Filmkritik: „Unbesiegbar“ (2001)

Originaltitel: Invincible
Regisseur:
Werner Herzog
Mit: /
Laufzeit:
133 Minuten
Land:
Großbritannien / Deutschland / USA / Irland
Genre:
Drama

Inhalt: Nein; dies ist keine Rezension zu Disney’s Unbesiegbar – Der Traum Seines Lebens mit einem (zumindest frisurtechnisch) auf aalglatt getrimmten Mark Wahlberg, hier geht es eher um einen echten Herzog, und folglich fast automatisch um höchste filmische Qualität. Besagter Filmemacher Werner Herzog schafft ein wehmütiges, vielschichtiges Porträt eines muskulösen Juden in den Zeiten der Machtergreifung Hitlers. Irgendwo in der polnischen Landschaft sehen wir erstmals Zishe Breitbart (Jouko Ahola), den kräftigen Juden, der bei seiner recht großen Familie lebt. Eigentlich geht er dem Beruf des Schmieds nach, wie es ihn sein stolzer Vater Yitzak Breitbart (Gary Bart) gelehrt hat. Doch selbst für einen Schmied ist sein Körperbau unglaublich muskulös, weshalb er eines Tages auch die Aufmerksamkeit von Alfred Landwehr (Gustav-Peter Wöhler) erregt. Dieser lädt Zishe prompt nach Berlin ein, wo sich die Leute in Zeiten politischer Krisen nach Sensationen und spezieller Unterhaltung sehnen. Sein neuer Chef wird der mysteriös erscheinende Jan Erik Hanussen (Tim Roth), der große Pläne mit Zishe zu haben scheint. Er lässt Zishe die Identität eines echten Ariers und Helden einnehmen, zumindest auf der Bühne – und dass, obwohl er weiss, dass Zishe Jude ist. Doch nicht nur Jan Erik Hanussen könnte durch seinen neuen „Helden“ Probleme bekommen, auch Zishe selbst beginnt immer mehr zu zweifeln. Als ihn sein jüngerer Bruder Benjamin (Jacob Wein) besucht, stellt dieser ebenfalls fest, dass Zishe sich verändert hat – und das augenscheinlich nicht zum positiven.

Unbesiegbar bietet zweifelsohne eine etwas… andere Ansicht auf die Ereignisse in den 1930’er Jahren in Deutschland. Wichtig hierbei ist die zeitliche Einordnung des Geschehens, hauptsächlich spielt der Film im Jahre 1932, also einem Jahr vor der endgültigen Machtergreifung Hitlers. Als Mittelpunkt der Erzählung dienst jedoch kein Angehöriger der NSDAP, sondern ein Jude, der sich auf der Suche befindet – nach einem bestmöglichen Einsatz seiner enormen Kraft, und auch sich selbst. So ist der Film gefühlt in zwei Hälften einzuteilen, welche vielleicht auch auf die politische Stimmung zu reflektieren ist („es muss etwas passieren in Deutschland“ – und später dann die ersten Zweifel). Zu Beginn scheint alles glattzugehen für Zishe, bis zu dem Zeitpunkt, an dem er seine auferlegte Maskerade ablegt und Stolz auf das ist, was er ist – ein Jude. Das Problem: die NSDAP-Mitglieder als Zuschauer im Saal haben durch die indoktrinierte Hasspropaganda natürlich ihre Probleme mit solch einer Form des nicht-arischen Stolzes. Im Falle von Zishe wird dies noch zusätzlich deutlich gemacht durch die körperliche Erscheinung: ja, wie könnte ein Jude stärker sein als ein Deutscher ? Eines Tages werden sogar Himmler und Goebbels persönlich in „Hanussens Palast des Okkulten“ als Zuschauer geladen… Spannungen sind vorprogrammiert.

Sicherlich ist das Porträt von Zishe Breitbart das außergewöhnlichste und einprägsamste Element dieses Films. Wenn man so will, könnte man sogar von einer Art „Coming-Of-Age“ Geschichte sprechen, obwohl der Protagonist bereits erwachsen ist. Doch seine Reise ins brodelnde Deutschland gleicht einer Odyssee durch die nun zwanghafte Selbstkonfrontation und -Reflexion: Zishe, der ohne größere Probleme aufwuchs und durch die traditionelle Lebensweise und den dörflichen Familienzusammenhalt so etwas wie eine gewisse naive Denkweise entwickelt hat, stösst nun zum ersten Mal in seinem Leben auf echten Widerstand; auf das Böse. In Form des zwielichtigen Jan Erik Hanussen nämlich, der ebenso wie Zishe ein zu dieser Zeit eigentlich unaussprechliches Geheimnis hat. Herzog vermag es in Unbesiegbar, weniger auf politische Elemente als auf eine merklich emotionale Ebene zurückzugreifen: der Film strotzt nur so vor feinen Details, allerlei Seitenhieben und einer großen Portion Gefühl. Dass er hierbei zu manchen Zeitpunkten leicht in den Bereich des Kitsches abzudriften scheint, sei verschmerzt – denn neben der beinahe schon obligatorischen Liebelei zwischen Zishe und einer jungen Dame (beziehungsweise eher dem damit verbundenen Gefühlsleben Zishe’s, als erste richtige „positive“ Erfahrung in Deutschland) schafft er es, eine unglaubliche Bandbreite an Gefühlen und Emotionen in Szenen zu verpacken. Eben ohne Effekthascherei, oder das generell ein großes Aufheben darum gemacht wird.

Der technische Part präsentiert sich auf höchstem Niveau, sowie auch der Aufwand der in die Produktion gesteckt wurde. Ein wenig verhalten kommt eventuell die allgemeine Optik daher, die wenig markante Fixpunkte oder ausgefeilte Spiele mit Licht und Farben zu bieten hat. Doch besonders die Szenen im Palast kommen authentisch und stilistisch versiert daher: seien es die Kostüme oder aber die passende Musik, man ist in die 1930er Jahre zurückversetzt. Schauspielerisch glänzt vor allem Tim Roth als Hypnose-Künstler mit in diesen Zeiten gefährlichem Hintergrund, Jouko Ahola als Hauptprotagonist ist dagegen schwerer zu beurteilen. Schließlich wirkt es einstweilen, als sei er ein Fels (nicht nur wegen seines Bodybuilder-Körpers) und dementsprechend emotionslos in seinem Spiel – schwer zu sagen, ob dies nur von der Rolle abhängt, oder ob es einfach die fehlende schauspielerische Erfahrung ist. In jedem Fall geht das Konzept auf: Zische wirkt stets ein klein wenig naiv, doch in ihm steckt ein ausgeprägtes Recht-Unrecht-Bewusstsein (welches sich später erst entwickelt), und ein Hang zu familiären Zusammenhalt. Udo Kier ist ohnehin einer meiner geschätztesten deutschen Darsteller, umso überraschter und freudiger war ich, als ich ihn in hier einer kleinen Rolle sah. Diese ist sogar ein kleines Highlight des Films – ich spreche von seinem Dialog mit dem Polizeichef auf einem Boot. Dann gibt es da noch Jacob Wein, der Banjamin spielt. Diese Rolle ist keinesfalls zu unterschätzen, obwohl sie nicht explizit weiter ausgeführt wird. Er gilt als der „Lieblings-Bruder“ von Zishe, und scheint einige spezielle Talente zu besitzen – hauptsächlich in Bezug auf seine Entwicklung, schließlich ist er erst neun Jahre als und geistig offensichtlich schon sehr weit. Eine spezielle Bedeutung erhält folglich die Szene, in der er Zishe unter Tränen schildert, dass er ihn nicht mehr erkennen könne – eine weitere, sehr emotionale Szene des Films.

Fazit: Der Film bietet einiges an Spannung, und hält sogar noch die ein oder andere Überraschung bereit. Handwerklich gut gemacht, bietet die Geschichte eine poetisch-melancholische Sichtweise auf einen besonderen Lebensweg einer Person in den Wirren des zweiten Weltkrieges, beziehungsweise unmittelbar davor. Herzog liefert hier ein kleines, ungewöhnliches (und in jedem Falle sehenswertes) Meisterwerk ab.

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