Filmkritik: „800 Bullets“ (2002)

Originaltitel: 800 Balas
Regisseur:
Álex De La Iglesia
Mit: /
Laufzeit:
124 Minuten
Land:
Spanien
Genre:
Drama / Komödie

Inhalt: Inmitten der staubigen Wüste von Almeria, Spanien: der kauzig wirkende Julián (Sancho Gracia) ist ein ehemaliger Stuntman. Wie er selbst behauptet, ein sehr erfolgreicher ! Was er heutzutage und im Rentenalter beruflich macht, hat zumindest noch eine gewisse Ähnlichkeit mit seinem alten Beruf: er ist der selbsternannte Chef einer kleinen Schauspieltruppe, die Tag für Tag versucht, das Leben im ehemaligen wilden Westen möglichst authentisch zu inszenieren. Die Frage ist oft nur, für wen – denn allzu viele Zuschauer verirren sich nicht in die abgelegene Gegend. Eines Tages jedoch erhält er unerwarteten Besuch von einem Jungen namens Carlos (Luis Castro) – dem Enkel von Julián, der eigentlich fernab bei seiner Mutter wohnt. Doch nach all den Jahren fühlt sich dieser endlich bereit, die Wahrheit hinter dem Tod seines Vaters zu erfahren – seine Mutter verschweigt sie ihm nach wie vor. Doch auch sein Großvater ist nicht sonderlich begeistert von Carlos‘ Erscheinen…

Kritik: Nun, dass ein derart frischer (Western-)Wind dieser Tage aus Spanien wehen würde, hätte wohl niemand wirklich erwartet. Doch 800 Bullets ist ein Film, der es sich einmal mehr zum Vorsatz macht, gute Unterhaltung zu präsentieren. Und die beginnt ab der allerersten Minute, denn auch das Intro ist Western-stilecht und atmosphärisch gehalten. Das besondere ist sicherlich, dass der Film im Grunde auf dem Leben von Carlos aufbaut – und sich nach und nach weitere Familiengeheimnisse auftun. Eben nur, weil er es so will – spätestens, nachdem er beim Umzug ein Foto von seinem Vater entdeckt. Er durfte nie erfahren, was mit ihm geschah – doch er weiss, dass sich sein Großvater nun in seiner Reichweite aufhalten würde. Man kann also durchaus von zwei verschiedenen Erzählebenen sprechen, die im weiteren Filmverlauf miteinander verschmelzen: der aktuellen, jetzigen Welt von Carlos und seiner Familie, und der offenbar stehengebliebenen von seinem Großvater in der Westernstadt.

Es handelt sich wirklich um eine... bunte Filmtruppe in 800 Bullets

Denn Julián Torralba und seine Kumpanen haben sich hier einen beinahe autonomen Lebensraum geschaffen. Im Rahmen der groß angelegten Westernshows wird sich ganz und gar dem rauen Leben der Cowboys und Revolverhelden hingegeben – auch, wenn die wenigen Zuschauer längst wieder von Dannen gezogen sind. Bereits hier wird der ernste Unterton von 800 Bullets deutlich, während der Film generell eine positive, energiegeladene Stimmung verbreitet. Doch diese Aussätzigen, wenn man sie einmal so bezeichnet, sind nicht ohne Grund hier – aus verschiedensten Gründen können oder wollen sie nicht mehr am normalen gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Ein recht interessantes und auch ambivalentes Setting also, auf dem diese Geschichte aufbaut.

Irgendwann fragt sich natürlich auch Carlos‘ Mutter, wo ihr Junge denn nun abgeblieben ist. Schnell wird die (eigentlich eingefrorene) Verbindung zum Großvater hergestellt, und es werden Gründe aufgezeigt, warum die Mutter so eisig zu ihm ist. Wenn es nach ihr ginge, würde sie die Westernstadt dem Erdboden gleichmachen – und das ist nicht nur so dahergesagt, denn ein Bauprojekt ist längst geplant. Doch Julián, seine Truppe – aber nun eben auch Carlos – würden dies niemals zulassen. Welche Werte verbinden die Protagonisten also im innersten; und wofür lohnt es sich immer, zu kämpfen ? Das sind durchaus spannende Fragen in Bezug auf die Geschichte der Charaktere, diese werden stimmig verpackt in einer aufwühlenden Familiengeschichte. Doch dazu gibt es noch eine gute Portion Action, Spannung, Dramatik, und: Witz. 800 Bullets hat von allem etwas anzubieten – es wird mit Sicherheit nicht langweilig.

Offenbar legt Regisseur Alex De La Iglesia eine enorme Unkonventionalität und Unabhängigkeit an den Tag, wenn es um das Filmemachen geht. Das Ergebnis ist ein entsprechend unterhaltsames, und wohl unvergleichliches. Der technische Part hat passenderweise die gleiche Qualität wie der Inhalt. Der Wechsel von der Moderne in die Westernstadt fällt absolut stimmig aus – hier passt sich auch die Optik an. Die Kameraführung wirkt originell, und die Szenenwahl abwechslungsreich. Der Soundtrack klingt aufregend anders und ungewöhnlich; dabei aber stets passend in Anbetracht des schrägen Western-Settings. Die Darsteller verdienen allesamt höchstes Lob – ganz besonders die tragischen Westernhelden spielen so glaubwürdig, dass man glaubt sie führen tatsächlich ein solches Leben.

Fazit: Und warum keine Höchstwertung ? Es ist fast schon eine kleine Schande. Denn alles hätte so perfekt sein können – wäre da nicht das unpassende Ende. Unpassend, weil es sehr Hollywood-lastig wirkt. Hier hat – zum Glück das einzige Mal – die Ägide des Mainstreams zugeschlagen. Warum nicht ein offene(re)s Ende, ein mutigeres Ende ? Doch der Film bleibt eine absolute Empfehlung.


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5 Gedanken zu “Filmkritik: „800 Bullets“ (2002)

  1. Was für eine Bewertung, besser geht’s doch bei dir fast gar nicht. ^^ Nun, der Schluss…der komplette Film nimmt sich nicht wirklich ernst, warum sollte es das Ende tun? ^^ Die Bettsequenz mit dem Betthasen und dem Jungen…ich liebe so einen Anarcho-Humor den sich diese Sesselfurzer in Ländern wie unserem oder ganz besonders das gelobte Land America the Brave nicht zutrauen und jeden Scheissdreck tabuisieren. Hut ab Señor De La Iglesia, ich liebe Ihren makaberen Humor!

    Dir, lieber Oliver, kann ich empfehlen dir weitere Filme dieses Regisseurs anzusehen (wenn nicht schon geschehen) – da du ja in einem anderen Thema schon angesprochen hattest was man dir empfehlen könnte.
    – El día de la bestia (Kult)
    – Perdita Durango (mehr im Tarantino/Rodriguez Roadmovie Stil)
    – La comunidad (auch herrlich schräg)
    – Crimen ferpecto (etwas anspruchsloser als die anderen Filme, aber dennoch recht schräg^^)

    Natürlich auch die „Torrente-Reihe“ von und mit Santiago Segura, der den übergewichtigen bärtigen Heavy Metal Freak in „El día de la bestia“ mimt.^^

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