Filmkritik: „Das Weisse Band“ (2009)

Filmtitel: Das Weisse Band
Regisseur:
Michael Haneke
Mit:
Leonard Proxauf
Laufzeit:
145 Minuten
Land:
Frankreich / Italien / Österreich / Deutschland
Genre:
Drama

Inhalt: Im Jahre 1913 beginnt mit einem scheinbaren Unfall des Dorfarztes (Rainer Bock) einer kleinen protestantischen Ortschaft im Norden Deutschlands eine Reihe seltsamer Ereignisse. So handelte es sich, wie sich herausstellt, nicht um einen Unfall – jemand hatte ein kaum sichtbares Drahtseil zwischen zwei Bäumen gespannt und so den schweren Sturz provoziert. Engagiert versucht man – auch mit Appellen seitens des Pastors (Burghart Klaußner) – den Verursacher ausfindig zu machen. Doch der bleibt nach wie vor unauffindbar. Kurze Zeit später verunglückt auch noch eine Bäuerin bei der Arbeit im Sägewerk des ansässigen Barons (Ulrich Tukur), woraufhin sich deren Sohn an der Familie der Aristokraten rächen will. Doch war er es auch, der den Sohn des Aristokraten-Paares derart brutal misshandelt und mit Schlägen gezüchtigt hat ? Ein Selbstmord, ein weiterer Fall schlimmer Misshandlung und eine plötzliche Flucht machen die heikle Situation in diesem Dorf, ein Jahr vor Ausbruch des ersten Weltkriegs, komplett.

Kritik: Und, wer hat unter all dem zu leiden ? Die Kinder. Aber halt – ganz so einfach ist es im Falle von Das Weisse Band gewiss nicht. Michael Haneke zeichnet hier ein stimmungsvolles, unvergleichliches Bild einer deutschen Vorkriegsgesellschaft und deren Nachwuchs. Diese Kinder, im Film oftmals nicht einmal in der Pubertät – würden es auch sein, die 30 Jahre später in den (politischen) Reihen eines großen Diktators mitmarschieren würden – dies deutet der allgemeine Erzähler, der Dorfarzt, zumindest ansatzweise an. Die Geschichte müsse zwar nicht vollständig den Tatsachen entsprechen, doch vielleicht helfe sie, mancherlei Entwicklungen und Umstände in Deutschland besser zu verstehen. Große Worte für ein kleines, düsteres Dorf-Drama, möchte man meinen ? Doch es kommt ganz auf den Blickwinkel an.

Der Untertitel „Eine deutsche Kindergeschichte“ deutet es bereits an: im Film erhält das Thema der Erziehung eine große Bedeutung – in Anbetracht des Jahres automatisch verknüpft mit Begriffen wie Religion und autoritären Gesellschaftsstrukturen. Und, das was man zu sehen bekommt kann einem durchaus die Sprache verschlagen – doch man weiss um die Tatsache, dass solch eine fast systematische Erniedrigung tatsächlich so stattgefunden hat wie hier gezeigt. Vielleicht nicht überall und in einem solchen Ausmaße – doch das ist irrelevant. Das Weisse Band steht stellvertretend für eine deutsche Vorkriegsgesellschaft, die in althergebrachten Strukturen lebt und sich einer höheren Ordnung unterordnet – das heisst de facto, den Prinzipien der Religion und ganz allgemein: dem männlichen, den patriarchischen Systemen. Es wird aufgezeigt, dass der Wunsch nach Veränderungen – und vielleicht sogar Revolutionen – keinesfalls abwegig war in dieser Zeit. Mehr noch: er mag omnipräsent gewesen sein, nur konnten die hauptsächlich Betroffenen – die Kinder – dies nicht entsprechend formulieren. Und schon gar nicht und in positiver Form ausleben – automatisch kommt die Frage nach der Wertschätzung eines Menschen. Wurden diese Kinder überhaupt ansatzweise geliebt, haben sie jemals Zuneigung erfahren, durften sie herausfinden, was es heisst glücklich zu sein ? In Das Weisse Band lautet die Antwort klar und unausweichlich: nein.

Folglich handelt es sich um einen sehr bedrückenden, fast depressiven Film, dem eine bedrohende Grundstimmung innewohnt. Haneke hält das Ganze optisch in einer zusätzlich beklemmenden Schwarz-Weiss-Optik, die durch kristallklare Bilder beeindruckt. Die Szenenaufnahmen sind größtenteils minimalistisch, wissen aber dennoch mit einer subtilen Schönheit zu überzeugen. Dieses „Leben in der Grauzone“ offeriert unzählige Möglichkeiten der Interpretation, und so werden die höchst brutalen Ereignisse im Film niemals vollständig aufgeklärt. Es wird zwar eine (finale) Vermutung geäußert, doch entkräftet sich diese ohnehin selbst – hat der Erzähler doch schon zu Beginn des Films verlautet lassen, dass er nicht der „allwissende“ Geschichtenerzähler sei. Es bleibt also am Zuschauer, sich die einzelne Teilstücke und Hinweise zurechtzuordnen und möglicherweise zu einem Ergebnis zu kommen – einem Ergebnis, welches vielleicht gar nicht so wichtig ist wie die enthaltenen (Kern-)Aussagen des Films selbst. Denn wer auch immer diese Verbrechen begangen hat – es kann beinahe unmöglich nur einen Schuldigen geben. Eventuell prägt sich hier bereits der Begriff der Kollektivschuld heraus – doch wenn es eine Kollektivschuld gibt, muss es auch eine kollektives Opferdasein geben. Der Übergang jedoch ist nicht immer leicht erkennbar…

Zu welchem Schluss man auch immer kommen mag – Das Weisse Band ist ein großartiges Stück Filmgeschichte, welches durch Subtilität und Andeutungen lebt, und auf jegliche explizite Schockmomente verzichtet – ein Großteil davon spielt sich in den Köpfen der Zuschauer ab. Trotz der relativ langen Spieldauer wirkt der Film niemals langatmig oder eintönig, man bewegt sich mit einer intensiven Spannung und voller Erwartung von Szene zu Szene. Ein klein wenig enttäuschend mag es da schon sein, dass das Ende keinen wirklich greifbaren weiteren Ansatz bietet – doch dies sei in Anbetracht der etablierten Stimmung davor verziehen. Das Weisse Band bleibt im Gedächtnis, und wirft viele Fragen auf. Es mag falsch sein, Filminhalte wie aus diesem Werk als die Gründe für spätere historische Ereignisse wahrzunehmen – doch als Teilstücke, als Bruchstücke die sich später zu einer Einheit zusammenfügen würden – gelingt das Porträt. In technischer Hinsicht ist das Ganze ebenfalls als absolut untypisch anzusehen: der Film kommt ohne einen Soundtrack aus, und beinhaltet einige längere Szeneneinstellungen, in denen offenbar wenig geschieht – es de facto aber dennoch (und innerlich) brodelt. Die erzählerische Kraft und Intensität ist enorm – und nicht zuletzt durch die gnadenlos guten Darsteller wird dieser Eindruck noch verstärkt. Niemand, aber auch wirklich niemand fällt (negativ) aus der Reihe – man ist in diesem Dorf und erlebt die Geschichte der Protagonisten hautnah mit.

Fazit: Was bleibt… ? Ein überaus nachdenklich stimmender Beigeschmack, und die Erinnerungen an eine unbeschreibliche Grausamkeit – vermehrt eine seelische als eine physische. Nähren sich etwaige Machtfantasien, wie sie das dritte Reich auszuleben anbot, tatsächlich auf dem Grund zahlreicher unterdrückter und falsch verstandener Kinderseelen ? War der Krieg ein stückweit auch ein Krieg gegen sich selbst ? Tragen wir heute, nach all den Ereignissen, alle wieder Das Weisse Band der Unschuld, dieses Mal ohne das wir es aufgezwängt bekommen – oder zeichnet sich ein ganz anderes Bild ab ? Denn wie kann eine „Unschuld“ als solche erhalten bleiben, wenn sie nicht auf wahrer Liebe und Wahrheit basiert; sondern auf althergebrachten Dogmen oder gesellschaftlicher Ausgrenzung und Geringschätzung ?

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2 Gedanken zu “Filmkritik: „Das Weisse Band“ (2009)

  1. „Das Weisse Band bleibt im Gedächtnis…“

    Hm…nicht wirklich. ^^ Mir ist er als einer der vielen überbewerteten (Hallo-ich-wurde-in-Cannes-ausgezeichnet-ich-muss-gut-sein) Filme im Gedächtnis geblieben. Die Ansätze waren da…aber bei mir ist der Film irgendwie auf keiner Ebene angelangt. Zurück bleibt ein emotionsloses Achselzucken. Umso sehr wundert mich die allgemeine Begeisterung für dieses (Schund?)werk.

    Wertung: 3/10 ^^

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    1. Oha, da gehen wir also endlich mal deutlicher auseinander^^
      Aber 30% ist wirklich arg wenig… allein die Gestaltung des Films (Optik, Kamera, Sets, Schauplätze), die dargebotene Charakter-Vielfalt und die Leistungen der Darsteller sind doch deutlich über dem Mittelmaß und alles andere als eintönig.
      Und die Inhalte, nun ja… immerhin kann man das Thema nicht unbedingt als ‚abgenutzt‘ betrachten. Erziehungsmethoden im frühen 20sten Jahrhundert + Verfall der Monarchie + Vorkriegsgeschichte + Möglicher Werdegang für die zukünftige Generation… wenn Dir diesbezüglich weitere Werke einfallen (gibt’s bestimmt, habe nur gerade keins zur Hand) immer her damit ! 😉

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