Filmkritik: „Es Beginnt Heute“ (1999)

Originaltitel: Ça Commence Aujourd’Hui
Regisseur:
Bertrand Tavernier
Mit: /
Laufzeit:
117 Minuten
Land:
Frankreich
Genre:
Drama

Inhalt: Daniel (Philippe Torreton) ist Kindergärtner aus Leidenschaft. Denn es scheint, als würde er seine Tätigkeit nicht nur als Job ansehen, der gemacht werden muss – sondern als lebens(er)füllende Aufgabe. Und tatsächlich, so manches Mal lässt er persönliche Schicksale der jeweiligen Familien näher an sich herankommen, als es ihm vielleicht zuträglich ist. In einem ganz besonders schwierigen Jahr kommt alles zusammen: die dubiosen finanz-abhängigen Infrastrukturen  der sozialen Behörden, ein zerstörerischer Einbruch in die Kindergartenanlage, besonders auffällige Familien die in gravierendster Armut leben… und das ist erst die berufliche Seite. Auch privat geht für Daniel nicht immer alles glatt. Er lebt zusammen mit seiner Frau, die einen Sohn mit in die Familie gebracht hat – und auch hier gibt es Konflikte. Doch die Liebe seiner Frau und der Rückhalt, den ihm seine Kolleginnen und Freunde geben, ermuntern ihn stets dazu, weiterzukämpfen. Und nicht zuletzt ist es der Dank der Kinder, der ihn entweder direkt oder auf Umwegen erreicht und sein Leben mit Sinn und Glück erfüllt.

Kritik: Bei Es Beginnt Heute handelt es sich um einen wahrlich interessanten Film – der im Endeffekt bewegender und aufrüttelnder ist als vielleicht zuerst vermutet. Denn es fällt schwer, ihn genretechnisch zuzuordnen: im Grunde handelt es sich um eine Dokumentation, welche sich eine Zeitlang mit der Geschichte eines Kindergartens (und allem Drumherum) beschäftigt; andererseits aber auch um einen „echten“ Spielfilm, der versucht einen Spannungsbogen aufzubauen. Und tatsächlich gelingt ihm das, wenn auch nur bedingt: natürlich ist es beinahe unmöglich, sich eine der zahlreichen Geschichten der Kinder oder Familien herauszupicken, und sie in den Vordergrund der Handlung zu stellen. Die Variante, zu der man sich letztendlich entschieden hat, ist daher augenscheinlich die Beste. So gibt es einen speziellen Fall, welcher sich im Verlauf der Spielzeit kontinuierlich entwickelt und in einem bewegenden Finale mündet – und obwohl es nicht so wirkt, hängt von diesem Fall unglaublich viel ab. In erster Linie ist es natürlich Daniel’s Entwicklung und sein Hadern mit dem Job, für den er sich nach wie vor unglaublich stark einsetzt – doch irgendwann beginnt auch er zu zweifeln. Der es treffende (Film-)Spruch man kann Menschen zwar lieben, ihnen aber nicht helfen erhält eine weitere sinnbildliche Bedeutung.

Der Film ist in erster Linie menschlich – dieses Adjektiv trifft es ziemlich genau. Denn weder gibt es unnötige Action- oder Thrillerszenen (hierbei wird wieder der Dokumentations-Vergleich wach), noch scheint man es in Sachen einer möglichen Charakterzeichnung zu übertreiben. Nein, die Charaktere aus Es Beginnt Heute, allen voran Daniel, wirken stets glaubhaft und authentisch. Man hat das Gefühl, als könnte sich all dies genau so in der Nachbarschaft zutragen – denn die Probleme, die im Film unter anderem behandelt werden, sind nicht alle gänzlich unbekannt. Nur in dieser extremen Form sind sie es – zumindest hierzulande. Der Film spielt in Frankreich, Ende der 90er-Jahre, und zudem noch in einem recht armen sozialen Umfeld. Und, es wirkt verständlich: bis man hier mal jemanden von „ganz oben“, das heisst von den zuständigen Behörden erreicht, kann eine Ewigkeit vergehen. Gerade in diesen Kampf stürzt sich der ehrgeizige Daniel immer wieder – obwohl er es auch genausogut lassen könnte. Doch das Schicksal und die Zukunft „seiner“ Kinder, seiner Klienten liegt ihm mehr am Herzen als alles andere. Vielleicht sogar mehr als sein eigenes, persönliches Glück ? Denn dieses wird in der ein oder anderen Auseinandersetzung auf die Probe gestellt.

Doch letztendlich ergeben die beiden Themenfelder – die privaten und beruflichen – eine stimmige Symbiose. Eine Berufung wird zum Beruf, und die Liebe gibt den nötigen Rückhalt – eine höchst nachvollziehbare, menschliche Geschichte. Gespickt ist das Ganze zwar nicht mit aussergewöhnlichen Szenen, doch eben solchen, die ebenfalls direkt der Realität entspringen – seien es Eltern, die die (geringen) Monatsbeiträge nicht aufbringen können, Kinder; die Entwicklungsstörungen haben, oder gar ein Kind, welches ständig Blessuren am Körper aufweist. Und ein nicht zu stoppender Daniel, der entsprechende Nachforschungen anstellt oder Anträge weiterleitet. Sehr gewagt ist auch der Fakt, dass hier des öfteren Seitenhiebe auf einen stets möglichen häuslichen Missbrauch gegeben werden – Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen, frieren oder hungern lassen; verletzen. Es Beginnt Heute ist gleichzeitig auch eine (teilweise ermahnende) Ode an das Leben und an den Nachwuchs, und zeigt auf; dass der Nachwuchs niemals zu vernachlässigen ist. Weder von der eigenen Familie, noch von den lebensbegleitenden Personen, noch von der Politik.

In technischer Hinsicht fällt das Ganze dementsprechend unspektakulär aus. Es gibt keine optischen Spielereien, besondere Farben oder Kontraste, die Schnitte bleiben ruhig und gemäßigt. Den Soundtrack wird man kaum bemerken, ausser eventuell in Bezug auf das Ende des Films. Dennoch wirkt das Ganze versiert und wie aus einem Guss. Die Darsteller leisten hervorragende Arbeit, auch wenn es in erster Linie Philippe Torreton als Daniel ist, der hervor sticht. An zweiter und dritter Stelle folgen eventuell Daniel’s Frau und deren Sohn, doch dies sind bereits weniger „wichtige“ Rollen (zumindest in Bezug auf die Screentime). Von daher ist das Ganze eher als Ein-Mann-Projekt zu bezeichnen – der zumindest mit vielen anderen Personen interagiert. Und all diese Personen sind größtenteils keine Darsteller, sondern Statisten (vor allem natürlich die Kinder) – sie spielen sich selbst. Das macht die Sache noch authentischer. Für den technischen Part heisst das de facto: man wird nicht positiv überrascht werden, aber eben auch nicht negativ.

Fazit: Schlussendlich muss man für diesen Film eine Empfehlung aussprechen. Allerdings nicht für jedermann, das muss dazu erwähnt werden. Es handelt sich eher um Kleinkunstkino mit einer aussergewöhnlichen Thematik für Menschen, die sich mindestens ansatzweise für die Thematik (Kindergartenleiter mit außergewöhnlichen Problemen in außergewöhnlichem Umfeld mit allen Höhen und Tiefen) interessieren. Alle anderen werden sich ob der relativ kurz gehaltenen „privaten“ Charakterporträts eher langweilen. Und auch wenn der Film keinen Spannungsbogen in dem Sinne aufweist, so hat er doch eine sich kontinuierlich ändernde Grundstimmung: zwischenzeitlich ist man regelrecht bedrückt im Angesicht der haarsträubenden Ereignisse, doch gegen Ende hin entwickelt sich wieder eine universelle, beschwingte Stimmung.

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