Filmkritik: „Die Vierte Art“ (2009)

Filmtitel: Die Vierte Art
Regie:
Olatunde Osunsanmi
Mit: /
Laufzeit:
98 Minuten
Land:
USA / Großbritannien
Genre:
Horror

Inhalt: In der Kleinstadt Nome geschieht allerlei ungewöhnliches: um das Jahr 2000 herum häufen sich offenbar unerklärliche Ereignisse, bei denen Personen über Schlafstörungen und seltsame Erscheinungen berichten. Das makabere: eine gewisse Dr. Abbey Tyler (Milla Jovovich) spricht mit diesen Patienten in Hypnosesitzungen, und stellt auffällige Gemeinsamkeiten fest. Mithilfe einer Intensivierung der Therapie dringen sie und ihre Patienten näher an das heran, was als sich als Wahrheit herausstellen könnte… doch einer der Patienten zerbricht an dem, was er unter Hypnose sah – und tötet in einem geistig verwirrten Zustand seine Familie. Seiner Meinung nach aber hat er sie damit nur beschützt – denn das, was alle Patienten zuerst als Erscheinung einer weissen Eule wahrnahmen, entpuppt sich bald als Begegnung der vierten Art… einer Begegnung mit Wesen, bei denen Menschen Opfer einer Entführung werden. Dr. Tyler holt sich Unterstützung ins Boot, und hat nebenbei noch mit ihren ganz persönlichen Problemen, wie dem mysteriösen Tod ihres Ehemannes welcher sich ebenfalls mit dem Fall beschäftigte, zu kämpfen…

Kritik: Das besondere, oder aber: das besonders seltsame an Die Vierte Art ist sicherlich der angepriesene Realitätsbezug: noch nie wurde dieses methodische Prinzip bei einer Verfilmung so intensiv und komplex eingesetzt. So beginnt der Film mit einer Milla Jovovich (die gleichzeitig Hauptdarstellerin des Films ist), die sich theatralisch auf die Kamera zu bewegt und dem Zuschauer – allerdings als Milla Jovovich selbst, und das ist das besondere – erklärt, dass all das was folgen wird, auf wahren Begebenheit basiert. Es ist die Rede von originalen Video- und Audioaufnahmen, die aus dieser Zeit stammen sollen; und die nicht verfälscht wurden. Bevor man also überhaupt auf den Inhalt des Films eingehen kann, erfährt man als Rezensent um die Existenz dieser ganz speziellen „Hürde“, welche es erforderlich macht, weitere Nachforschungen (im besten Fall) anzustellen. Denn die Wertung ist offensichtlich stark abhängig von der „Echtheit der echten Szenen“, die hier nachdrücklich als solche bezeichnet werden. Nun, die Meinungen sind geteilt – doch eines scheint bereits eindeutig. Die Macher scheuten keine Kosten und Mühen, die „Authentizität“ des Filmes in seltsamen Formen zu unterstützen. So wurden beispielsweise Internetseiten online gestellt, die angeblich echte Informationen zu Dr. Tyler und Co. enthalten.

Weiterhin sind es natürlich die besagten Ausschnitte selbst, die es zu betrachten gilt – teilweise wirken sie erschreckend echt. Das heisst, es könnte sich tatsächlich um „echte“ Aufnahmen aus Hypnosesitzungen handeln, bei denen die beteiligten Personen verdrängte Erinnerungen o.ä. hervorholen und nicht mit der Verarbeitung fertig werden. Auch die angeblich „echte“ Dr. Tyler sieht recht abgemagert und psychisch angeschlagen aus – als sie im Interview mit dem sie therapierenden Arzt (der gleichzeitig Regisseur des Films ist) zu Frage und Antwort bezüglich der seltsamen Ereignissen bereitsteht. Das kuriose: der Film verbindet diese angeblich echten Szenen und Informationsbruchstücke zu einem ganzheitlichen, furchteinflößenden Werk, welches teils „nur gespielt“ (von Milla Jovovich und Co) wird, und teilweise „echt“ ist (also auf den zusammengestellten Szenen basiert). Diese Bilder und Audios gehen teilweise geschmeidig ineinander über, und so scheinen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion endgültig zu verschwimmen. Diese ungewöhnliche Vorgehensweise führt nun zu entsprechenden Kritikpunkten und möglicherweise positiven Folgen. So wirkt der Film insgesamt tatsächlich sehr bedeutungsvoll, und als ob das Gezeigte tatsächlich so hätte stattfinden können – ob die „echten“ Szenen nun echt sind oder nicht. Auch wird damit ein sensibles Thema in einer bisher nie dagewesenen Weise behandelt – einen vergleichbaren Horror- oder Sci-Fi Film sucht man vergebens. Die Nachwirkung ist eine ungeheure, und lässt den Zuschauer mit einem mulmigen Gefühl zurück. Was, wenn all dies tatsächlich so geschehen ist, was ist mit den angeblichen 11 Millionen Menschen, die ähnliches gesehen oder erlebt haben wollen ?

Was ist wirklich mit Dr. Tylers Tochter geschehen ?

Doch auch negativen Folgen der Inszenierung sind vorhanden, und vielleicht sogar noch zahlreicher vertreten. So erscheint es – seitens der Macher – recht dreist, grundsätzlich zu hinterfragendes Material als unfehlbar und „echt“ hinzustellen und sich das Ganze so zurechtzulegen, um einen abendfüllenden Film daraus zu machen. Denn was ist, wenn all die Materialen gar nicht so echt sind wie im Film behauptet ? Da dies gar keine so unwahrscheinliche Vermutung ist, und auch die Produktionskosten irgendwohin geflossen sein müssen (immerhin 10 Mio. US-Dollar), entsteht ein Eindruck, der mit dem Wort „penetrant“ am ehesten zu umschreiben ist. Denn es ist wahr: so wie die Art der Präsentation noch nicht dagewesen ist, so ist die Vehemenz, mit der auf dessen inhaltlicher Richtigkeit gepocht wird, bis dato ebenfalls einmalig. Durch das ständige Ineinanderlaufen von „echten“ und nachgestellten Szenen hat man es als Zuschauer ebenfalls schwer, dem Geschehen zu folgen beziehungsweise so etwas wie Empathie für die Charaktere zu entwickeln – denn mit wem fühlt man nun mit, mit dem Charakter der Schauspielerin Milla Jovovich, oder mit der angeblichen „echten“ Dr. Tyler? Auch in Sachen Übersichtlichkeit und Subtilität der Stilmittel scheint man es nicht immer so genau zu nehmen: so finden sich in manchen Szenen neben- und übereinander gestellte Splitscreens, die gleich mehrere verschiedene Szenenausschnitte zeigen. Das wirkt etwas merkwürdig und befremdlich – und es stört eher, als dass es nützt. Das größte Problem ist und bleibt aber die Frage, ob die gezeigten Szenen nun echt sind, ob sie es teilweise sind oder überhaupt nicht. Eine Wirkung hat das Ganze zweifelsohne – es wird Angst geschürt, und zwar in einer Form, die die Grenzen des Filmgenres (grundsätzlich immer Fiktion) überschreitet. Gerade psychisch labile Menschen, oder grundsätzlich Menschen mit Angststörungen wird dieser Film also nicht gerade sehr zuträglich sein – von Kindern gar nicht erst zu sprechen, sollten sie ihn jemals in die Hände bekommen. Denn wenn die Grenzen zwischen Realität und Fiktion immer mehr verschwimmen, fällt es schwer zu sagen, dass das eben „nur ein Film ist“, den die Kinder da sehen.

Für manche dürften all dies bereits klare K.O.-Kriterien sein, doch davon abgesehen ist der Film inhaltlich gut gemacht, und vor allem eines: spannend. Man fiebert mit, zwar nicht direkt mit den Charakteren (siehe Problematik oben), dafür aber mit dem „Weg zur Wahrheit“, zu dem klaren Ergebnis, zu dem die Protagonisten (hoffentlich) kommen werden. Ebenfalls gut und sinnig ist, dass keine Gelder für ausschweifende Spezialeffekte ausgegeben wurden, und auch keine Ausserirdischen gezeigt werden. Dies ist die angesprochene Subtilität, die ich mir von der gesamten Inszenierung her gewünscht hätte. Was ist, wenn es doch möglich wäre… und es kein klares Bild geben kann ? Wenn der Einfluss auf die Psyche von Menschen, die Begegnungen der Vierten Art erleben, so groß ist dass sich die jeweiligen Wahrnehmungen voneinander unterscheiden ? Wie immer bei jedem noch so guten oder schlechten Science-Fiction-Film wird eine Frage jedoch komplett ausser Acht gelassen: nehmen wir an, es gibt so etwas wie „Entführungen“ die von außerirdischen Wesen initiiert werden. Was zur Hölle sollen diese dann für einen Zweck haben ? Auch Die Vierte Art weiss darauf keinerlei Antwort, nicht einmal ansatzweise. Wenn „Aliens“ zig Menschen entführten, und das über Jahre – hätten sie dann nicht irgendwann einmal „genug“ Studienobjekte, in die sie (typisch klischeehaft) irgendwelche gruseligen Bohrer oder Gerätschaften einführen um sie zu untersuchen ? Schade, gerade hier hätte man sich so etwas wie einen wirklich innovativen Ansatz gewünscht.

Fazit: Die Vierte Art ist ein sehenswerter, düsterer Sci-Fi-Horrortrip, der allerdings mit reichlich Vorsicht zu genießen ist. Denn die Inszenierung berührt bereits die Grenzen des guten und zuträglichen Geschmacks, und wird nicht jedem Gefallen. Und auch Menschen, die das Ganze als unnötige Panikmache oder gewitzte Marketingstrategie abtun, haben grundsätzlich Recht. Gruseln wird man sich wahrscheinlich; aber zu welchem Preis ? Eine interessante Diskussion zum Filminhalt findet sich hier.

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