Filmkritik: „Les Maitres Du Temps“ (1982)

Filmtitel: Les Maîtres Du Temps / Herrscher Der Zeit
Regisseur:
René Laloux
Mit: /
Laufzeit:
78 Minuten
Land:
Frankreich
Genre:
Animationsfilm

Inhalt: Ein Junge namens Piel wird auf dem Planeten Perdida zum Waisen, als seine Eltern durch tragische Zwischenfälle umkommen. Die Familie befand sich auf einer Art Expedition, doch der Planet birgt zahlreiche Gefahren, wie die sogenannten Hornissen – aggressive Insekten, die die Menschen wahllos attackieren. Sein Vater schafft es gerade noch, Piel eine Art Mikrofon mitzugeben, und weist ihn an, Schutz in einer besonderen Gegend auf dem Planeten zu suchen. In der Zwischenzeit soll er mit dem Mikrofon, welches Piel von nun an Mike nennt, Kontakt zu einem fernen Raumschiff halten. Die Besatzung macht sich sofort auf den Weg nach Perdida, doch das Schiff würde dennoch einige Tage brauchen. Bei einem Zwischenstopp auf einem anderen Planeten nimmt die Crew den alten Silbad mit an Bord, sowie zwei blinde Passagiere: die Gnome Jad und Yula. Bis sie Perdida erreichen, erleben sie noch das ein oder andere Abenteuer… so landet ein Teil der Crew später auf dem Planeten Gamma 10, auf dem eigenartige Flügelwesen eine besondere Form der Diktatur (er)leben.

Kritik: Der Stoff zum Film stammt aus der Novelle L’Orphelin de Perdide (Der Waisenjunge von Perdida) von Stefan Wul. So fantastisch die Geschichte ist, so fantastisch ist auch der Film: besonders junge Erwachsene, die den Film in ihrer eigenen Kindheit gesehen haben, werden das aufkommende Nostalgiegefühl zu schätzen wissen. Aber auch alle anderen: denn Les Maîtres Du Temps ist einer der Filme, der in einer Zeit produziert wurde, als Filme noch eine Seele hatten. Merklich angehaucht vom Charme der frühen 80er-Jahre, ist der Zeichenstil entsprechend simpel; die Zeichnungen und Animationen sind aber dennoch liebevoll gestaltet. Und: sie wirken trotz der offensichtlichen Epochen-Zuordnung relativ zeitlos, genauso wie die Musik. In erster Linie sind es aber die Story und die Charakterporträts, die die wahren Stärken des Zeichentrick-Films ausmachen. Besonders ist auch die Tatsache, dass der Film im Grunde ein Kinderfilm ist – und alle dementsprechenden Kriterien erfüllt. Gleichzeitig aber bietet er einen recht tiefsinnigen Aspekte, die auch Erwachsene zum Nachdenken anregen werden. Man kann also durchaus von einem Film für die ganze Familie sprechen – die jüngsten werden vor allem an der abenteuerlichen Geschichte von Piel und natürlich dem Weltraumsetting Gefallen finden, die älteren werden sich den Kopf zerbrechen über das später auftretende, filmische Paradoxon. Und; vielleicht müssen diese älteren es dann auch den jüngeren erklären. Gar nicht mal so einfach !

Man muss es sich so vorstellen: Achtung, Spoiler ! Das, was man als Zuschauer zuerst sieht und erfährt; ist die „Jetzt“-Zeit, also die aktuelle, „wahre“ Zeitschiene. Das heisst, der Funkspruch des Vaters von Piel findet so statt wie gezeigt. Also begibt sich das Schiff von Jaffar verständlicherweise auf die Rettungsmission – doch als sie ankommen, entsteht das temporäre Paradoxon: die Herrscher der Zeit versetzen den Planeten um 60 Jahre in der Zeit zurück. Wie im Film gesagt wird, nehmen wir als Außenstehende wahr, dass die Zeit für diesen Planeten rückwärts läuft – für die Bewohner des Planeten ändert sich aber nichts; sie leben weiter als ob nichts geschehen würde. Der Clou ist also: die Zukunft von Perdida (ausgehend von einem Standpunkt, der 60 Jahre zurückliegt) ist gleichzeitig die Vergangenheit vom Rest des Universums. Nur so kann das Paradoxon entstehen, dass ein alter Mann (Silbad) mit sich selbst in seiner jüngeren Form (Piel) Kontakt hält. Als der alte Silbad schließlich im Sterben liegt, entschlüsselt sich das Zeitdilemma: er muss nicht mehr gerettet werden, weil er bereits vor 60 Jahren gerettet wurde, von jemand anderem.

Oder aber, man stellt es sich so vor: in dem Moment, als die Retter mit dem Schiff ankommen (ungefähr), wird der Planet zurückversetzt. Für den Betrachter ändert sich erst einmal wenig, doch quasi in einem Atemzug wird eine 60-jährige, eben nicht in sich geschlossene Vergangenheit geschaffen (als zweite Ebene), die irgendwo existiert haben muss und auch einen Einfluss auf das restliche Universum (siehe Silbad) gehabt haben muss. Als Silbad letztendlich stirbt, schließt sich der Kreis; zumindest halbwegs und metaphorisch. Eine wirkliche „Lösung“ kann es bei einem solchen Paradoxon aber nicht geben. Auch, wenn man nicht wirklich dahintersteigen kann (was wohl niemand kann, der nicht zumindest auch noch das Buch gelesen hat), fasziniert der Gedanke an eine solche Möglichkeit. Spoiler Ende !

Es ist immer so eine (heikle) Sache mit Sci-Fi-Filmen, die sich in irgendeiner Form mit dem Thema Zeit, Zeitreisen und Paradoxien auseinandersetzen. Oft ist es zwar weniger wichtig, wie genau man sich ein solches Phänomen vorzustellen hat; doch manchen lassen diese Dinge wiederum keine Ruhe. Viele wollen sich dabei bestmöglich vorstellen können; wie es der Regisseur / der Autor wohl gemeint haben könnte. Es muss einfach halbwegs „logisch“ erscheinen, und einen Sinn ergeben – nur dann kann man mit dem Film auch in irgendeiner Form abschließen und zur Ruhe kommen. Im Fall von Herrscher der Zeit ist das keine so leichte Sache – und dabei handelt es sich um einen Kinderfilm ! Doch wie gesagt, es geht nicht nur beziehungsweise in erster Linie um die individuelle Erklärung des Zeitparadoxons, sondern bestenfalls auch um alle anderen Aspekte.

In erster Linie wären das natürlich die zeitlosen Botschaften zum Thema gut und böse, wunderbar präsentiert über die beiden Gnome. So können auch die jüngsten verstehen, was es heisst, auf seine „innere Stimme“, sein Gewissen zu hören. Aus Erwachsenensicht schon recht heftig erscheint das Porträt der gesichtslosen Flügelwesen, welches offensichtlich an totalitäre Regimes erinnern soll. Besonders die Vertonung der Sprechstimmen macht es sehr deutlich (aggressiver Grundton, der unweigerlich an das dritte Reich erinnert) – für manche ist das eventuell schon ein wenig zuviel und wenig subtil. Doch ansonsten gelingt das Bild eines gar intergalaktischen Zusammenhaltes bravourös und unterhält auf ganzer Linie – die Sci-Fi-Elemente begeistern zusätzlich. Die Geschichte ist so immer noch gültig und verfilmbar, es bleibt die Frage ob dies erneut ratsam wäre. Denn der typische 80-er-Jahre-Charme gehört zu diesem Film offenbar dazu wie die Unerklärbarkeit des Zeitparadoxons.

Die einzigen Gründe, warum der Film kein Meisterwerk wie zum Beispiel Nausicaa geworden ist, liegen auf der Hand, es sind derer lediglich zwei: zum einen wirken die Zeichnungen (selbst aus damaliger Sicht !) nicht sonderlich modern, die Animationen stellenweise wenig geschmeidig. Das stört zwar nicht wirklich, weil der besagte Charme diesen Faktor wieder wettmachen kann – aber im direkten Vergleich, beispielsweise zu japanischen Animes, hat der Film (erst einmal nur in Bezug aufs optische) keine Chance. Zum anderen wäre es die Story selbst, die zwar spektakulär, originell und zeitlos ist (keine Frage !), aber im Film nicht so spannend daherkommt wie möglicherweise im Buch. Denn: über die Spieldauer „passiert“ nicht immer wirklich viel. Dies ist zwar auch Stilmittel und die ruhigen Weltraumbilder mit der sphärischen Musik haben ihren Reiz, doch wenn man den Film letztendlich zusammenfasst, hat man weniger zu erzählen als eigentlich erwartet. Dieses Potential hält man bis zum Ende des Films zurück, um dann (viel zu schnell !) geradezu zu „explodieren“: alles klar, Zeitparadoxon, Vergangenheit, Herrscher der Zeit; so und so. Das alles wirkt einfach zu schnell abgespult und lässt den Film gefühlt vorschnell enden. Es ist einfach kein „rundes“ Ende, welches in Sachen Erzähltempo mit dem vorherigen Film zu vergleichen ist.

Fazit: Dennoch handelt es sich bei Herrscher der Zeit um einen wahrhaft episches Zeichentrickwerk, welches unglaublicherweise als Kinderfilm durchgeht – aber auch für Erwachsene reichlich Spannung und Unterhaltungswert bietet. Der Nostalgie-Bonus kommt noch hinzu, die Bilder sind einfach traumhaft und auch wenn auf der Leinwand mal wenig passiert, passiert dafür umso mehr: in den Köpfen der Zuschauer.

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4 Gedanken zu “Filmkritik: „Les Maitres Du Temps“ (1982)

  1. Hallo Oliver,

    ich vergaß gestern noch anzumerken, daß bei Deinem obigen Spoiler ein kleiner Fehler vorhanden ist.
    Piels Vater ist Claude und er sendet seinen Funkspruch mit Bitte um Hilfe an seinen Freund Jaffar (im Raumschiff). 😉

    Gruß
    Claus

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  2. Hatte Fragmente dieses Films, den ich irgendwann in den 1980ern sah, in meinem Kopf. Die Hornissen, die gesichtslosen „Engel “ und den Namen Jaffar. Als Kind habe ich den Film wohl nicht so ganz verstanden und mit der Zeit auch vieles vergessen – zumindest hatte er einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Dank der Suchmaschinen und einigen Videoportalen konnte ich den Titel des Films finden und ihn mir auch wieder ansehen. Welch ein nostalgischer Moment – und bei mir schloß sich auch ein Kreis, in dem ich nun auch das Ende sehen und verstehen konnte.

    Gibt es Stefan Wul´s Novelle L’Orphelin de Perdide – auch in deutscher Sprache?

    Gruß
    st

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    1. Danke, dass Du uns an Deiner „Nostalgieerfahrung“ teilhaben lässt ! Muss ein Erlebnis gewesen sein, den Film nach so langen Jahren wieder zu Gesicht zu bekommen.

      Deine Frage kann ich allerdings nicht beantworten, auch die Eingabe des deutschen Titels „Der Waisenjunge Von Perdida“ fördert nicht viel zu Tage… das ist wahrlich ärgerlich ! Vielleicht weiss jemand anderes mehr…

      MfG,

      Oliver

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