Filmkritik: „Toto Der Held“ (1991)

Originaltitel: Toto Le Herós
Regisseur:
Jaco Van Dormael
Mit:
Thomas Godet – Hugo Harold Harrison – Michel Bouquet u.a.
Laufzeit:
91 Minuten
Land:
Frankreich / Belgien / Deutschland
Genre:
Drama

„Es ist bewegend zu sehen, was ein Rückblick in die (eigene) Kindheit alles offenbaren kann“

Inhalt: Der junge Thomas (Thomas Godet) wächst als jüngster Spross einer französischen Familie in einer idyllischen Kleinstadt auf. Zusammen mit seiner Schwester und seinen fürsorglichen Eltern führt er offenbar ein beinahe sorgenfreies Leben – wenn da nicht sein ständiger Gedanke an eine mögliche Verwechslung wäre. Denn seit jeher glaubt Thomas, der den Spitznamen Toto trägt, dass er als Säugling mit dem Nachbarsjungen Alfred (Hugo Harold Harrison) vertauscht wurde. Der ist sein größter Konkurrent; und Toto hegt ihm gegenüber eine emotionale Mischung aus Groll und Neid. Gerade wenn es um seine Schwester geht, versteht er keinen Spaß – diese Geschwisterliebe geht für ihn über alles. Wäre er doch nur im alten Ägypten, wo Liebe zwischen Brüdern und Schwestern nicht so verpönt gewesen sein soll – Toto träumt. Eines Tages aber geschieht etwas tragisches – sein Vater verschwindet bei der Ausführung eines Arbeitsauftrages spurlos – doch der Auftrag kam nicht von irgendwem. Er kam von Alfred’s Vater, weshalb Toto’s Wunsch, es Alfred heimzuzahlen, nur noch stärker wird. Seit diesem Moment plagen ihn ausserdem schlimme Visionen – doch es kommt alles noch schlimmer; nämlich als seine Schwester eine Art Liebesbeweis für ihn erbringen möchte. Später, als inzwischen Erwachsener Mann, reflektiert Thomas (jetzt gespielt von Michel Bouquet) über sein Leben und sinniert über die vergangenen Zeiten. Noch immer scheint sich sein ganzes Leben auf der möglichen Verwechselung aufzubauen; seine Verzweifelung ist nach wie vor spürbar. Und auch seine Schwester Alice spielt eine nie endende Rolle in diesem bewegten Leben…

Kritik: Dieser französische Film von Regisseur Jaco Van Dormael ist zweifelsohne als Ausnahmewerk zu bezeichnen:  er fokussiert sich auf das Leben einer einzelnen, uns unbekannten Person, und begleitet diese in erzählerischer Hinsicht vom Kinderbett bis zum Sarg. So wird auf der Grundlage von insgesamt drei verschiedenen Zeitebenen erzählt: die eine umfasst die frühe Kindheit von Thomas, die andere sein späteres Leben als Erwachsener, und die dritte zeigt einen nunmehr merklich gealterten Protagonisten im Rentenalter. Dieser fungiert quasi als nicht zur Ruhe kommender Haupterzähler im hier und jetzt. Der Film wirkt beinahe hypnotisch ob seiner erzählerischen Kraft und etablierten Atmosphäre – die stets zwischen einer gewissen Bedrohlichkeit und einer kindlichen Behaglichkeit schwankt. Dies schafft er trotz, oder eben gerade wegen der eingesetzten Stilmittel – so wirken die Schnitte und Wechsel zwischen verschiedenen Schauplätzen einstweilen sehr schnell und abrupt. Doch was dem Regisseur hierbei stets gelingt ist gleichzeitig ein wichtiger Aspekt für das Funktionieren eines solch episch angelegten Dramas: die Übersicht geht niemals verloren; der rote Faden wird sinngemäß weiter gesponnen.

Hierbei wird auch zwischen verschiedenen Realitäts- und Traumebenen gewechselt – dies unterstützt den stellenweise gar leicht surreal wirkenden Stil des Films. So träumt bereits der junge Toto von einer Karriere als Held (Stichwort: Filmtitel), welcher seinen Vater als einziger vor finsteren Mächten erretten könnte. Diese Traumsequenzen sind im Vergleich zum restlichen Film sowohl in optischer als auch stilistischer Hinsicht angenehm anders realisiert worden. Ausserdem gibt es einige Momente, in denen der Zuschauer gewisse Handlungen nur theoretisch vorgespielt bekommt – diese Geschehen nicht wirklich, sondern ausschließlich im Kopf des nun gealterten Toto’s. Gerade hier finden sich zahlreiche Aha-Momente und eine allgemeine Spannung wieder, die sich aber auch sonst durch den gesamten Film ziehen. Denn die dargebotene Geschichte ist interessant und mitreißend; man hat das Gefühl dass man keine Sekunde verpassen möchte. Nach und nach werden immer mehr erzählerische Details offenbart – das Hauptaugenmerk wird jedoch klar auf Toto / Thomas, seine Familiensituation, und auch seine Rachegedanken gelegt. Alle einzelnen Ebenen des Films passen hierbei stets perfekt zueinander, und ergänzen sich folgerichtig. Nebengeschichten wie die von Evelyn, von der Thomas glaubt, dass es sich bei ihr um seine verlorene Schwester handeln muss – oder die herzerwärmende Bezugnahme auf seinen behinderten Bruder, den er hin und wieder besucht – werden nahtlos zu einem stimmigen Gesamtbild verflochten.

Es ist einfach unglaublich, was mit diesem Film auf die Beine gestellt wurde. Es handelt sich hierbei nicht nur um ein Drama, sondern um pure Poesie. Das Porträt von Toto’s Leben ist eine Hommage an die Kindheit und das Leben selbst – untermalt von zahlreichen Verweisen und Seitenhieben auf die Gesellschaft, auf gewisse Erwartungshaltungen, auf Neid und zwischenmenschliche Beziehungen. Dass der Film hierbei einen großen erzählerischen Zeitraum behandelt – Das Leben einer Person von der Wiege bis zur Bahre – macht ihn nur noch größer, wirkungsvoller; und auch melancholischer. So kann man den Charakter von Toto / Thomas nicht immer wirklich durchschauen, seine Gedanken und Beweggründe gilt es, stets zu hinterfragen. Dabei wird dem Zuschauer viel Raum gelassen – dies macht Toto Der Held zu einem der wenigen Filme, der es schafft, einen wirklich großen Bogen zu spannen – von den Details einer interessanten Biografie hin zu einer gar universellen Bedeutung.

Der technische Part ist ebenso exzellent. So laufen die Bilder der verschiedenen Ebenen nur geschmeidig ineinander, die Schnitte sind zwar schnell und abrupt; aber niemals verwirrend oder störend. Die Optik wirkt unterstützend – so sind beispielsweise die verschiedenen Zeitebenen in gänzlich differente Farbtöne unterteilt, und auch die jeweiligen Traumsequenzen unterscheiden sich stark. Die Kameraperspektiven sind weise gewählt (mal sind es kindliche Perspektiven, mal erwachsene) und abwechslungsreich. Hinzu kommt ein sehr guter Soundtrack – die Musik wirkt sehr emotional und wirkungsvoll. Das heitere Musikstück aus Toto’s früher Kindheit zieht sich durch den gesamten Film, und folgt damit auch dem roten Faden (des Lebens). Die Darsteller liefern die mitunter besten Leistungen ab, die es in den 90er Jahren m Filmbereich zu sehen gab – und das ist nicht übertrieben dahergesagt. Der junge Thomas Godet als Toto ist ein echtes Talent; vermag er es viel über die Augen zu erzählen. Sandrine Blancke spielt die (bedeutungsvolle) junge Alice mehr als überzeugend, Klaus Schindler als Toto’s Vater versprüht einen ganz eigenen Charme; und ganz besonders auch Michel Bouquet als der gealterte Toto wirkt absolut authentisch in seinem Spiel. Doch die Liste ist lang – kurzum, ich bin wirklich beeindruckt von diesen schauspielerischen Leistungen.

Fazit: Letztendlich hinterlässt der Film einige Fragen, vor allem in Bezug auf die Beziehung von Thomas und Alice, beziehungsweise im späteren Verlauf dann Evelyn. Toto der Held ist wahrlich keine leichte Kost – und das ist auch gut so. Er strotzt nur so vor einer ganz eigenen Philosophie, filmischer Intelligenz und Atmosphäre. Das Ende des Films schließt den Kreis des Lebens – und rundet das Ganze perfekt ab. Wie wird man sich nach diesem Film fühlen – nachdenklich, melancholisch, beschwingt ? Ich vermute, es wird ein wenig von allem sein. Ganz großes Kino aus dem Jahre 1991 – danke Jaco Van Dormael, danke an alle Beteiligten.

Der Link zum Trailer.

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