Filmkritik: „Evangelion 2.0 / 2.22″ (2009)

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Originaltitel: Evangerion Shin Gekijôban: Ha
Regie: Hideaki Anno
Mit: /
Land: Japan
Laufzeit: ca. 108 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Science Fiction, Action, Drama
Tags: Evangelion | Sequel | Fortsetzung | Rebuild | Impact

Es geht wieder los.

Inhalt: Nach dem Angriff von Ramiel scheinen die Ressourcen von NERV strapaziert; und nicht zuletzt die Nerven der jungen EVA-Piloten um Shinji. Doch wird der letzten Verteidigungs-Bastion der Menschheit keine Ruhepause gegönnt. Der Wiederaufbau muss vorangehen, während die nächsten Engel schon im Anmarsch sind – wobei sie ihrem Ziel nun immer näher kommen. Doch nicht nur das – Shinji und seine gleichaltrigen Piloten-Freunde werden abermals auf viele harte Proben gestellt, die sie in ihrem Alter eigentlich niemals hätten erleben dürfen. Die Gefahr an ihnen zu zerbrechen scheint jedenfalls groß… und das Schicksal der gesamten Menschheit ungewiss.

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Kritik: Während sich EVANGELION 1.0 (Link) noch vergleichsweise stark an der Originalserie aus den 90ern (Link) orientierte, scheint EVA-Schöpfer Hideaki Anno mit der Fortsetzung EVANGELION 2.0 doch noch gänzlich andere Wege zu gehen. Es ist sicherlich dezent überraschend, aber: der neue REBUILD-Film steigert sich nicht nur hinsichtlich seiner optischen Raffinessen (was zu erwarten war), sondern begeht auch erstmals einen markanten inhaltlichen Bruch. So erlaubt Schöpfer Hideaki Anno auch alten Fans, EVANGELION noch einmal komplett neu erleben zu können – und schlägt dabei zwei Fliegen mit einer Klappe. Langjährige Fans bekommen die gleiche Kost nicht noch einmal serviert und werden erneut geladen, sich intensiv mit dem Franchise zu beschäftigen – und Neueinsteiger bekommen mit den neuen Filmen auch unabhängig von der Serie funktionierende Werke zu Gesicht. Zumindest theoretisch – denn typischerweise verzichtet Hideaki Anno auf allzu explizite Erklärungen und lässt abermals eher die Bilder für sich sprechen. Bilder, die nun wuchtiger ausfallen als jemals zuvor.

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Man sollte sich also klar darüber sein, dass dieses neue EVANGELION ein ganz neues Universum erschafft – und nur noch oberflächlich mit der Serie verglichen werden kann. Am ehesten gelingt das Unterfangen, wenn man das Gezeigte theoretisch – und für sich – in eine Art Parallelwelt einordnet. Natürlich ist es zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, diesen teils markanten Veränderungen tatenlos zusehen zu müssen – doch bleibt die Story sowohl in ihren Grundzügen als auch ihrer etablierten Wirkungskraft sehr ähnlich. Hinsichtlich der offerierte Komplexität und der entstehenden Erklärungsnot braucht sich das neueste Werk also keineswegs hinter dem Original verstecken. EVANGELION war eben noch nie eine allzu leicht verdauliche Kost – was sich auch dieses Mal nicht ändert.

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Doch was an EVANGELION 2.0 zuerst auffällt, ist selbstverständlich seine markante, helle und äußerst detailreiche Optik. Insbesondere die für das Franchise so wichtigen Engel sind wieder einmal grandios dargestellt – sogar so sehr, dass sie alles bisherige locker in den Schatten stellen. Mit Ausnahme von Ramiel vielleicht, der schon in EVANGELION 1.0 ein waschechter Eyecatcher war. Ihre Grundgestaltung und die Animationen sind schlicht sehr gut in Szene gesetzt. Hier macht sich einer der Vorteile der REBUILD-Reihe klar bemerkbar – zumal diese Darstellungen wohl eher nach Anno’s Vorstellungen ausgefallen als die von damals. Damals, als es noch weitaus mehr technische Beschränkungen gab. Aber auch sonst; und ganz Engel-unabhängig wirken die Neubearbeitungen der bekannten Elemente und die vielen neuen Einstellungen sehr gelungen. So wirkt Neo-Tokio 3 nun wesentlich lebendiger: überall flanieren Menschen und gehen ihrem Alltagsgeschäft nach, Autos fahren umher, Flugzeuge fliegen. Natürlich kommt auch das gute alte EVA-Gänsehautfeeling in den Momenten der Alarmzustände nicht zu kurz: Menschen ziehen sich in Bunker zurück, im NERV-Hauptquartier herrscht Aufruhr, und alle Mittel um den Engeln entgegenzutreten werden mobilisiert. Sehr nett ist auch das Charakterdesign ausgefallen; die Gesichter wirken nun wesentlich frischer und echter, die Farben satter.

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Dieser Eindruck spiegelt sich auch in der Story, beziehungsweise den Charakterporträts wieder. Erneut ist der explizite Fokus auf den Hauptprotagonisten Shinji spürbar, und sein Hadern zwischen einem ständigen Davonlaufen und einem sich-endlich-seinen-Dämonen-stellen eine spannende und emotional durchaus ansprechende Gratwanderung. Die Charaktere von Asuka und Rei wirken nunmehr etwas entzerrt und leicht vereinfacht; überhaupt nehmen alle Beteiligten weitaus menschlichere Züge an als noch in der Serie, in der noch besonders viel mit Selbstreflexion und inneren Monologen gearbeitet wurde. In EVANGELION 2.0 heißt es nun eher: wie verhalten sich die Charaktere in ihrem Alltag, beziehungsweise während des Umgangs mit anderen Menschen ? Eine spannende Frage – vor allem im Sinne der Neu-Erschaffung beziehungsweise Weiter-Erzählung der eigentlichen EVA-Storyline. Auffällig ist auch die Verschiebung der Prioritäten hinsichtlich der tatsächlichen Screentime der Charaktere; so ist Kaji, dessen Szenen immer ein wenig zwischen Komödie (Studienzeit mit Misato und Katsuragi) und Ernst (seine Arbeit für SEELE) schwanken, ein kleines Highlight für sich. Andere Charaktere wie Toji oder Kensuke (die Kumpels von Shinji) bekommen nun etwas weniger Aufmerksamkeit zugesprochen, beziehungsweise spielen sie anscheinend nicht mehr eine so große Rolle für die Story-Entwicklung wie noch in der Serie. Auch Gendo als Shinji’s Vater taucht eigentlich nur noch hier und da auf, und verzieht selbstverständlich kaum eine Miene (markant: in der Szene, in der er fast von einem EVA-Arm erschlagen wird). Der Vater-Sohn Konflikt wird zwar erneut deutlich, doch nicht so explizit ausgearbeitet wie damals. Doch alles geschieht ohnehin unter einem leichten Vorbehalt: denn wer weiß, was uns noch in Teil 3 und 4 der REBUILD-Reihe erwarten wird…

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Kommt man zu den Dingen die am ehesten als störend empfunden werden könnten, gerät die Liste abermals verdächtig kurz. Zum einen wäre da aber der plötzliche Fanservice zu nennen, der nicht so recht in den Kontext beziehungsweise das (grundsätzlich ernste) EVA-Universum passen will – die Atmosphäre aber immerhin angenehm auflockert. Gerade die neue EVA-Pilotin Mari scheint auf diese Szenen zugeschnitten worden zu sein – beispielsweise wenn sie sich in einen neuen Plug-Suit-Anzug wirft, die Kamera wieder einmal auf ihre Brüste schwenkt oder wenn sie mit Shinji zusammenstößt und daraufhin mit dem Po wackelnd nach ihrer Brille sucht. Asuka ergeht es da ganz ähnlich. Interessant aber ist, dass diese Elemente insbesondere einen sonst eher stoischen Charakter wie Asuka nicht reduzieren – sondern sogar noch erweitern und glaubhafter erscheinen lassen. Wie so oft gilt: es bleibt Geschmackssache. Kurios: die berühmte Zahnstocher-Szene aus der Serie wurde nun leicht abgeändert, es ist nun Asuka die aus dem Bad kommt und sich beinahe gänzlich entblößt zeigt. Das ist eine gute Idee und sorgt für Abwechslung – dennoch, so überraschend und witzig wie dereinst fällt die Szene verständlicherweise nicht mehr aus. Offenbar wurde auch ein weiteres der alten Element komplett aus dem Kontext gestrichen: ADAM nämlich, der durch entsprechend kryptische Alternativen ersetzt wurde. Doch ein merkwürdig anmutender Schlüssel (in Miniatur-Skelettform) kann einen von Hintergründen, Sagen und Symbolik umworbenen ADAM (dessen Name allein schon ansprechender klingt als Nebukadnezar) wohl kaum ersetzen. Man wird sehen, ob Hideaki Anno noch Erklärungen dafür bereithält.

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Hinsichtlich der Geräuschkulisse und des Soundtracks glänzt neben des allgemein bombastischen Eindrucks in erster Linie der Score von Altmeister Shirô Sagisu – und wie. Besonders in den Kämpfen und Vorbereitungsphasen sind passend-stimmige, ganz und gar apokalyptische Klänge zu hören; die den Film noch zusätzlich vorantreiben. Die Gemüter spalten wird dagegen die Nutzung von zwei Stücken, die mit weiblichen Gesang ausgestattet sind. Einerseits wirkt es stimmig, andererseits etwas störend ob der sonstigen, deutlich universelleren Musikwahl – die bestens ohne Lyrics auskommt. Die Soundkulisse im gesamten wirkt wieder recht druckvoll und aufwendig inszeniert, zur Abwechslung sind nun auch Szenen enthalten, die beinahe komplett geräuschlos stattfinden (der „Griff in den Energiekern“ um Rei zu retten). Eine Sache ist dann aber doch noch etwas… gewöhnungsbedürftig: die deutsche Synchronisation nämlich. Eines ist bereits jetzt klar: in einigen Szenen wirken die deutschen Sprecher etwas unmotiviert, beispielsweise wenn ihr Leben auf dem Spiel steht oder wieder einmal etwas unglaubliches passiert. Es klingt einfach wesentlich besser, wenn Shinji voller Tatendrang und Willenskraft „AT-Fieldo: Zenkai !“ brüllt – anstatt dass er relativ lieblos „AT-Feld auf volle Leistung“ ruft. Ganz arg hat es allerdings nur Misato erwischt – die in unzähligen Szenen verdächtig kraft- und lustlos klingt. Deshalb schon einmal eine Empfehlung vorweg: man sollte EVANGELION 2.0 unbedingt im O-Ton (und mit Untertiteln) sehen.

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Fazit: Die Story von EVANGELION 2.0 ist gleichermaßen genial wie anspruchsvoll, die Atmosphäre einzigartig, die Optik brachial, der Soundtrack eindrucksvoll, die Charakterporträts stimmig. Es scheint, als entwickele sich das EVANGELION-Universum immer weiter – und das in eine nur zu begrüßende Richtung. In Anbetracht dessen, dass es sich streng betrachtet um eine Neuverfilmung respektive ein Sequel zu einer weitaus älteren TV-Serie handelt ist das durchaus außergewöhnlich. Eines ist somit klar: die Lust auf die noch kommenden Teile ist groß. Mindestens ebenso groß wie die Hoffnung, dass es Hideaki Anno nicht doch noch versemmelt. Bisher sieht es allerdings nicht danach aus…

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„Das Gefühl, das hier ein Lebenswerk präsentiert wird; ist omnipräsent.“

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