Spieletest: DEUS EX (2000, PC)

Titel: Deus Ex, Entwickler: Ion Storm, Publisher: Eidos Interactive, Genre: Action / Rollenspiel

Wie kann das sein, dass so ein „altes“ Spiel noch eine aktuelle (2011) Rezension erhält ? Nun, in erster Linie schreibe ich sie, um klar zu definieren, was für mich als Autor ein wirklich gutes Spiel ausmacht. Denn nur an Maßstäben kann man sich messen, kann man andere oder anderes messen – und Deus Ex war und ist noch immer ein wahrhaftiges Meisterwerk. Ein Meilenstein der Spielgeschichte eben – und das ist nicht zu weit hergeholt. Was im Jahre 2000 eine Reihe von Spielern begeisterte, war aber nicht eine möglicherweise aussergewöhnliche Grafik oder Spielphysik – nein, es war die spannende, sehr atmosphärische Grundstimmung und die unglaubliche Spieltiefe in Bezug auf die Story. Diese beiden Aspekte wurden, zur Begeisterung vieler, mit einem gut durchdachten Skillpunkte- und Achievementsystem verfeinert – typisch für Rollenspiele. Doch die Egoperspektive und der Einsatz von schwerem Waffengerät lassen Deus Ex ebenso gut als Shooter durchgehen – als Shooter mit einer sagenhaften Story und wenig sinnlosem Geballer.

Denn schließlich hat man die Wahl, ob man sich eher an großkalibrigen Waffen oder Sprengstoffen bedient, oder lieber lautlos durch Gänge und Luftschächte schleicht. Markant: das große Arsenal an Gegenständen, die überall in der Welt zu finden sind und im optisch ansprechenden Inventar Platz finden. Viele dieser Gegenstände sind nicht einfach nur da, sondern haben einen ganz bestimmten Sinn und Nutzen. So gibt es Dietriche oder Multitools – die jedoch nur wirklich nützlich sind, wenn man die dazugehörigen Skills erlernt. Die dafür benötigten Skillpunkte verdient man sich im Laufe des Spiels beinahe automatisch – doch sie sind eben nicht unbegrenzt verfügbar. Man sollte also schon genau überlegen, auf welche Methoden man während des Spielverlaufs lieber setzen möchte. Stichwort Inventar: natürlich gibt es nicht nur selbiges, in dem man Gegenstände lagern und betrachten kann. Deus Ex war einer der ersten wahrlich komplexen RPG-Shooter – es gibt zahlreiche Sondermenüs, wie zum Beispiel die Gesundheitsanzeigen oder der Überblick über die Bio-Modifikationen. Eben diese bringen zusätzlichen Charme in das Spiel – mithilfe kleiner Kanister kann man sich sein Alter Ego nach belieben modifizieren, und bestimmte Fähigkeiten verbessern. Auch hier gilt die Qual der Wahl: nicht alles ist möglich, so muss man beispielsweise entscheiden ob man lieber lautloser gehen oder höher springen möchte (Stichwort: Beinmodifikationen). All diese Aspekte lassen ein bis heute unvergleichliches „Agenten-Gefühl“ aufkommen – man „ist wer“ im Spiel, und fiebert entsprechend mit.

Denn die Story offenbart das größte Highlight von Deus Ex: man wird völlig ahnungslos auf einem Abschnitt von Liberty Island ausgesetzt, um sich seinen Weg zu bahnen. Nicht nur zum jeweiligen Levelende, sondern auch zur Wahrheit – und diese ist nicht immer so wie es scheint in Deus Ex. Aus den anfänglichen Parteien und Fraktionen werden bald mehr, merkwürdige Stimmen melden sich über den sogenannten Com-Link (implantiertes Sprechgerät), und an jeder Ecke ist etwas los. Wie gut, dass es da zumindest ein paar Charaktere gibt, denen man trauen kann – wie den netten Mann im Helikopter, der uns zu der ein oder anderen Mission fliegt. Der Spannungsbogen in Deus Ex ist nach wie vor unerreicht – welches andere Spiel hat es bisher geschafft, eine so spannende und atmosphärische Cyberpunk-Welt zu kreieren ? Ich denke, keins. Und auch nicht der Nachfolger Deus Ex 2 – denn der ist in Sachen Spielqualität im Grunde kaum noch zu vergleichen mit dem Original. Über den Inhalt schwärmen könnte man ohne Ende – doch wie sieht es eigentlich mit den technischen Aspekten aus ? Gewiss, aus heutiger Sicht ist es nicht ganz leicht, ein adäquates Urteil abzugeben. Doch ich erinnere mich, wie sich auch damals einige über die etwas zu grauen Texturen oder langweiligen Levelabschnitte monierten. Das soll auch erlaubt sein – grau ist der dominierende Farbton in Deus Ex. Jedoch macht das nichts, im Gegenteil. Schließlich steht dieses grau auch stellvertretend für den Inhalt des Spiels… bis letztendlich einige schwarz-weiss Entscheidungen fällig werden, für die dann der Spieler verantwortlich ist.

Davon abgesehen ist die Grafik – insgesamt – aber sicherlich überdurchschnittlich zu bewerten. Gerade das HUD und die Inventare fallen überaus nett aus und haben einen unvergeßlichen Charme und Wiedererkennungswert. Die Bewegungen der NPC’s sind relativ geschmeidig, die Effekte stellenweise sehr eindrücklich. Womit das zusammenhängt ? Mit dem „besten“ der technischen Aspekte von Deus Ex: dem Sound und der Musik nämlich. So ist es einfach ein unvergleichbares Gefühl, endlich das seltene „Lichtschwert“ (Kenner wissen, was gemeint ist) zu finden und aus dem Inventar heraus aufzurufen – der Soundeffekt, die Optik des schimmernden Schwertes – das hat etwas. Bereits die Musik aus dem Intro-Screen sorgt für Gänsehaut, und auch im Spiel selbst fällt die Musikuntermalung immer stimmig aus. Auch die Vertonung der Sprecher ist hierzulande sehr gut ausgefallen – ja, alle Dialoge wurden vertont, und nicht nur einige. Weiterhin gibt es reichlich Textinhalte und spielbezogene Informationen, die es zu entdecken und zu sammeln gilt. Deus Ex erschuf damals eine riesige, komplexe, und zugleich glaubhafte Spielwelt – in der viel Herzblut steckt. Das ist etwas, was man sich von heutigen Spielen immer wieder wünscht, weil man es in Anbetracht solcher Klassiker stets schmerzlich vermisst.

Natürlich kommt bei meiner Wertung auch ein gewisser Nostalgie-Bonus zum tragen – da Deus Ex im Jahre 2000 einer meiner intensivsten Spielerfahrungen war. Doch ich muss dazu sagen, dass ich es auch Jahre danach unzählige Male durchgespielt habe – und auch dies tat der Faszination keinen Abbruch. So weiss ich noch, dass ich nach Teil 2 (Deus Ex – Invisible War) derart enttäuscht war, dass ich danach doch wieder zum „Original“ griff – doch zum zweiten Teil an anderer Stelle mehr. Für diesen ersten Teil, der längst Kult ist und nach wie vor eine riesige Fangemeinde hat, kann es nur eine Wertung von 10/10 Punkten geben – alles andere wäre unfair. Zu innovativ, zu detailreich, zu abwechslungsreich ist die Agenten-Spielwelt, als dass man an ihr irgendetwas zu bemängeln haben könnte. Und: sie ist emotional. Man fühlt mit, schlüpft in die Spielerfigur, und hadert besonders bei den „ganz großen“ Entscheidungen, welche denn nun die beste für die Spielwelt wäre. Auch, wenn danach „nur“ noch das Outro folgt… für mich ist Deus Ex nach wie vor das beste Spiel aller Zeiten. Auch wenn sich das immer etwas unpassend anhört, denn wer weiss schon, was noch kommen mag… erst einmal warte ich gespannt auf Teil 3 und hoffe; dass sich die Macher wieder dem Charme des ersten Teils besinnen und das Spiel nicht in der Masse der zwar „hochmodernen“, aber grundsätzlich seelenlosen Spiele untergeht.


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„Eines der besten Spiele aller Zeiten.“

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