Filmkritik: „Free Rainer“ (2007)

Filmtitel: Free Rainer (AKA: Reclaim Your Brain)
Regisseur:
Hans Weingartner
Mit: /
Laufzeit:
120 / 138 Minuten
Land:
Deutschland
Genre:
Drama

Inhalt: Der TV-Produzent Rainer (Moritz Bleibtreu) hat eigentlich keinen so schlechten Job: er verdient gutes Geld mit den mehr oder weniger… qualitativen Sendungen, die er für das Fernsehen produziert. Doch so ganz zufrieden scheint er dabei nicht zu sein – er trinkt, schnupft Koks, und rast mit seinem Wagen wir ein schmerzbefreiter Wahnsinniger durch die Straßen der Innenstadt. Gerade dabei hat er einen Unfall, und wird in das selbe Krankenhaus wie Pegah (Elsa Schulz Gambard) eingeliefert. Wie sich bald herausstellt hat Rainer Pegah’s Großvater sozusagen auf dem Gewissen – und dennoch scheint zwischen den beiden irgendetwas undefinierbares, aber grundsätzlich positives in der Luft zu liegen. Die beiden tun sich schließlich zusammen, und starten alsbald eine groß angelegte Protest-Aktion gegen die zunehmende Kommerzialisierung des TV-Programms und die damit verbundene Volksverdummung.

Kritik: Normalerweise dürfte man bei einem Film wie diesem hier gar keine Kritik verfassen – denn wie selten sind Werke, die so direkt und explizit die TV- und Konsumgesellschaft torpedieren ? So steckt eine wichtige Idee und Intention hinter Free Rainer. Es ist zwar durchaus bekannt, dass die Entwicklung des Fernsehprogramms keinen guten Lauf nimmt – doch für all diejenigen, die noch nicht davon überzeugt sind, treibt es Free Rainer nochmal ein wenig auf die Spitze. Es beginnt mit einigen Seitenhieben auf diverse Privatsender-Formate, so sieht man eine Show mit dem Titel Das Superbaby. In dieser veranstalten die Spermien der männlichen Kandidaten ein Wettrennen – und nur das beste Erbgut kann gewinnen. Ebenfalls nennenswert: die Titanic Show. Aufgeteilt in Ober- und Unterschicht kämpfen 2 Gruppen auf einer nach gebauten Titanic um Geld – und ihr Überleben. Diese Seitenhiebe sind zwar witzig anzusehen, grundsätzlich aber auch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit zu betrachten. Denn diese Entwicklung zeichnet sich bereits seit langem im deutschen Fernsehen ab. Gut also, dass zu diesem Thema Filme gemacht werden, die dies auf unterhaltsame und kritische Weise verurteilen.

Stichwort Filmbonus: natürlich soll auch ein Free Rainer nicht vor einer Kritik gefeit sein. Ein großes Problem des Films ist beispielsweise, dass er sich einstweilen etwas zu wichtig nimmt; und schon gar nicht vor dem berühmten moralischen Zeigefinger halt macht. Man hat das Gefühl, als stelltensich die Macher die ganze Sache dann letztendlich doch etwas zu einfach vor – eine wirkliche filmische Tiefe, einen wirklich spektakuläreren Einblick in die TV-Szene bleibt aus. Stattdessen wird das Hauptaugenmerk der Geschichte auf die Quoten und die dahinterstehenden Systeme gelegt; es wird ausführlich gezeigt wie die Charaktere mit großem Aufwand an den Zahlen schrauben. Dieses blosse Herumwerkeln an einigen Zahlen führt im Film dann zu einer merklichen Veränderung der Gesellschaft. Statt Talkshows und abendlichen Shows schauen die Leute wieder Kultur, oder besser noch: sie schalten ab und lesen. In dieser Hinsicht fällt Free Rainer vielleicht ein klein wenig zu utopisch aus, und beschränkt sich auf einige wenige Aspekte. Auch Dinge wie die rüpelhafte Autofahrt von Rainer wirken übertrieben inszeniert, ebenso wie die nicht immer ganz nachvollziehbare 180-Grad-Wandlung Rainers. Zumindest ist ein aktueller Bezug vorhanden, Diskussionsansätze werden zuhauf geboten.

Dennoch ist der Film insgesamt recht unterhaltsam ausgefallen – trotz der langen Spieldauer und einigen in die Länge gezogene Szenen. Vor allem macht es Spaß, Rainer und Pegah zuzusehen, wie sie eine recht ungewöhnliche Truppe aus allerlei Chaoten und Unangepassten um sich scharen. Beispielsweise gibt es einen gewissen Phillip (Milan Peschel), der an einer Sozialphobie leidet, aber dennoch (oder gerade deswegen) ein fähiger Computerspezialist ist. Auch in technischer Hinsicht gibt es nicht viel zu bemängeln. Ausser die eventuell etwas kitschig anmutende Musik, die nicht immer passend erscheint. Aber vor allem in Sachen Optik und Schnitt weiss Free Rainer zu überzeugen – Szenen wie der Alptraum Rainer’s sind nett realisiert. Die Szenenaufbauten sind recht liebevoll in Szene gesetzt, so wirkt besonders das Computerzentrum der Quotenverdreher detailreich und authentisch. In schauspielerischer Hinsicht ist Moritz Bleibtreu wieder einmal ein gelungenes Spiel zuzuschreiben, mit Elsa Schulz Gambard als die geheimnissvolle Pegah wurde der perfekte Gegenpol geschaffen. Aber besonders die vielen anderen Charaktere und Nebendarsteller wirken wie direkt aus dem Leben gegriffen. Etwas schade ist nur, dass die Dialoge merklich hölzern wirken; und sich auf einem konstant schwachen Schultheater-Niveau bewegen.

Fazit: Free Rainer ist ein wichtiger Film, aber leider kein besonders guter. Die Thematik bleibt oberflächlich behandelt und wird allzu sehr auf die Quoten-Thematik heruntergebrochen, der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe sowie der hier gezeigte Einfluss auf die Gesellschaft wirken stark nach einer Zeigefinder-Moral inszeniert. Ein Wiederanschauungswert ist ebenfalls nicht gegeben. Dennoch hat der Film stellenweise seinen ganz eigenen Charme, und vermittelt manchmal sogar ein gewisses Revolutionsgefühl.

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