Filmkritik: „Millions“ (2004)

Filmtitel: Millions
Regie:
Danny Boyle
Mit:
Alex Etel – Lewis McGibbon – James Nesbitt – Daisy Donovan
Laufzeit: 98 Minuten
Herkunftsland:
Großbritannien
Genre:
Drama

Inhalt: Was würden wohl zwei Jungen machen, wenn sie urplötzlich in den Besitz einer Sporttasche voller Geld gelangen ? Der 7-jährige Damian (Alex Etel) und sein älterer Bruder Anthony (Lewis McGibbon) stehen vor genau dieser Fragestellung. Nachdem der Familie um Vater Ronnie (James Nesbitt) kaum Zeit blieb, sich in ihrem neuen Zuhause in Manchester einzuleben, spielt Damien eher zufällig an einem Bahngleis, an welchem ein Bankräuber eigentlich seinen Partner erwartet hatte… doch nun ist das Geld in den Händen eines unschuldigen Kindes, welches sich nichts böses dabei denkt. Damien beginnt darüber nachzudenken, wie man mit dem Geld möglichst viel Gutes tun könnte – während sein Bruder eher darauf abzielt, das Geld anzulegen. Es lässt sich kaum verhindern, dass ihr Vater eines Tages den merkwürdigen Geldsegen entdeckt – und zusammen mit seiner neuen Freundin Dorothy (Daisy Donovan) beginnen die vier, auf ganz unterschiedliche Art und Weise einen Nutzen aus dem Geld zu ziehen. Das Problem: bald wird die Währungsumstellung von Pfund auf Euro stattfinden, das Geld ist also bald wertlos. Aber nicht nur das: besagter, nicht gerade zimperlich wirkender Bankräuber möchte sein Geld natürlich wiederhaben. Eine spannende Odyssee um einige hunderttausend Pfund, einen Kriminalfall und vier komplett unterschiedliche Protagonisten beginnt.

Kritik: Millions basiert auf einem gleichnamigen Buch von Frank Cottrell Boyce, und erzählt eine zeitlose Geschichte um einen unverhofften Geldsegen und eine besondere Familenkonstellation. Nachdem Damiens Mutter viel zu früh verstorben ist, beginnt er über Gott und die Welt zu sinnieren; und wie man es allgemein einfach besser und gerechter machen könnte – aber nicht nur für ihn selbst, sondern für alle. Als Gegenpol fungiert hierbei sein älterer Bruder, der sich seine Trauer kaum anmerken lässt – und eher materialistisch und eigennützig denkt – scheinbar. Denn auch unter seiner Schale steckt ein weicher Kern. Millions ist ein stimmiges Drama, welches großen Wert auf die Darstellung von besonderen Charakterzügen der Protagonisten legt; und aufzeigt, welche (eventuell schwierigen) Entwicklungen sie durchmachen. So erhalten nicht nur die Kinder als Hauptdarsteller ein bis dato einzigartige Bedeutungs-Schwere für den Verlauf der Geschichte, auch der Weg des Vaters (und sein erstes, zögerliches Kennenlernen einer neuen Frau) erhält einiges an Aufmerksamkeit.


Doch das größte Augenmerk liegt nach wie vor auf Damien, seiner speziellen Sichtweise und sich immer mehr entwickelnden Philosophie. Interessant ist sicherlich, dass viele seine Charakterzüge als kindlich und naiv abstempeln würden – doch tatsächlich bringt er alle Merkmale mit, die einen herzensguten und hilfsbereiten Menschen auszeichnen. Ein mehr als spannendes Porträt, welches wir hier als Zuschauer präsentiert bekommen. Als zusätzlichen Aspekt wird das Thema „Religion“ behandelt – jedoch in einer ausserordentlichen Art und Weise. Nämlich bar einer jeden Konfession oder Institution, die dahinter stehen könnte. Genau das macht den Reiz des Charakters von Damien aus. Er scheint an Gott und den Himmel zu glauben, auch besitzt er ein übermäßiges Verständnis von dem, was gut und was böse ist. Doch man sieht zu keinem Zeitpunkt Menschen, die ihm diese Dinge in den Kopf setzen – er erschafft sich quasi selbst eine kleine Religion; und spricht einstweilen sogar mit Heiligen über die er gelesen hat; beispielsweise wenn sie ihm in seinem Unterschlupf erscheinen. Die Inszenierung unterstützt hierbei den Eindruck, den man von diesem Charakter bekommt: über die gesamte Spieldauer ist die Mischung aus Kindheits-Erzählung, kindlicher Wahrnehmung und reiner Herzenswärme spürbar; sie überträgt sich direkt auf den Zuschauer.


Aber eben auch die andere, eher unschöne Seite; hauptsächlich verkörpert durch den Bankräuber und die nicht immer angenehme Realität. Es wirkt verstörend, diesem grimmig aussehenden Mann dabei zuzusehen, wie er versucht wieder an das Geld heranzukommen – und dementsprechend die Kinder drangsaliert. Sein Geld ? Eben das stimmt nicht, und man bekommt eine mehr als beachtenswerte Sichtweise, wie mit diesem Geld wohl am besten und sinnvollsten umzugehen wäre. Jeder der vier Haupt-Charaktere versucht dies auf seine Art und Weise, und möchte entsprechend bestimmen – doch, Zitat… „Am Ende stellt sich doch heraus, dass es gar nicht ums Geld geht„… sondern vielleicht um weniger materielle Dinge. Besonders deutlich wird dies auch in den Szenen, in denen der Bankräuber die Kinder bedroht; und natürlich in einer der späteren Sequenzen, in denen Damien auf eine gewisse Person trifft. Gut auch, dass sonst so übermäßig porträtierte Aspekte wie Standard-Liebesgeschichten oder Freundschaftsplädoyers eher in den Hintergrund rücken. Die gibt es zwar auch und das ist auch gut so; aber in Millions zählt vor allem eines: familienübergreifender Zusammenhalt (Vater-Freundin-Kinder). Und vielleicht auch ein gewisser Beistand von oben


Ein großes Lob muss auch an die Macher und speziell an Regisseur Danny Boyle ausgesprochen werden. Eine so überzeugende Mischung aus hervorragenden Darstellern (allen voran Alex Etel) und einem technisch perfekten Part in einem Film sieht man selten. James Nesbitt als Vater überzeugt mit seinem ausdrucksstarken Spiel, Pearce Quigley in einer kleinen Nebenrolle als Polizist brilliert mit einem gewissen britischen Humor. Daisy Donovan als weiblicher Part sorgt für ein zusätzliches Maß an Wärme und aufkommender Empathie. Man wird jeden der Charaktere einfach liebgewinnen. Besonders auffällig ist mit Sicherheit auch die allgemeine Optik des Films. Man sieht saftig-knallgrüne Wiesen vor einem wolkenfreien blauen Himmel; die Kamera, die Schnitte und die Übergangseffekte sind besonders hierbei einzigartig. Als besonderen Eyecatcher gibt es eine Szene in der Mitte des Films, in der ein Überfall in markanten Rot-Tönen dargestellt wird. Stichwort Kamera: diese wird endlich mal wieder als das benutzt, zu was sie in der Lage ist: nicht nur zum Erfassen des Geschehens, sondern eben auch als Stilmittel. Als angenehmes: Hektik kommt niemals auf. Stattdessen kann man das Geschehen von eher ungewöhnlichen Perspektiven beobachten. Der Soundtrack rundet das Gesamtpaket perfekt ab: ob Muse, El Bosco oder The Clash; oder aber die komponierten Stücke von John Murphy: alles erscheint passend und stimmig. Und; der Soundtrack ist es auch wert, separat gekauft zu werden.

Fazit: Millions ist wahrlich kein einziger Negativaspekt abzugewinnen, so sehr man auch sucht. Doch zuviel suchen wird man ohnehin nicht, denn spätestens mit der finalen Szene des Films ist man endgültig gefangen und bestenfalls in Gedanken versunken. Alles ist perfekt: die Story ist innovativ, die Charaktere wirken herzlich und wie direkt aus dem Leben gegriffen; die Gesamtwirkung ist eine sehr emotionale. Der technische Part vermag diesen Eindruck nur noch zu untermalen. Millions ist schlichtweg eines der besten Dramen überhaupt. Er ist voll von universellen Botschaften (ergreifend: „was war Dein Wunder… ?„), und generell als Plädoyer für Menschlichkeit zu sehen. Dies alles erzählt aus einer kindlichen Perspektive, sodass man manchmal nicht weiss ob man Schmunzeln (ob der kindlichen Naivität) oder eine Träne vergießen (ob der dargestellten Güte und Herzenswärme) soll. Ganz großes Kino für alte Altersklassen, eine zeitlose Empfehlung.

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