Die „Bedürfnispyramide“ In Eigeninterpretation

Natürlich, natürlich; es geht nicht nur ums Geld. Zumindest nicht im Großen und Ganzen, und überhaupt ist Geld nur ein allzu materielles Gut. Aber, gesetzt dem Fall man lebt in Deutschland, in diesem (generell) reichen Land in dem niemand durch das soziale Auffangnetz fällt (es sei denn, man verschuldet es selbst); wie lebt es sich denn da mit einem gewissen (Minimal-)Betrag ?

Ich grüße alle Leser, und entschuldige mich; dass ich sogleich in der Mitte der sogenannten Bedürfnispyramide eingestiegen bin. Dabei sind die grundlegenden Bedürfnisse doch ganz andere… ! Doch dazu gleich mehr. Zu allererst: ich möchte hier keinerlei Studie über ein bestmögliches oder möglichst sinnvolles Auskommen mit einem bestimmten monatlichen Geldbetrag verfassen. Ich möchte lediglich eine einzelne Situation – in diesem Fall die meinige – kurz schildern. Warum ich das (öffentlich) mache, weiss ich nicht so genau – vielleicht auch nur, um sie mir selbst noch einmal zu vergegenwärtigen. In der Tat beträgt mein monatliches Einkommen derzeit exakt 285,- Euro. Dies ist kein offizielles Gehalt, sondern ein sogenanntes Taschengeld, welches für die Ableistung eines FSJ (freiwilliges soziales Jahr) gezahlt wird (Beitrag siehe hier). Damit liege ich also recht genau bei dem Satz, den ich in meiner derzeitigen (Lebens-)Situation auch von der Bundesagentur erhalten würde – ca. 80 % des regulären Hartz-4-Satzes. Der wohl markanteste Unterschied: ich arbeite, und zwar in Vollzeit. Merkwürdig, sagen Sie ? Nun ja, aber dies ist nun einmal eines der… Begleiterscheinungen eines FSJ. Folgende weitere Merkmale erfüllt meine jetzige Situation (welche ich mal weniger gut, mal erträglich, mal als positiv empfinde):

  • Ich arbeite in für besagte 285,- Euro in Vollzeit, bin daher offiziell nicht arbeitssuchend (zur Zeit)
  • Ich bin 25 Jahre alt und lebe noch bei meinen Eltern (mit einem jüngeren Bruder)
  • Ich zahle keine Abgaben für Miete, Strom, Wasser, Nahrung; kurz: die Grundversorgung

Also, in diesem Falle müsste ein „Taschengeld“ von 285,- Euro doch locker ausreichen, oder ? Doch einen Moment, es gibt auch bei mir einige wenige Fixkosten, die je nach Position in der Liste an „Freiwilligkeit“ zunehmen:

  1. Eine monatliche Rate von 50,- Euro muss an die Krankenkasse bezahlt werden („Altlast“ – siehe hier)
  2. Monatliche Kontoführungsgebühren von ca. 5,- Euro sind zu erwarten (trotz minimalen Bewegungen und geringem Einkommen)
  3. Entweder Bus- oder Benzinkosten für Roller (stark wetterabhängig) oder Auto (das meiner Mutter) – ca. 30 Euro im Monat
  4. Eine Zuzahlungsgebühr von ca. 15,- Euro für Internet (halbwegs freiwillig – aber wer möchte heutzutage schon „offline“ sein ?)
  5. Eine Gebühr von ca. 17,- Euro geht an eine Fitnesstudiokette (da sollte ich ruhig mal wieder öfter aufschlagen damit es sich rechnet)
  6. Ich bin Raucher (hüst), wählte aber eine günstige Variante des Inhalierens. Dennoch: insgesamt ca. 45,- Euro im Monat Kosten.
  7. Für die (vergleichsweise) harmlose „Droge“ Kaffee berechne ich 5,- Euro

Das Ergebnis dieser Rechnung ist leicht fragwürdig, zumindest für mich – da ich eben keinerlei Ausgaben für Lebensmittel o.ä. habe ! Nebenbei: klamottentechnisch wird günstig (aber gut) auf Ebay eingekauft (sowie auch vieles andere), mein PC stammt aus besseren Tagen, Fernseher und Co. sind von gestern – aber es reicht. Auch gehe ich längst nicht mehr „aus“, trinke keinen Alkohol; und dennoch habe ich lediglich 118,- Euro zu meiner freien Verfügung. Und wer jetzt sagt, ich solle doch mit dem Rauchen aufhören, gibt sich leider der Scheinheiligkeit hin: auch das macht den Braten nicht fett. Im Gegenteil, dafür dass ich 39 Stunden die Woche arbeite, erübrigt sich eigentlich eine jede Rechnung. Ein eigenes Auto ? Pustekuchen. Einen Ausflug machen – wann und wovon ? Ins Kino gehen – vielleicht, aber dann bitte nicht in 3D und mit Popcorn. ein Abendessen – in der Dönerbude, ja. Ins Casino gehen, Lotto spielen oder das Geld auch noch in irgendeiner Form riskieren ? So schizophren es sich anhört: tatsächlich ist man gerade in so einer Situation schnell (oder: eher) dazu geneigt.

Es bleibt dabei: Geld allein macht nicht glücklich. Doch ist dieser Spruch ohnehin wenig(er) sinnvoll, wenn man sich an der sogenannten „Bedürfnispyramide“ orientiert. Denn diese besagt, dass – gesetzt die Grundvoraussetzungen zum Leben sind erfüllt – man stetig weiter nach „oben“ aufsteigen möchte. Die absoluten Grundbedürfnisse sind de facto:

  • die Luft zum Atmen.
  • die Flüssigkeit und die Nahrung zum Überleben.

Danach kann man schon ein wenig spezifischer werden und sagen, dass:

  • ein Raum zum Leben und zum Rückzug (Schlafplatz) gegeben sein muss; man nenne es sein „Zuhause“.

Danach folgt meiner Meinung nach die:

  • allgemeine Gesundheit.

Ein Punkt, bei dem es auch in Deutschland schon reichlich hapern könnte. Schließlich gibt es genug Leute die körperlich nicht gerade unversehrt sind, doch ganz besonders die oftmals nicht angesprochene psychische Labilität gewinnt immer mehr an Bedeutung. Und jetzt folgt die Phase, in der ich selbst gerade noch (oder wieder) mitten drin stecke – da ich die anderen alle halbwegs „erfüllen“ kann. Manchmal rutscht man vielleicht auch wieder ein Stück weit in die gesundheitliche Bedürfnis-Phase ab, aber: man möchte / sollte seinen…

  • Lebensunterhalt mit eigenen Händen erwirtschaften (Alternative derzeit in Deutschland: Hartz-4). Folge:
  • zur Verfügung stehendes Geld soll für Grundversorgung ausgegeben werden, ein Teil aber auch frei verfügbar sein

Hiernach folgt dann meist:

  • Gründen einer eigenen Familie, das Finden eines Lebenspartners; und irgendwann vielleicht…
  • Das „Zurückgeben“ des Erreichten an andere (Hilfestellung, soziales Engagement).

Wir hier in Deutschland haben also einen Vorteil, beziehungsweise im Regelfall einen Start direkt in die Eigenständigkeit, zumeist die Arbeits- und / oder Partnersuche. Denn: wir alle haben ein Dach über dem Kopf, keiner muss Hunger leiden, niemand verdurstet, viele Menschen sind kerngesund. Und eben dies sieht in anderen Ländern schon wieder ganz, ganz anders aus. Wohlgemerkt, ich verhehle nicht, dass es auch in Deutschland Situationen und Fälle gibt, die nicht einmal diese minimalen (Lebens-)Vorraussetzungen erfüllen. Doch im Großen und Ganzen heisst es wohl: unser Schicksal liegt in unseren Händen. Zu einem nicht unerheblichen Teil zumindest. Dies erklärt allerdings immer noch nicht, wieso dennoch so viele Existenzen grundlegend (!) scheitern, auf diesem eigentlich vielversprechenden Wege. Es mag daran liegen, dass es der schwierigste Schritt ist, aus einer vermeintlich guten Ausgangssituation sich das erste Mal in einen richtigen Kampf zu stürzen – dem Kampf um eine berufliche Zukunft. Auf der anderen Seite macht es die immer heuchlerisch werdende Gesellschaft nicht leichter, überhaupt und vernünftig Fuss fassen zu können.

Und, einen letzten Punkt: irgendwie muss all dies ja auch noch einen sogenannten weiterführenden Sinn haben. Sind wir einfach nur zu „verwöhnt“, dass wir uns diese Frage überhaupt stellen können / müssen, weil wir nicht mehr in einem Kampf um unser Überleben befinden ? Ich behaupte: nein. Wir sollten uns unserer Position gewahr werden, und diese akzeptieren. Schön, dass es Menschen gibt, die ihren Seelenfrieden schlicht und einfach in der Religion, in der Arbeit oder in der Partnerschaft finden können. Doch, es gibt wie immer auch noch andere; denen all dies nicht reicht.

Darf ich mich nun also erneut vorstellen… ? Ich bin einer von eben erwähnten anderen. Deshalb geht für mich der Kampf – tagtäglich, und mitunter auch auf diesem Blog als eigens errichtete Arena – weiter. Nur ist dies kein allzu martialischer Kampf, sondern eher ein geistiger; der im besten Falle zu irgendeinem Ergebnis kommen wird. Jedoch – um zu siegen, müsste ich mich selbst besiegen. Verlieren würde ich, wenn ich mich selbst aufgeben würde. Was also bleibt… ? Eine spannende Frage.

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