Filmkritik: „Nimmermeer“ (2006)

Filmtitel: Nimmermeer
Regie:
Toke Constantin Hebbeln
Mit:
Leonard Proxauf
Laufzeit:
61 Minuten
Land:
Deutschland
Genre:
Drama

Inhalt: Die Familie Block besteht nur noch aus Jonas (Leonard Proxauf) und seinem Vater Helge (Rolf Becker), die zusammen in einer alten Fischerhütte nahe des Meeres leben. Jeden morgen läuft Jonas zum Strand, um seinen Vater abzuholen – stets in der Hoffnung, er würde endlich einmal wieder einen „großen Fang“ machen. Doch es leben kaum noch Fische in den hiesigen Gewässern, weshalb sich Helge auf dem Marktplatz nach einer anderen Stelle umhört. Im Grunde tut er dies nur seinem Sohn zuliebe, denn er scheint ein Mann zu sein, der sich selbst und seinen Prinzipien treu bleiben möchte. Doch wenn man nicht einmal mehr Geld für den Klingelbeutel in der Kirche hat… die Suche bleibt jedoch erfolglos. So lässt sich Helge eines Nachts vom „Gesang der Sirenen“ hinreissen, noch einmal zum Fischen auszufahren… doch er kehrt nicht zurück. Jonas kommt nach ein paar Tagen in die Obhut des hiesigen Dorfpfarrers, der offenbar streng gläubig ist und dies entsprechend lebt – und beim traurigen und ziellosen Jonas damit nicht gerade auf Sympathie stösst.

Kritik: An dieser Stelle gilt es, die Notbremse zu ziehen – zumindest in Bezug auf die Plotbeschreibung. Denn dieser relativ kurze deutsche Film von nur einer knappen Stunde Spieldauer ist ein faszinierendes kleines Stück Film, der sich in das Gedächtnis brennen wird. Umso unvoreingenommener sollte man an dieses Werk herangehen, und sich schlicht und einfach von den wunderschönen Bildern und der stimmigen Inszenierung „berauschen“ lassen. Gerade der optische Aspekt ist es, der Nimmermeer zu einem wahrlich einzigartigen Erlebnis werden lässt – ohne dabei auf eine „deftige“, das heisst anspruchsvolle Story zu verzichten. Die Bilder wirken insgesamt recht düster, aber dennoch glasklar und stimmig; die Szenenaufbauten sind sehr gut umgesetzt worden. Es gibt zahlreiche desolat wirkende Szenen, beispielsweise die, in denen Jonas dem Meer entgegenblickt – mit so wenig Mitteln hat man hier ein ernsthaftes, glaubhaftes Bild einer inneren Zerrissenheit porträtiert. Doch auch andere, belebtere Szenen gibt es zu sehen: zum Beispiel den Marktplatz, auf dem Jonas Vater auf Jobsuche geht und auf dem später ein Zauberkünstler eine Vorstellung zum besten geben wird…

Gerade diese Szenen zeigen auf, dass sich enorm viel Mühe gegeben wurde hinsichtlich einer glaubhaften Umsetzung – und das trotz eines offenbar relativ niedrigen Budgets. Denn bei Nimmermeer steht offenbar kein riesiges Filmstudio Pate, es handelt sich um eine Produktion der Filmakademie Baden-Württemberg. Dafür fällt der gesamte technische Part überraschend versiert aus, mehr noch: er vermag es zu faszinieren, ebenso wie die stimmige Geschichte. Doch bevor es zum Inhalt geht, noch ein Wort zu den Darstellern. Es beginnt mit Manni Laudenbach als Magier und Erzähler – was für eine sagenhaft große Stimme dieser (kleine) Mann hat ! Und auch sonst spielt er mit einer enormen Ausdrucksstärke und Intensität – die perfekte Besetzung für diesen authentischen Film, der später ein wenig ins mystische, ins „magische“  übergeht. Rolf Becker als Helge spielt den offenbar schnell gealterten Vater sehr gut, doch die wirkliche Überraschung ist wohl der Jung-Star Leonard Proxauf (aktuellere Rolle: Das Weisse Band) in einer seiner ersten Rollen. Wenngleich mache Stellen der Dialoge etwas gestell(z)t daherkommen mögen, so überzeugt er gerade im späteren Verlauf des Films.

Das wahre Highlight bleibt neben dem technischen Part natürlich die Story, die – so simpel gestrickt sie auch ist – fasziniert und ein enormes Maß an Empathie ermöglicht. In erster Linie natürlich für den leidenden Jonas, der mit dem Verlust seines Vaters umzugehen hat – noch intensiver wird es aber, als er in die Obhut des Pfarrers gelangt und eine nicht immer zimperliche Behandlung erfährt. Diese Schilderung der Ereignisse ist gleichzeitig auch eine Art Plädoyer an die Freiheit unter der Ägide fragwürdiger Einflussnahmen seitens Glaubensinstitutionen wie der Kirche, ganz besonders aber den Individualismus. Zwar lassen sich deutliche Parallelen zu anderen Gernefilmen herstellen (Fanny Und Alexander), aber man fiebert dennoch automatisch mit, ob Jonas nun endlich ein besseres Schicksal zuteil würde. Nimmermeer, ein ganz spezielles Kleinod deutscher Filmkunst – kein Wunder, dass der Film großen Anklang beim allgemeinen Publikum gefunden hat. Für das positive Ergebnis bei der Gegenüberstellung von Budget und Gesamtwirkung gibt es eine entsprechend hohe Wertung.

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3 Gedanken zu “Filmkritik: „Nimmermeer“ (2006)

  1. Hi Olli, hätte nicht gedacht dass ein so kurzer Film so eine gute Bewertung bekommen kann. In 60 min. eine halbwegs gute Geschichte zu erzählen, stelle ich mir schwer vor. Na ja bin ganz schön gespannt wie der so ist, der Name sagt mir auch nixxx, wo hast du den schon wieder ausgegraben 😉 .

    Bis dann

    CB

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