Filmkritik: „Walhalla Rising“ (2010)

Filmtitel: Walhalla Rising
Regisseur:
Nicolas Winding Refn
Mit:
Mads Mikkelsen
Laufzeit: 100 Minuten
Land:
Großbritannien / Dänemark
Genre:
Abenteuer

Inhalt: Irgendwo in einer hügeligen, kargen Gegend im Norden… ein furchteinflößend aussehender Mann (Mads Mikkelsen) ist angekettet und in einem Holzkäfig eingesperrt. Er spricht kein einziges Wort – und doch scheint er seinen Häschern von Nutzen zu sein. Denn wenn er dazu getrieben wird, kämpft er wie eine Bestie – bisher konnte ihn niemand bezwingen. Er scheint seltsame Visionen zu haben, die nur er selbst sieht – es sind flüchtige Blicke in eine mögliche Zukunft. Bald schon nutzt er seine Chance, bricht aus – und tötet seine Bewacher. Nur ein Junge bleibt am Leben, der ihm fortan folgt und dem nun freien, aber geschundenen Mann Einauge nennt. Die beiden treffen auf verstreute Christen, die auf einer heiligen Mission sind – sie suchen das gelobte Land Jerusalem, um es zurückzufordern. Der Junge und Einauge schließen sich den Christen an – obwohl die jeweiligen Ziele durchaus unterschiedliche zu sein scheinen. Auf einer Reise über das Meer müssen sich die Männer der ein oder anderen Bewährungsprobe unterziehen – was hat es mit dem mysteriösen Einauge auf sich, was ist sein wahres Ziel ?

Kritik: Zuallererst muss man festhalten, dass Walhalla Rising kein Film in dem Sinne ist – die Genrebezeichnung Action-Abenteuer und die gesamte Aufmachung der DVD wirken etwas irreführend. Vielmehr ist dieses von Nicolas Winding Refn inszenierte Wikinger-Werk ein mutiges Projekt, ein experimentelles Stück Film welches stark in den Stilbereich des Surrealismus abdriftet. Zwar gibt es eine Story als Grundgerüst (siehe Beschreibung oben) – doch sonst übliche Filmgesetze werden hierbei ausser Kraft gesetzt. Der Film hat keinen wirklichen Anfang, die eigentliche Handlung entwickelt sich kaum, und das Ende wirkt abrupt. Hintergründe und Charaktere werden nicht vorgestellt oder erklärt, stattdessen muss man als Zuschauer vieles so hinnehmen wie es ist beziehungsweise gezeigt wird – etwas ärgerlich ist dies natürlich in Bezug auf den Hauptcharakter, den rätselhaften Einauge. So erfährt man zu keinem Zeitpunkt wer er wirklich ist, warum er gefangengenommen wurde, und was sein erklärtes Ziel ist. Der Film versucht hierbei lediglich mithilfe der zahlreichen charakterspezifischen Szenen aufzuzeigen, um was es eigentlich geht.

Genau das ist auch die zentrale Frage – und diese ist gar nicht mal so leicht zu beantworten. Sicher könnte man nun einfach daher gehen und postulieren, dass der Film automatisch ein Meisterwerk sein muss – weil er mit den vorherrschenden Hollywood-Gesetzen bricht. Und nicht nur mit denen – im Grunde gibt es keinen vergleichbares Pendant zu Walhalla Rising. Doch das wäre der falsche Weg – denn es gibt genügend Filme, die (erfrischend) anders sind, doch in ihrem Gehalt und der Qualität können sich auch diese stark voneinander unterscheiden. Was also ist mit diesem Werk ? Ab der ersten Minute wird klar, dass man hier etwas besonders sieht – so wird beispielsweise erst gar kein, und später kaum ein Wort gesprochen. Die Kamera fährt ruhig über nebelverhangene Hügel und weite Landschaften, und mittendrin kämpft ein uns unbekannter Mann erst kontrolliert – und später ohne Zwänge – auf seiner Flucht. Im Grunde unterscheiden sich diese Scharmützel aber nicht voneinander: die Bilder sind entsprechend brutal und grausam. Es erscheint etwas Schleierhaft, warum der Film eine FSK 16 erhalten hat – gerade 1, 2 Szenen aus der ersten Hälfte gehen wirklich hart an die Grenze. Sei’s drum – es geht schließlich nicht um die Brutalität, obwohl sie durchaus schon als Charaktermerkmal von Einauge bezeichnet werden könnte. Schließlich ist er stumm, und scheint lediglich einen Jungen neben sich zu tolerieren – alle anderen duldet er höchstens (er lässt sie Leben, gerade so), aber wenn sie nur eine falsche Bewegung machen werden sie ebenfalls abgeschlachtet. Ob sie Christen sind oder nicht, ob sie ihm gut zureden oder nicht – doch als Zuschauer kann man höchstens erahnen, warum oder wieso dieses oder jenes so geschieht wie gezeigt – Hinweise, Erklärungsansätze oder Interpretationsschlüssel sucht man absolut vergebens.

Stattdessen scheint sich der Film gerade nach dem ersten Drittel in einem Wust aus Stilmitteln und scheinbarer Bedeutungsschwere zu verlieren. Den Beginn des Wandels markiert die schier endlose Bootsfahrt: oft hält die Kamera still auf den (beengten) Schauplatz und fängt das ein, was passiert – offensichtlich nichts, in Bezug auf die Handlung. Untermalt wird der apokalyptische, desolate Eindruck durch die farblich different gehaltenen Visionsszenen; und die Kamerafixierung auf einzelne, grimmige Gesichter. Überhaupt wirkt der Ganze Film sehr düster und depressiv, und dementsprechend wie ein leicht entstelltes Kunstwerk – mit einem bunten Wikingerporträt wie aus anderen Filmen ist nicht zu rechnen. Stattdessen wird das Leben der Beteiligten so dargestellt, wie es möglicherweise tatsächlich war: absolut trostlos. Sätze werden so dramatisch ausgesprochen, als seien es die jeweils letzten der Sprecher; der aufkeimende religiöse Fanatismus schimmert hier und da durch, nur um erneut von der ein oder anderen Tötungs- oder Visionsszene abgelöst zu werden. Dazwischen gibt es ebenso lang andauernde Landschaftsaufnahmen, in denen die Protagonisten umherziehen; ungewiss bleibt, was sie vorzufinden hoffen. Gieren sie etwa nach ihrer ganz persönlichen Apokalypse – und betrachten Einauge (als Seitenhieb auf die skandinavischen Mythologie) als ihren Führer auf dieser Reise, egal wohin sie gehen mag ? Denn zuerst war Jerusalem das erklärte Ziel, doch als mehr und mehr deutlich wird, dass Einauge eher ein heidnischer Gott aus der Hölle zu sein scheint (Achtung, bereits Interpretation); spielt das ursprüngliche Ziel so gut wie keine Rolle mehr.

Es sind diese kryptischen Verweise auf die Rolle des Christentums mit seinem Erlöser-Bezug, und das Aufeinanderprallen mit der heidnischen Kultur (Valhalla) – die beide eines gemeinsam haben, nämlich die Vorstellung der Apokalypse, dem Ende der Welt. Und wenn der Zeitpunkt gekommen ist, haben nur die mutigsten und mächtigsten Krieger einen Platz an der Seite des jeweiligen Höchsten – man muss ehrenhaft und im Kampf fallen. Eine besondere Bezugnahme stellt sicherlich auch das Finale des Films dar, das auf den ersten Blick (!) sinnlos erscheint. Immerhin, unter all der Fassade der kryptischen Szenen, die in sich geschlossen eher wie die Darstellung eines (Alp-)Traumes wirken, verstecken sich vielversprechende Ansätze. Doch insgesamt enttäuscht Walhalla Rising ob der scheinbar endlos wirkenden Einzelszenen, in denen wenig geschieht – zumindest auf der Leinwand. Der Rest soll(te) demnach in den Köpfen der Zuschauer entstehen – doch fehlende Hinweise und Hintergrundinformationen erschweren den Zugang zur Thematik ungemein. Man erlebt mit dem Film lediglich eine merkwürdige, düstere Odyssee in der Menschlichkeit kein Platz hat – sondern nur die Brutalität und die Hoffnungslosigkeit. Ob es sich hierbei um eine Kunstform handelt oder nicht – für einen Spielfilm scheint das zu wenig zu sein. Nach dem noch vielversprechenden Start driftet der Film in unendliche Längen ab, und weiss offenbar selbst nicht mehr so genau, was er will. Walhalla Rising verwirrt, erzeugt eine gedrückte Stimmung; langweilt gar etwas – und regt stellenweise stark zum mit- und nachdenken an. An sich ist das ein positiver Aspekt – aber je weniger Ansätze gegeben werden, umso mehr muss man sich selbst „zusammenspinnen“ – so sieht ein jeder das, was er im Film sehen will. Dies dürfte die so stark differierenden Wertung im Internet erklären (überspitzt gesagt: entweder 0 von 10 oder 10 von 10). Manche sehen nur das, was tatsächlich geschieht (kaum nennenswertes) – andere dagegen lesen zwischen den Zeilen; und entdecken für sich schier unglaubliche Dinge – die möglicherweise nichteinmal der Intention des Regisseurs entsprechen. Schwierig, erschwert diese Tatsache eine objektive Wertung des Films.

Die technischen Aspekte sind dagegen gut umgesetzt. Gerade die Optik unterstützt den düsteren Handlungsrahmen. Wichtig ist jedoch, dass man einzelne Szenen (wie zum Beispiel im Trailer oder auf Filmbildern gezeigt) nicht als stellvertretend für den gesamten Film sehen darf – so ist der später auftauchende blaue Himmel (und das Bild der hellen Sonne hinter einem sitzenden Krieger) nur eine von vielen, von Stilmitteln gespickten Szenen. So schnell wie sie kam, so schnell geht sie auch wieder. Die Landschaftsaufnahmen sind nett, doch komplexe Szenenaufbauten gibt es nicht – was entweder auf gewollten Minimalismus, oder auf ein niedriges Budget schließen lässt. Der Soundtrack verdient ebenfalls eine besondere Erwähnung, wobei es sich hierbei nicht wirklich um Musik handelt – sonder um eine Aneinanderreihung von bedrohlichen Klängen, wie sie ebenfalls oft im Bereich des Surrealismus anzufinden sind. Die Darsteller machen einen guten Job, obwohl das Drehbuch letztendlich nicht viel hergibt in Sachen Charakterentwicklung. Sie bleibt so starr wie der Gesichtsausdruck von Einauge – der aber dennoch klar hervorsticht und eine unglaubliche Präsenz (trotz Stummheit) zeigt. Es bleibt nach wie vor schleierhaft, was genau der Regisseur mit diesem Stück Film beabsichtigte – in jedem Fall werden sich die Geister am Endergebnis scheiden. Action ? Kaum, und wenn dann endlos brutale. Abenteuer ? Nicht wirklich. Spannung ? Interessanterweise gleich null. Surrealismus, Traumsequenzen, Visionen, kryptisches Gebaren ? In der Tat – das trifft eine Beschreibung von Walhalla Rising wohl am ehesten.

Fazit: Um ein Meisterwerk handelt es sich hierbei definitiv nicht – wer dies behauptet, hat bereits zuviel interpretiert und dabei die Qualität des Films selbst aussen vor gelassen. Zurückhalten sollte man sich wohl auch mit der Assoziation zahlreicher großen Namen: von Nietzsche (Grundböse im Menschen) bis zu Werner Herzog ist nach einer kurzen Internetrecherche wohl alles dabei. Walhalla Rising ist eher wie ein Drogentrip – ein merklich düsterer. Und den erlebt nuneinmal jeder einzelne anders. Aber wirklich angenehm ist er in keinem Fall…

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2 Gedanken zu “Filmkritik: „Walhalla Rising“ (2010)

  1. Entschuldigen Sie bitte, aber wollten wir uns nicht diesen Film gemeinsam ansehen?!!?!
    Kein Ding, konntest es wohl nicht länger aushalten. Doch ich sehe der Film ist nur Mittelmaß. Obwohl ich mir den auch gerne reingezogen hätte.

    Bis die Tage

    CU

    CB

    Gefällt mir

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