Filmkritik: „Uhrwerk Orange“ (1971)

Originaltitel: Clockwork Orange
Regisseur:
Stanley Kubrick
Mit:
Malcolm McDowell
Laufzeit: 136 Minuten
Land:
USA / Großbritannien
Genre:
Drama

Inhalt: Das allseits bekannte Werk von TOP-Regisseur Stanley Kubrick befasst sich mit dem bewegten Leben von Alexander DeLarge (Malcolm McDowell) und seinen 3 Droogs (Filmsprache für Kumpels). Am liebsten versammeln sie sich in der Korova Milchbar, um sich dort auf ihre nächsten (Un-)Taten vorzubereiten, bei allerlei merkwürdigem und Laune-machendem Gebräu. Was zuerst noch relativ harmlos aussieht, entpuppt sich schnell als Vorbereitung auf wahre Sex- und Gewaltorgien, die die merkwürdige Gruppe stets gemeinsam zelebrieren. Eines Tages wird Alex vorausgeschickt um bei der sogenannten Katzen-Dame (Miriam Karlin) einzubrechen – während seine Droogs draussen vor der Tür warten. Aus irgendeinem Grund jedoch verraten sie ihren ehemaligen Kumpel und geistigen Anführer, und so kommt es dass er ins städtische Kittchen wandert. Nach beinahe zwei Jahren in guter Führung werden die Gespräche um ein neuartiges Projekt seitens der Regierung laut, welches Straftäter wieder erfolgreich resozialisieren soll. Es handelt sich um ein Angebot, welches wohl niemand so schnell abschlagen würde: statt der angesetzten 12 Jahre würde Alex nur noch 2 Wochen in Haft verbringen müssen. Nur eines bleibt ungewiss: der Preis, den er dafür zahlen muss.

Kritik: Bis zum heutigen Tage werden unzählige Menschen diesen Film gesehen (und auch rezensiert) haben, soviel steht fest. Schließlich handelt es sich bei Uhrwerk Orange um einen Klassiker in vielerlei Hinsicht. Zum einen wird der Film als das ausschlaggebende Werk in Bezug auf den Gehalt der Gesellschaftskritik angesehen, und zum anderen ist es schlicht und einfach die Marke Kubrick, die zu einer gewissen Gänsehaut führt. Sicherlich werden sich die Meinungen und Ansichten zum Film ein wenig geändert haben – schließlich stammt er aus dem Jahre 1971, wo eine derartige Form der Kritik noch anders aufgenommen wurde. Aber, und das war mit Sicherheit auch Kubrick’s Intention: es ist ein ganz und gar zeitloser Film, der auch heute noch eine absolute Relevanz besitzt. Das Thema der „Resozialisierung“ (mithilfe gewisser, vielleicht ebenso fragwürdiger Maßnahmen) ist aktueller denn je, und das wird es auch bleiben.

Das erste Drittel des Films ist noch schnell zusammenfassbar: was wir hier als Zuschauer zu sehen bekommen gleicht am ehesten einer grotesken, perversen Oper – bei der gleichzeitig getanzt und munter gesungen wird, aber eben auch vergewaltigt und gemordet. Musikalisch wird das Ganze von klassischer Musik, sodass ein Eindruck von einer recht eigentümlichen Kunstform entsteht. Eine gewagte sicherlich auch – denn einige Szenen kommen (besonders für damalige Verhältnis) sehr explizit daher. Doch sobald man erst einmal die zweite Hälfte des Films erreicht hat, so wird man verstehen, warum Kubrick mit einer solchen Akribie das sogenannte Alltagsleben der Protagonisten zeigte. Es geht um eine Wandlung vom Saulus zum Paulus – und um das Staats- und Gesellschaftssystem, welches einen erheblichen Einfluss auf diese künstlich-kontrollierte Wandlung hat. Natürlich wird es auch schonungslos moralisch, wobei diesen Fragen direkt an den Zuschauer weitergeleitet werden: was bringt (junge) Menschen dazu, gewalttätig zu werden und gegen das System zu rebellieren ? Wie sieht nach einer möglicherweise heftigen Straftat eine angemessene Bestrafung aus ? Und, ist ein in Film-Sinne geläuterter Mensch noch ein Individuum, oder nur noch eine lenkbare Marionette ?

Gestatten ? Trinken Sie doch einen Schluck mit uns in der Korova Milchbar…

Diese Fragen sind über die gesamte Spieldauer verteilt und werden immer wieder auftauchen. Interessant ist sicherlich, dass Kubrick hierbei keinen großen Fokus auf die Entstehungsgeschichte der hiesigen Gewalt gelegt hat, sondern gleich mitten im Geschehen begonnen hat. Dies führt zu einem kleinen Gefühl des Kontext-Vermissens, wenngleich dieses nicht allzu schwer wiegt. Schließlich muss man irgendwo beginnen – und die Prämissen halten sich in diesem Fall noch in Grenzen. Die Frage nach dem warum wird jedenfalls im Raum stehen bleiben, warum und wie können Menschen zu allgemeinen Grausamkeiten fähig sein ? Doch es scheint, der Film ist eine Reflexion der Realität: wer nur einen spezifischen Grund als ausschlaggebende Ursache sucht, der wird zwar etwas finden – aber das ist oftmals noch nicht einmal die halbe Wahrheit. Von daher ist diese interpretatorische Zurückhaltung vielleicht gerade doch positiv anzurechnen. Die Dialoge sind eine Sache für sich: sie sind absolut einzigartig, nicht zuletzt aufgrund der speziellen Jugendsprache, die hier Verwendung findet. Und irgendwie denkt man sich (besonders in der ersten Hälfte) ständig: irgendwie ist alles so merkwürdig… aber doch merklich anders im Sinne eines Films !

Später wird der Haupt-Fokus dann auf die dubiose Verwandlung von Alex gelegt, welche unter Verwendung einer extrem umstrittenen Methode verwirklicht wird. Kann die Wissenschaft es wirklich schaffen, Menschen derart zu verändern, und selbst wenn; ist es dann noch richtig und im Sinne der Menschenwürde (selbst wenn besagte Menschen sich freiwillig melden) ? Eine Frage, die so auch noch heute eine absolute Präsenz in den Köpfen der Menschen besitzt – wenn auch in etwas abgewandelter Form. Denn in Uhrwerk Orange wird noch eher mit einer Art Holzhammer-Methode vorgegangen (der sogenannten „Bildschirmtherapie“), wenngleich heute eher moderne Maßnahmen eingesetzt würden. Doch im Grunde macht das keinen Unterschied: in jedem FAlle bedeutet dies einen Eingriff in die Persönlichkeit eines Menschen, welcher ihn gefügiger, und auch besser im Sinne einer gesellschaftsfähigkeit machen soll. Ein höchst heikles Thema ! Im Falle von Alex jedenfalls scheint die Therapie Wirkung zu zeigen: er ist fortan nicht mehr in Lage, auch nur einer Fliege etwas zuleide zu tun. „Ein Erfolg !“, meinen die Wissenschaftler – „Der Freie Wille wurde manipuliert“ sagt die Kirche – und was sagt Alex ? Eine der zentralen Fragen des Films.

Hat ihm die Regierung also tatsächlich geholfen, oder zumindest seinen Mitmenschen (die ja nun nichts mehr von ihm zu befürchten haben), oder ist Alex nun nichts mehr als ein Instrument der Gesellschaft ?Und könnte diese Methode nicht auch für andere, vielleicht gar nicht straffällig gewordene Menschen in Frage kommen ? Uhrwerk Orange vermag es definitiv, diese grundsätzlichen Fragen in einer ausserordentlich guten Verpackung zu servieren. Die Optik ist auf dem höchsten (wenn nunmehr auch altersgerechten) Niveau, es gibt zahlreiche Szenenaufbauten und abwechslungsreiche Schauplätze, die Erzählweise bleibt spannend, wunderbar dreckig und dynamisch. Sei es die merkwürdig anmutende Jugendsprache der Protagonisten, die Präsenz von Beethoven’s Musik, die Kostüme mit denen sich die Charaktere ankleiden wenn sie auf „große Tour“ gehen – all das sind längst Kult-Aspekte, unmittelbar mit dem Filmtitel Uhrwerk Orange verbunden. Der Soundtrack ist ebenso zeitlos wie der Film selbst, und die Darsteller liefern alle eine schier unglaubliche Leistung ab – allen voran natürlich der Hauptdarsteller Malcolm McDowell.

Fazit: Ein Film, den man einfach gesehen haben muss, gerade weil er als Klassiker firmiert. Und das auch nicht zu Unrecht.

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13 Gedanken zu “Filmkritik: „Uhrwerk Orange“ (1971)

  1. Krass…noch keine Wertung von mir?

    Dann wirds Zeit!

    10/10 (!)

    Vergleichsbild gibts immer noch keins. LOL Aber wenn man bei google „Asa Butterfield“ und „Malcolm McDowell“ zugleich eingibt, stößt man doch auf einige Leute die die Ähnlichkeit auch bemerkt haben. Zitat: „Asa Butterfield – the spitting image of a prepubescent Malcolm McDowell“ 🙂 Wer weiß, vielleicht gibt es ja bald ein Remake von „Uhrwerk Orange“. ^^ Wenn es eins geben soll mit Asa, dann müssten sie spätestens jetzt irgendwann anfangen zu drehen. Mittlerweile ist er 16. Der Charakter von Alex ist im Roman am Anfang der Geschichte 15, im Film allerdings raufgeschraubt auf ca. 17, 18 (gespielt von einem 26jährigen Malcolm McDowell). Theoretisch bliebe also noch Zeit. ^^

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    1. Ganz egal wie gut der ’neue‘ Darsteller wäre… bitte KEIN Remake !^^
      Die KUBRICK-Filme müssen einfach eben solche bleiben. Sonst würde uns früher oder später wohl auch ein Remake von 2001 erwarten… no way 😦

      Wertung ist aufgenommen, denke diese ist berechtigt… habe wohl etwas zu niedrig angesetzt. Schließlich beschäftigt mich der Film noch heute bzw. wirkt er entsprechend nach. Wie ein (nicht durchgehend schönes, aber…) unvergessliches Erlebnis eben 😉

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      1. Ich befürchte früher oder später müssen sich auch die größten Regisseure dem Remakewahns Hollywood beugen. Ich finde es MEISTENS auch nicht gut, aber es gibt hin und wieder interessante Überraschungen. Traurig finde ich es nur, dass die „Originale“ dann oft beim jüngeren Publikum in Vergessenheit geraten bzw. als nicht so „hochwertig“ angesehen werden wie die neuen Produktionen.

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    1. „…youn don’t wanna die, do you? But you will…you will burn in HEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEELL!“
      Epic! ^^

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  2. Nachdem ich den Film jetzt wieder gesehen hab fühle ich mich auch gleich wieder erinnert an die kürzliche „Hart aber Fair“ Sendung, in der eigentlich genau das Thema behandelt wurde, welches Kubrick vor 40 Jahren in dem Film angesprochen hat: Jugendgewalt, Resozialisierung und Manipulation durch den Staat. Im Grunde interessiert auch nicht worin die Gewaltbereitschaft begründet ist, natürlich kann man argumentieren, dass die Gewalt z.B. auf ein rigides, strenges, gar ein „kaputtes“ Elternhaus zurückzuführen ist. Dem ist im Film aber nicht so und ich bin mir sicher, dass dies auch für die Realität zutrifft. Ob Aggressivität und die Bereitschaft zu Gewalttaten auf eine genetische Veranlagung beruhen, darüber streiten sich Wissenschaftler und Ethik auch seit Anbeginn dieser Diskussion. Oft scheint die Gewalt „einfach da“ zu sein und gehen oft einher mit Frustration, Langeweile, die Lust Macht auszuüben oder den Drang zu zerstören.

    Im Grunde sieht man mal wieder was für ein Visionär Kubrick doch war. Die Manipulation des freien Willens wird hier ganz offensichtlich missbraucht und führt den Nutzen einer solchen „Therapie“ ad absurdum, aus dem einfachen Grund, da sich der Mensch aus psychologischer Sicht durch diese nie verändert hat. Alex war und ist immer der alte geblieben, dieses „Kotzgefühl“ wurde nicht dadurch ausgelöst, dass er das was er gesehen oder gefühlt hat als „schlecht“ und „widerwärtig“ empfunden hat, sondern die Manipulation ihn dazu veranlasst hat sich in solchen Situationen schlecht zu fühlen. Kastration des Geistes.

    Nun, manche werden sagen „Gut so, dann wird der nichts mehr anstellen.“. Klar, aber man stelle sich vor jeder Bürger wird so einer Methode unterzogen und die Regierung bestimmt was „gute Gedanken“ und was „böse Gedanken“ sind, da sieht die Sache doch schon etwas anders aus. Eine gute Praktik aus Staatsbürgern willensgebrochenene Zombies zu machen, denen schon beim Versuch nur an etwas negatives zu denken das Kotzen kommt…der nächste Schritt wäre sicherlich noch der „Minority Report“.

    Vergleichsbild…hm…mal bei Gelegenheit eins erstellen. ^^

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  3. Ein Film der die Geister scheidet, aber scheinbar je mehr ich mit dem Film konfrontiert werde, desto besser gefällt er mir. ^^ (irgendwie symptomatisch bei Kubrick-Filmen)

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