Filmkritik: „In Meinem Himmel“ (2010)

Originaltitel: The Lovely Bones
Regisseur:
Peter Jackson
Mit: /
Laufzeit:
123 Minuten
Land:
USA / Neuseeland / Großbritannien
Genre:
Drama / Thriller

Inhalt: Die 14-jährige Susie Salmon (Saoirse Ronan) lebt wohlbehütet im Kreise ihrer kleinen Familie. Auf dem Weg ins Erwachsenendasein erlebt sie all jene Dinge, die alle Teenies irgendwann einmal erleben: das können kleinere Streitereien mit den Eltern (Rachel Weisz und Mark Wahlberg) sein, oder aber das Entdecken der ersten großen Liebe. Doch eines Tages geschieht etwas grauenvolles. Susie wird von einem Nachbar namens George Harvey (Stanley Tucci), der sich als Serienmörder entpuppt, in ein Erdloch gelockt und dort auf bestialische Weise ermordet. Fortan lebt sie in einer Art Zwischenwelt, da das schreckliche Verbechen noch immer unaufgeklärt ist und sie selbst hier nicht loslässt. Susie möchte nur eins: endlich ihren Seelenfrieden finden. Dies kann sie aber nur mit der Gewissheit erreichen, dass der Mord aufgeklärt wird – und, dass es ihrer Familie gut geht.

Kritik: In meinem Himmel ist wieder mal so ein Film, bei dem der deutsche mit dem englischen Originaltitel nichts gemeinsam hat. Offensichtlich wäre ein Übersetzungsversuch von The Lovely Bones wohl auch nach hinten losgegangen, und hätte dem Ganzen schnell einen Touch eines Horrorfilms verliehen. Das ist der Film aber keinesfalls – vielmehr ist er ein Thriller, der mit bis dato einzigartigen Fantasy-Elementen gespickt ist. Stichwort Thriller – wenn man den Film auf seine grundsätzliche Handlung beschränkt, dann trifft die Beschreibung sogar absolut zu. Es gibt einen Serienkiller, dessen Opfer offenbar alle erdenklichen Altersklassen aufweisen – und es gibt ein junges Mädchen, welches als letztes seiner Opfer sozusagen aus dem Off über ihre Qualen reflektiert. Dies wäre im Grunde nur möglich, hätte sie die Pein überlebt – doch das hat sie nicht. Genau hier setzen dann die fantastischen Elemente ein: sie befindet sich seit dem Verbrechen weder auf der Erde noch im Himmel, sondern ist in einer Art Zwischenwelt gefangen. Von dieser aus beobachtet sie weiterhin die Erde, und hat so manches Mal vielleicht sogar einen direkten Einfluss auf die dortigen Ereignisse.

Diese „himmlischen“ Welten sehen auf den ersten Blick sehr bunt und fantasievoll aus – das sollen sie auch, schließlich sind sie ein Produkt von Susie’s bisherigen Erlebnissen und Eindrücken. Für manche jedoch könnten diese Szenen bereits zu bunt ausfallen: sowohl von der Optik als auch von der Stimmung her. Denn zwischenzeitlich wird dem Zuschauer nicht mehr wirklich klar, was genau Susie eigentlich will; teilweise regiert sogar purer Kitsch. Dies führt uns zum größten Problem von In meinem Himmel: der Film schafft es nicht, einen kontinuierlichen Spannungsbogen aufzubauen, sondern flaut gegen Mitte des Films stark ab. Während der Anfang sehr vielversprechend ist, und auch die ersten Szenen in der Zwischenwelt Lust auf mehr machen, scheint sich Regisseur Peter Jackson immer mehr in der Mischung aus Traumbildern und denen der 70er-Jahre zu verlieren. Besagte Seventies wirken zwar authentisch in Szene gesetzt (nicht zuletzt durch die markanten Brauntöne), doch ich frage mich, warum es gerade diese Zeit (und im Kontrast dazu die quietschbunte Himmelswelt) sein musste. Immerhin, es wurde viel Wert auf Details gelegt. Die Kleidung, die Umgebung, die Frisuren (leider – zumindest im Falle von Mark Wahlberg) – alles wirkt stimmig und absolut greifbar.Überhaupt gestaltet sich der optische Part sehr angenehm; lediglich die Schnitte wirken an der ein oder anderen Stelle zu schnell und hektisch. Der Soundtrack ist in Ordnung, sticht andererseits aber auch nicht sonderlich positiv hervor.

Das Problem offenbart sich in der offensichtlichen Zweigleisigkeit der Handlung: einerseits ein (etwas langatmiger) Thriller, andererseits ein fantasievoller Ausflug in (fast) himmlische Gefilde – doch das Augenmerk liegt klar auf der „Lösung“ des Falls. Sehr sehr schade ist, dass der Zwischenwelt keine weitere Bedeutung zugemessen wird als die, dort verweilen zu können und sich sogar den lebenden Menschen in irgendeiner Form bemerkbar zu machen. Hier hätte ich mir viel mehr Tiefe gewünscht, und vielleicht auch das aufkommende Gefühl einer bedeutsamen Reise. Einer Reise, die alles andere unwichtig erscheinen lässt – ohne die Mordserie dabei ausser Acht zu lassen. Dies hätte man auf vielerlei Art und Weise realisieren können, doch die letztendlich verwendete Idee wirkt stellenweise etwas zu platt und zu einfach. interessant, aber durchaus folgerichtig ist, dass die Leiche von Susie letztendlich keine Rolle mehr spielt – auch wenn es zuerst danach aussah. Schließlich ging es nur um die Aufklärung des Falls, die Wahrheit; ihren Seelenfrieden. Die schauspielerischen Leistungen bieten durchaus ihre Highlights:  Saoirse Ronan als Susie überzeugt auf ganzer Linie, ebenso wie Stanley Tucci als mordender Psychopath. Lediglich an einer tieferen Darstellung, einem tieferen Einblick in die Seelenwelt und Motivation dieses Killers hätte es bedurft – doch dafür kann nur das Drehbuch etwas. Erfrischend (aber kurz): Susan Sarandon als Großmutter mit ganz eigenen Methoden der Trauer-Bewältigung. Alle anderen bleiben zwangsläufig etwas flach, besonders auch die Eltern von Susie, verkörpert von Mark Wahlberg und Rachel Weisz.

Richtig ärgerlich wurde es dagegen gegen Ende des Films. Achtung, Spoiler ! Wer sich bereits vorher ein wenig schwertat mit der leicht schwächelnden Entwicklung hin zur Mitte des Films; der wird nun endgültig verzweifeln. Denn: statt Innovation oder Fantasie regiert die allseits beliebte Holzhammermethode. Im wahrsten Sinne des Wortes: sei es ein nunmehr völlig entgeisterter Mark Wahlberg, der ziellos durch ein Maisfeld rennt und sich dabei reichlich Haue einfängt, sei es ein Killer, der durch eine höhere Macht der Gerechtigkeit doch noch seiner Strafe entgegensehen muss… sei es die höchst merkwürdige Szene, in der Susie noch einmal auf die Erde zurückkehrt und den bedeutungsschweren ersten Kuss erlebt. Alle bisherigen Einflussnahmen von Susie auf die Erde waren zwar ebenso übernatürlicher Natur, doch sie wirkten eher wie Sinnbilder. Jetzt aber greift sie (oder eine andere Macht) vollends in die Welt ein und richtet gar ihren Mörder, mit einem Eiszapfen – wie lachhaft. Hier funktioniert die Chemie des Films einfach nicht mehr, Metaphern und Imagination rücken nun vollständig in den Hintergrund, um der (stark vereinfachten) bildlichen Sprache Platz zu machen. Warum genau Susie noch einmal auf die Erde zurückkehren muss beziehungsweise ihren ersten Kuss doch noch erleben kann, bleibt schleierhaft und passt nicht zum sonst ernsten Grundton des Films. All diese Dinge hätten nach der Aufklärung des Mordes doch genausogut in der Zwischenwelt, beziehungsweise noch eher beim Übergang in den „echten“ Himmel passieren können. Hierzu wären Peter Jackson doch sicherlich einige epische Szenen eingefallen… um dem Budget zumindest gegen Ende hin noch „gerecht“ zu werden. Spoiler Ende.

Fazit: In meinem Himmel ist ein beinahe-Meisterwerk. Man hätte soviel aus diesem Film machen können, machen müssen – zumal es sich wieder einmal um eine Buch-Verfilmung handelt. Doch einmal mehr zeigen sich die Schwierigkeiten einer cineastischen Umsetzung… der Film präsentiert zwar eine gute Mischung aus Thriller- und Fantasyelementen, bleibt aber insgesamt viel zu flach und wenig innovativ. Das Gefühl, dass hier etwas überaus bedeutsames geschieht, kommt leider zu fast keinem Zeitpunkt auf. Dafür ist der Thrillerpart zu simpel konstruiert, und die Zwischenwelt zu oberflächlich-bunt. Schade !

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4 Gedanken zu “Filmkritik: „In Meinem Himmel“ (2010)

  1. Etwas länger her…darum das meiste aus dem Gedächtnis…bis auf die (in meinen Augen zu hohe) Wertung stimme ich den meisten Punkten zu.

    VORSICHT MÖGLICHE SPOILER!

    Kritikpunkte

    – Die „Fantasyelemente“ bzw. alles was mit dem Jenseits zu tun hat…bis auf die Idee mit den Buddelschiffen, wirken meist total verkitscht, albern, quietschbunt und schlecht animiert. Hier hat man versucht „Hinter dem Horizont“ Konkurrenz zu machen, womit dieser aber Film gnadenlos scheitert. Mit den CGI-Effekten aus „Herr der Ringe“ kann man sehr gut leben, aber in diesem Film…Pfui, schäm dich Peter!

    – Der auf freche „Catwoman“ getrimmte Charakter den Susan Surandon gibt, wirkt im Film total deplatziert. Ich mag ihre Darstellung (die wohl irgendwo aus der „Thelma & Louise“ Zeit entspringt), aber in diesem Film wirkt es unpassend obszön. Die Darstellung von Mark Wahlberg und Rachel Weisz sind (teils gewohnt und teils ungewohnt) äußerst blass. Saoirse Ronan und vor allem Stanley Tucci (den man fast nicht wiedererkennt) spielen sehr gut.

    – Ganz frech, dreist und eigentlich auch strunzblöd ist es vom Killer, sich die (auch direkt daneben wohnende) Schwester der Emordeten als nächstes Opfer auszusuchen. Manche Leute kriegen den Hals auch nicht voll. 🙂

    – EPIC FAIL vom Vater nachts mit einem Baseballschläger rumzulaufen. Keine Kritik, wollte es aber nur angemerkt haben. ^^

    – Als die Schwester in das Haus des Mörders eindringt blättert sie in aller Seelenruhe in seinem Notizbuch herum, anstatt SOFORT damit stiften zu gehen. Als dieser dann zurückkehrt, hört er bereits bevor Lindsey die Diele zu laut fallen lässt, wie oben die Seiten im Buch umgeblättert, der Mann hat wohl ein Vulkaniergehör. ^^ Gerade so mit dem Leben davon gekommen druckst sie zu Hause erst mit der Entdeckung herum, anstatt das Buch (zum Teufel nochmal!!!) gleich herauszurücken. In dieser Zeit hat der Killer genug Luft um einen 4 Zentner schweren Tresor mit den Überresten des Mädchens aus seinem Keller (?!) in seinen Wagen zu laden und abzuhauen..jaja. Bill Bixby oder was. ^^ Wieso er da nicht einfach nur die Überreste verschwinden lässt, anstatt den monströs schweren Tresor durch die ganze Stadt zu kutschieren bleibt mir auch ein Rätsel. Wahrscheinlich aus lauter Geilheit die Kombination vergessen. Truecrypt-Syndrom nennt man das wohl. 🙂 Welcher Idiot fertigt übrigens so ausufernde Notizen im Tagebuchstil an, bei so viel Selbstverliebtheit und bei den ganzen Spuren (allein schon die köstliche Szene während Polizeibefragung am Anfang des Films ^^) ist es ein Wunder, dass so jemand nicht schon vorher geschnappt wurde.

    – Was soll der Blödsinn mit dem Tresor am Schluss überhaupt? Welche Funktion erfüllt er, warum wurden gerade IHRE Überreste in diesem Tresor aufbewahrt? Als er den Tresor entsorgen will, warum fährt er nicht näher an das (Entsorgungs-)Loch heran? Wenn der Tresor so schwer ist, dass man geschätzte 10 Min. braucht um ihn ins Loch zu rollen (!) hat man in dem Moment etwa keine Angst, dass die Erde unter einem nachgibt?

    – Das Mädchen wurde in ihrem „Vorleben“ gekidnappt, vergewaltigt und umgebracht und ihr Geist hat nichts anderes im Sinn, als den Körper eines medialbegabten Mädchens zu missbrauchen, um mit ihrem (noch lebenden) „High School Crush zu poppen/knutschen??? Nein sorry, hier hört es bei mir dann komplett auf mit der Glaubhaftigkeit des Films und verbanne ihn hiermit in das Reich der Mythen, Sagen, Legenden und Fantasymärchen, in dem es zwar keine axtschwingenden Zwerge, schmierige Trolle und goldene Ringe gibt, dafür aber genauso viel ähnlich beknacktes Zeugs.

    – Der Film ist eindeutig zu lang bzw. füllt diese Zeit nicht sinnvoll genug aus.

    – Die Message mit der „göttlichen Fügung“ bzw. der „ausgleichenden Gerechtigkeit“ ist angekommnen. Soll wohl die Moral der Geschicht‘ ersetzen.

    Von „Meisterwerk“ ist hier gar nicht mehr zu reden, noch mehr so „Zeugs“ und der Film wäre gänzlich in die Unterdurchschnittlichkeit gerutscht. Wenn schon etwas „himmlisches“ von Peter Jackson, dann doch lieber „Heavenly Creatures“ (Filmtipp!), denn „In meinem Himmel“ ist gar nicht mal so gut, wie man vermuten würde. „The Lovely Bones“ (so im Original) hat einige Schwächen die unverzeilich sind, über Plotlöcher, albernem Blödsinn, Kitsch und eine gewisse Tendenz in Richtung „Tearjerker“ ist alles vertreten. Der gute Soundtrack und der ansonsten recht stimmige Look des Films (und ein überragender Stanley Tucci…einer der Fälle wo einem der Killer sympathischer ist als der ganze Rest 🙂 ) reißen aber noch einiges heraus und gleichzeit hat man mit dem Film wohl das dämlichste – aber durchaus witzige^^ – Ende der Filmgeschichte gesehen. Ich fand „In Dreams“ (Jenseits der Träume) von Neil Jordan der in eine auch verdächtig ähnliche Kerbe schlägt besser. (auch wenn imdb etwas anderes sagt).

    Schlussgedanken: Hinterm Horizont geht’s weiter! ^^

    Wertung: Wohlwollende 6/10

    PS: Wer Fehler in der Rezension entdeckt, der darf sie gerne behalten, in einen Tresor einschließen und die Hollywood Hills runterstoßen. What comes around goes around… ^^

    Anmerkung zu deiner Rezension:

    Warum die 70s? Vermutlich weil die Ermittlungsbehörden (und die Killer) von heute nicht so dämlich/naiv sind wie damals. ^^

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    1. Ironischerweise enthält der Text sogar relativ viele Fehler wie ich sehe. ^^ Kommt davon wenn man ihn nicht nochmal „gegenliest“…aber das kennen die Scriptwriter von „The Lovely Bones“ ja. 🙂

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    2. Danke für den ausführlichen Bericht ! Dieses Mal liegen wir wohl mal wieder relativ dicht beieinander, auch hinsichtlich der Wertung gab es schon deutlichere Unterschiede^^ Eindeutig ist, dass IN MEINEM HIMMEL einige Fehler / Schwächen enthält, und nicht das Zeug zu einem ‚echten‘ Meisterwerk hat. Allein die Punkte, die wir beide angeführt haben, sprechen da für sich (Kitsch in der Fantasy-Welt, merkwürdige Reaktionen / Verhaltensweisen von Charakteren, blödes Ende). Gut, dass ich gesagt habe, dass es sich um ein beinahe-Meisterwerk handelt, das sehe ich nach wie vor so – da der Stoff (im Zusammenspiel mit dem Regisseur) einfach mehr Potential gehabt hätte.

      Stichwort Fehler… ich bin gerade selbst etwas erschrocken, habe mir mein Review natürlich auch nochmal durchgelesen bei der Gelegenheit. Irgendwie faszinierend, würde sagen dass ich heute definitiv nicht mehr so schreibe… oder ?^^ Gut, es sind ja immerhin auch knapp 2 Jahre vergangen seitdem, man entwickelt sich (glücklicherweise) weiter. Richtig blöd sind auch die ‚Ich‘-Formulierungen, die ich seit jeher vermeiden wollte – warum sind die hier noch drin ?^^

      Ach, es müsste so viel überarbeitet werden… mal sehen, wann ich die Jobausschreibungen online stelle. Bräuchte einen ‚Gegenleser‘, einen der alle Beiträge überarbeitet, und mindestens einen kreativen Kopf für neue Ideen. Stundenlohn: öhm… das klären wir dann 😉

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