Filmkritik: „Slumdog Millionär“ (2008)

Filmtitel: Slumdog Millionär
Regisseur:
Danny Boyle
Mit: /
Laufzeit:
120 Minuten
Land:
UK
Genre:
Drama / Romanze

Inhalt: Ein junger Mann namens Jamal (Dev Patel) schafft in der indischen Variante von Wer Wird Millionär das schier unglaubliche: er erreicht nicht nur die letzte Frage, sondern beantwortet sie auch richtig. Damit ist einer Millionär – eine Tatsache, die ihm reichlich Bares und Ruhm einerseits, aber andererseits auch einiges an Missbilligung einbringt. Denn schließlich ist er nur irgendein Junge aus den hiesigen Slums. So geht man davon aus, dass er in irgendeiner Form betrügt haben muss – er wird bereits vor dem eigentlichen Finale verhaftet und ausgefragt. Wie kann ein so einfacher Bürger, der im Grunde genommen keinerlei öffentliche Bildung erfuhr, solch schwierige Fragen beantworten  ?

Kritik: Slumdog Millionär wird über 3 verschiedenen Zeitebenen erzählt. Es beginnt mit dem heutigen Leben von Jamal, der in der Spielshow sitzt – dies ist gleichzeitig der Ausgangspunkt für unzählige Rückblicke auf seine frühe Kindheit in den Slums. Regisseur Danny Boyle ist es sehr gut gelungen, die verschiedenen Ebenen miteinander zu verknüpfen, und ganz besonders die (für den Plot wichtigen) Kindheitsszenen der Brüder Jamal und Salim sind überaus intensiv inszeniert worden. Zahlreiche dieser Szenen sind enorm facettenreich, und lassen den Film insgesamt sehr abwechslungsreich; oder schlicht: bunt wie das Leben erscheinen. Markant: die Mixtur von tragischen und komischen Elementen: so wird der junge Jamal eines Tages auf dem stillen Örtchen eingeschlossen, während ein großer Star des Landes in der Nähe ist. Für ihn gibt es nur einen Ausweg… und der mündet zwar im Erfolg, aber auch einem entsprechend geruchsintensiven. Gerade dieses Porträt des hiesigen Lebens in den ärmsten Slums fällt beeindruckend aus, und wirkt authentisch. Es ist ein Spiel mit den Emotionen: schwankend zwischen kindlicher Neugier und Leichtigkeit bis hin zum Porträt eines skrupellosen Geschäftsmannes, der sich um die Kinder kümmert – mit menschenverachtenden Methoden. Die Tatsache, das all diese Szenen insgesamt so gut harmonieren, ist hauptsächlich auf den Regisseur zurückzuführen, der erneut ein Händchen für Stoffe der besonderen Art beweist.

Im Grunde ist Slumdog Millionär eine Liebesgeschichte – aber glücklicherweise keine übliche. Denn man gibt sich nicht Hollywood-artiger Schwärmerein hin, sondern legt das Augenmerk eher auf die Erzählung einer kompletten Lebensgeschichte – nämlich die von Jamal. Entsprechend episch fällt auch der technische, beziehungsweise besonders der optische Part aus. Angefangen bei den überaus kräftigen Farben im Gesamteindruck, über wirklich fantastische Schauplätze, bis hin zu einer trickreichen Kameraführung – allein optisch ist der Film ein besonderes Werk; nämlich eines, dass durchaus positiv aus der Masse heraus sticht. Etwas gewöhnungsbedürftiger und nicht so universell kommt dagegen der Soundtrack daher: fast alle gespielten Stücke sind im Pop-Bereich einzuordnen, und wirken beileibe nicht so passend und stimmig wie der Rest des Films. Etwas klassischere Töne wären hier vielleicht nicht verkehrt gewesen. Stichwort Authentizität: nicht immer hält der Film Realität und geradezu märchenhaft-wirkendes auseinander; sträubt sich aber auch nicht davor, knallharte politische Aussagen einzustreuen.

So bemerkt man als Zuschauer auch die verschiedenen Einflüsse bestimmter Faktoren – beispielsweise in Bezug auf die Kindheitsszenen. Das Ganze spielt in Indien; es herrscht dementsprechende Armut und allgemeine Grausamkeit. Der Regisseur wiederum ist Engländer – und da merkt man auch, ob gewollt oder nicht. Wieviel Internationalität ist also wirklich gut für das Funktionieren eines Films ? Slumdog Millionär ist eine Mischung aus melancholischer, englischer Filmkunst; amerikanischer Rasantheit und Bollywood. Es ist zwar kein allgemeines Popkornkino, aber die Tendenz geht durchaus ein wenig in diese Richtung. Auch die Tatsache beziehungsweise die Erklärung, wie der junge Jamal überhaupt in der Lage sein konnte, all die Fragen zu beantworten, wirkt leicht makaber und wie aus der Luft gegriffen. Kann es wirklich so viele Zufälle geben ? Ist das überhaupt wichtig, oder zählt nur der Glaube – Du bist, wer Du bist, und Du erreichst was du willst ? Die Schauspieler machen einen unglaublichen guten Job, und bieten keinerlei Angriffsfläche für jedwede Kritik.

Fazit: Der technische Part kommt also fast ohne Makel (ein paar wackelige Slow-Motion Bilder blieben zum Glück die Ausnahme), und ausschließlich mit einigen Unstimmigkeiten im Soundtrack-Bereich daher. Inhaltlich ist das ganze spannend, bewegend und stellenweise auch informativ ausgefallen – denn nicht alles, was im Film gezeigt wurde, ist allgemein bekannt. Der Teil mit dem Porträt der Kindheit bekommt beinahe die höchstmögliche Wertung, die Intensität ist einfach unvergleichlich. Später aber schwächt der Film hinsichtlich der Spannung und Emotionalität ein wenig ab – um in einem umso fulminanteren (aber gewöhnungsbedürftigen, da stark Bollywood-orientierten) Finale zu münden.

80button

Userwertung: 9.0/10 (Prometheus)

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5 Gedanken zu “Filmkritik: „Slumdog Millionär“ (2008)

  1. Apropos Danny Boyle…schon „127 Hours“ gesehen? Kann den nur empfehlen. Hab den eigentlich nur mehr ungeplant gesehen und war recht beeindruckt..so im Bereich 8/10. ^^ Nur die FSK scheint da gepennt zu haben…diverse Szenen sind garantiert nicht für Kinder geeignet, auch wenn sie erst spät im Film vorkommen. Wenn man bedenkt, dass sich den Kinder ab 6 mit erwachsener Begleitung im Kino hätten ansehen können, da wird einem anders zu Mute…auweia!

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    1. „Wenn man bedenkt, dass sich den Kinder ab 6 mit erwachsener Begleitung im Kino hätten ansehen können, da wird einem anders zu Mute…auweia!“

      Zwar schon älter als 6, aber immerhin:

      ^^

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      1. „..nur noch 127 Stunden zu leben hat…“ LOL Ich glaub der hat nen anderen Film gesehen. 🙂 Ja ich fand es sehr sehr schade, dass dieser Film keinen Oscar bekommen hat, vor allem in Kategorie „Schnitt“ wunder das mich das stark. Plump ausgedrückt: der Schnitt war hammermäßig! Vor allem trägt dieser dazu bei, dass der Film so funktioniert, wie er funktioniert hat. Die Oscars sind eh fürn A , denn ein Film wie „127 Hours“ bekommt NIE im Leben einen Oscar, dafür der ganze andere Rotz der Filmindustrie.

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  2. Der Film ist kitschig, ja…erwischt. Aber wirft man Märchen auch vor, dass sie einen verzaubern und in eine Phantasiewelt entführen? Slumdog Millionär ist sooooo schön und traurig, allein der Gedanke an die Geschichte oder ein Auszug des Soundtracks reicht und ich bekomme eine Gänsehaut.
    Danny Boyle ist definitiv ein unterschätzter Regisseur. Er trifft zwar nicht immer 100 % ins Schwarze, aber seine Filme sind immer auf eine Art anregend. „Sunshine“ z.B. ist einer dieser Filme die beim Betrachten erst mal enttäuschen, aber im Nachhinein einen doch zum Nachdenken anregen. Er baut scheinbar auch gerne hin und wieder Reminiszenzen ein…wer denkt nicht bei der Szene an Jamal der durch die Toilette kriecht nicht gleich an eine fast schon phantasievolle Szene mit Ewan McGregor in „Trainspotting“?^^

    Ich bin überhaupt kein Fan von Liebesgeschichten, aber ich muss zugeben..ich habe am Schluss fast geweint – Schande über mich.^^ Kein Drama – keine Liebesgeschichte – ein Märchen! Ich bin fast gewillt 9/10 zu geben.

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