtig) ! – auch mal gut so.

Wenn man den schwedischen Film ebenfalls gesehen hat, so wird man sogar feststellen, dass die US-Portierung Vorteile mit sich bringt – in Bezug auf das internationale Publikum, welches das Buch nicht kennt. Denn: die für die Story wichtige Lethargie der Situation und der beteiligten Charaktere ist nun zwar immer noch vorhanden – wird aber längst nicht mehr so unspektakulär und ermüdend in Szene gesetzt. Die Inszenierung bedient sich einer gut funktionierenden Mischung aus Stille (erzähltechnisch) und Stilmitteln – besodners auffällig sind hierbei die besonderen Kamerapositionen und der düstere Soundtrack, der immer mal wieder einsetzt. So kann Let Me In noch eher als Film bezeichnet werden als So Finster Die Nacht – der stellenweise gar wie eine Art Projekt wirkte. Hollywood lässt grüßen – seltenerweise auch mal in positiver Hinsicht. Auch wenn manche den Autor an dieser Stelle vielleicht gerne verteufeln würden, so sei gesagt: es gibt noch weitere Gründe.

Und die sind in erster Linie in der Darstellerriege zu finden. Kodi Smit-McPhee und Chloe Moretz, die Hauptdarsteller; sind beide noch recht jung – und doch spielen sie ihre Rollen so unglaublich intensiv und glaubhaft, dass es einem einen Schauder über den Rücken jagt. Auch hier zeichnen sich Verbesserungen zum  schwedischen Film ab: die Charaktere wirken nun (bereits in optischer Hinsicht) glaubhafter und lebensnäher, der Zeitrahmen der Ereignisse ist ebenfalls kaum festzumachen. All dies könnte so oder ähnlich hier und jetzt, nebenan geschehen – so wirkt auch die gezeichnete Umgebung relativ unabhängig, und ist kaum an einem Breitengrad festzumachen. Das beinahe wichtigste Thema im Film ist… genau, was ist das eigentlich ? Freundschaft, Vampirismus, Gesellschaftskritik ? Vielleicht ein wenig von allem. Aber vielmehr ist es das Menschsein, beziehungsweise das, was einen Menschen ausmacht.

Fazit: Technik und Story sind einmalig in Szene gesetzt – der einzige Faktor der noch stört ist die Tatsache, dass es eben schon mal einen (beziehungsweise diesen) Film gab. Das sollte jeder Beurteilen, wie er möchte – doch gesetzt dem Fall, man betrachtet Let Me In nur einmal (und gedanklich) als unabhängiges Werk – dann gehört er zu einem der besten Horrorfilme der letzten Jahre.

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3 Gedanken zu “Filmkritik: „Let Me In“ (2010)

  1. Vorab, ich habe das Buch nicht gelesen und werde jetzt auch keine Debatte anfangen welche Verfilmung dem Buch nun nahe kommt und nicht, weil es völlig egal ist.

    Wenn man „Låt den rätte komma in“ (das Original) schon kennt, dann wird einem VIELES in „Let me in“ wieder bekannt vorkommen. Der Film wurde fast Szene für Szene übernommen…Blindcopy in Grün sozusagen. ^^ Allerdings habe ich gerade das Remake gesehen und musste nun wegen dir nochmal das Original einlegen, um mir ein paar Dinge in Erinnerung zu rufen, die mir womöglich entfallen sind. 🙂

    Erst einmal einige Punkte die positiv sind und wo wir uns teilweise einig sind:

    – die Cinematographie ist auf höchstem Niveau, alles wirkt sehr edel…die Szenen mit dem Fernrohr wirken teilweise wie aus Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“
    (die Cinematographie des Originals ist ganz und gar nicht schlecht und mehr als nur „projektwürdig“, ich würde eher sagen „anders“ auf „europäischem Niveau“)
    – der Soundtrack ist Klasse
    – Kodi-Smit McPhee ist eine Bereicherung und stellt eine optische wie auch im Bezug auf den Tiefgang charakterliche Verbesserung zum Originaldarsteller dar^^
    – der Handlungsablauf ist „strukturierter“, übersichtlicher und ausgearbeiteter
    – die Beziehung des Mädchens zum vermeintlichen „Vater“ wird detallierter gezeigt
    DAS wars aber eigentlich schon.

    ABER…und jetzt kommen wir zu den SEHR vielen Punkten wo wir anderer Ansicht sind und die mir im Film negativ aufgefallen sind und was mächtig Punktabzug in der B-Wertung gibt:

    – es wird mir zu sehr darauf eingegangen, dass die Handlung in die USA verlegt wurde, popkulturell mag das ja nett sein (Pac Man, KISS TShirt, Musik von Blue Öyster Cult, David Bowie, Boy George usw…)…aber ständig dieser Ronald Reagan im Fernsehen, Nahaufnahmen auf den allmächtigen US-Dollar und (die Spitze des Eisbergs) der allmorgentliche Fahneneid in der Schule stoßen mir sehr sauer auf
    (was mir auch etwas aus dem Original fehlt ist in der Poolszene am Schluss der Song „Flash in the Night“ der schwedischen Pop/New Wave Band „Secret Service“ 🙂 )

    – das Remake wirkt „verkitschter“, braver, pathetischer…nicht zuletzt stellenweise sogar prüde…während der Hauptdarsteller im Original z.B. in seiner Unterbuxe im Bett liegt (und nicht gerade selten auch so zu sehen ist) ist in der US-Version höchstens mal shirtless angesagt, darüber hinaus fehlt diesbezüglich eine Schlüsselszene im Bezug auf das Geschlecht des vermeintlichen „Mädchens“, ich sage nur „Dusche“

    SPOILER

    Während man im Remake gar keine weiteren optischen Hinweise mehr bekommt, dass Abby/Eli eigentlich ein Junge ist, der kastriert wurde…sieht man im Original im Genitalbereich eine Narbe die auf so etwas hindeutet. Da werden Sätze wie „Ich bin so wie du“ oder „Ich bin kein Mädchen“ schon klarer.

    SPOILER ENDE

    – die Szene in der das Mädchen durch das Fenster kommt und zu Owen/Oscar ins Bett geht ist im Original, „leidenschaftlicher“ würde ich jetzt nicht sagen^^, aber eben auch „europäischer“ inszeniert

    – Und was bitte hat Jesus hier im Film zu suchen…der hat hier überhaupt nichts verloren. ^^

    – mir ist der Typus des Mädchens im Original irgendwie sympathischer, wobei ich allgemein auch kein Fan von Chloe Moretz bin (in „Let me in“ ist sie noch OK, aber in „Kick-Ass“ ging mir ihre Pseudo-Coolness sehr auf den Geist ^^)

    – warum redet das Mädchen hin und wieder mit dieser komischen „Dämonenstimme“, anstatt wie im Original mit normaler Stimme…das hat mich auch irgendwie genervt

    – warum sind es plötzlich ältere Mitschüler die Owen schikanieren und nicht eher gleichaltrig angesiedelte? (mal abgesehen jetzt vom großen Bruder) Darüber hinaus agieren sie hier weitaus penetranter.

    – während das Original „schwerer“ wirkt, wird einem im Remake Spielraum für Interpretationen und eigenes Denken abgenommen…ich beziehe mich vor allem auf die „Automatenfotos“, das kam im Original nicht vor…und auch ohne dieses Detail war mir schon im Original klargewesen, dass das nicht ihr Vater ist. In den USA wird der Kinozuschauer eben für blöd gehalten.

    – du hast zwar Recht, dass wir es hier mehr mit einem spannungsgeladeneren Film zu tun haben als im schwedischen Original, aber es ist einfach eine komplett andere Herangehensweise an den Stoff…das Original geht schon eher in Richtung Drama und das mag nicht jedem gefallen. Während man im Remake mehr Augenmerk auf Horror-, Schock-, Bluteffekte gelegt hat…allerdings gefallen mir die computergenerierten Stellen ganz und gar nicht und wirken total dämlich. (Angriff im Tunnel, Raufklettern des Krankenhausgebäudes etc..)

    QUOTE: „…der Zeitrahmen der Ereignisse ist ebenfalls kaum festzumachen. All dies könnte so oder ähnlich hier und jetzt, nebenan geschehen – so wirkt auch die gezeichnete Umgebung relativ unabhängig, und ist kaum an einem Breitengrad festzumachen.“ QUOTE ENDE

    – Eben nicht…Ich finde die Geschichte weitaus unrealistischer als im Original dargestellt…der Film spielt eindeutig irgendwo in den USA der 80er. (die nennen im Film sogar ein explizites Datum LOL …irgendwas mit 83) Das wird einem auch, wie schon zuvor erwähnt, recht penetrant klargemacht wird. Im Original kriegt man das so beiläufig serviert, wies halt kommt. In der US-Verfilmung hatte ich das Gefühl, dass es gar besonders wichtig ist WO und WANN die Handlung des Films nun spielt. Wie gesagt fand ich das jetzt nicht gänzlich negativ, vor allem was die Musik angeht. 🙂

    – dieser Ermittler in bester CSi-Manier war absolut überflüssig und trägt nichts neues zur Handlung bei, außer dass er dann auch „gefressen“ wird^^, ebenso wie die „kaputten Familienverhältnisse“, wobei das vielleicht nicht einmal so negativ ist, zeigt es eher einmal mehr wie lieblos die Umwelt von Owen ist und ihn demnach eigentlich nur eine liebt, nämlich diejenige der er bis ans Ende folgen würde. Und zufälligerweise liest er in dieser Verfilmung auch noch das Buch „Romeo und Julia“…was für ein „Zufall.“ *klatsch* *klatsch* ^^

    Genau hier sind wir wieder beim Pluspunkt, des Remakes…Kodi-Smit McPhee verleiht dem Charakter eine neue Tiefe die im Original etwas auf der Strecke geblieben wird. „Owen“ wirkt erwachsener als „Oscar“ in „Låt den rätte komma in“ …die Frage bleibt aber, wollte der Autor das auch? Oder sollte der Charakter eher mehr dem naiven, ich würde in manchen Belangen sogar „verstrahlten“ Typus LOL des Oscar entsprechen. Während man bei Owen das Gefühl hat, dass er sich im Verlauf des Films eigentlich nie verändert, merkt man dem Charakter Oscar genau das Gegenteil an. Man merkt, dass etwas mit ihm passiert ist, dass er kein Kind mehr ist. Das diese Beziehung ihn nachhaltig verändert hat. Während Owen eigentlich den ganzen Film hindurch von Haus aus erwachsen wirkt, ihm aber nur das Quäntchen Selbstbewusstsein gefehlt hat.

    Letztendlich ist es eine Geschmacksfrage, welchen Film man besser findet. Perfekt sind sie beide nicht. Hätte man die positiven Faktoren des Remakes in das Original integriert wäre dabei wohl ein Film herausgekommen, der weitaus hochkarätiger wäre. Ich sehe „Let me in“ vor allem als optisch ansprechendere „Erweiterung“ zu „Låt den rätte komma in“…aber einfach sehr viele Faktoren tragen dazu bei, dass der Film (in meinen Augen) bei weitem nicht so genießbar ist wie das Original. Und da lasse ich mich von den Faktoren Cinematographie und Kodi Smit-McPhee mal nicht komplett blenden…vor allem wenns dann in die Phase geht, wenn man Rezensionen schreibt. Beim Sichten der Filme ist das wieder eine andere Sache. ^^

    Wertung: „Let me In“ 7/10
    (Wertung zum Original an anderer Stelle 🙂 )

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    1. Ohey, was für eine ausführliche (Gegen-)Analyse ! Mit Spannung gelesen – Danke dafür. So erscheint eine Bewertung doch gleich viel nachvollziehbarer. Und hey, so weit liegen wir ja nun doch nicht auseinander. 7/10 zu 9/10 ist nicht die Welt, da gibt es sicher Werke bei denen wir deutlichere Meinungsverschiedenheiten haben (im anderen Thread antworte ich ebenfalls gleich) 🙂 Warum auch nicht, wenn gut begründet wird ist alles erlaubt.

      Auf Deine Unterpunkte vermag ich allerdings nicht mehr einzugehen, da die meinerseitige Verköstigung des Streifens doch etwas zurückliegt. Beispiel Jesus oder die ‚Dämonenstimme‘: da stehe ich gerade – ehrlich gesagt – völlig auf dem Schlauch^^ Aber so ist das, alles bleibt nicht hängen. Bleiben zwei Standpunkte – und eine Empfehlung für jeden interessierten, sich bei Bedarf ebenfalls beide Werke zu Gemüte zu führen und dann zu entscheiden.

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      1. Als Owen Geld aus dem Portemonnaie seiner Mutter stiehlt hängt am Spiegel ein Jesus-Foto…und irgendwo habe ich glaube ich auch ein Kreuz hängen sehen.

        Wenn die „Tochter“ sauer auf „ihren“ „Vater“ wird (weil „sie“ gerade unter „Entzug“ steht), dann fängt „sie“ an mit einer unmöglich verzerrten Dämonenstimme zu schreien, das fand ich irgendwie daneben. So eine Verfremdung hatte das Original nicht nötig. ^^

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