Kinder In Talentshows Und Der Fernsehwelt

Verzeihung, doch bei diesem (heutzutage leider sehr „angesagten“) Thema muss auch ich einmal meinen Sarkasmus beiseite lassen und sagen: wer tatsächlich der Meinung ist, dass Castingshows im Fernsehen eine Art „Chance“ für Kinder sein können – der sollte mindestens noch einmal darüber nachdenken. Oder diesen Beitrag hier komplett durchlesen. Vielleicht hilft es ja.

Wichtig ist allerdings, dass der Begriff „Casting“ durch die Medien enorm verzerrt wurde und entsprechend negativ behaftet ist. Natürlich gibt es auch ganz „normale“ Castings, bei denen sich Kinder, Jugendliche oder Erwachsene mit ihrem Talent vorstellen können – beispielsweise beim Film, beim Theater, beim Fotoshooting für einen Katalog oder bei was-auch-immer. Der markante Unterschied: bei wirklich seriösen Castingagenturen werden kaum Kameras dabeisein. Gut, sie sind natürlich dabei (Stichwort Film) – doch wird das entstehende Material nicht an RTL oder ähnliche „Institutionen“ verramscht, und überhaupt werden die netten privaten TV-Sender (beziehungsweise der Repräsentant mit dem Bündel an Verträgen in der Hand) gar nicht erst mit ihren Kameras zur Tür hineingelassen – meistens. Zum Glück !

Und, es gibt einen weiteren Unterschied: während sich Leute bei „echten“ Castings kaum blamieren können – und dementsprechend von „echten“ Fachleuten beäugt und beurteilt werden – werden für die Fernsehformate exakt solche… „Kandidaten“ gesucht, die irgendetwas bemitleidenswertes oder (unfreiwillig) komisches an sich haben. Das ist im Allgemeinen natürlich äußert kritisch zu betrachten; aber es ist gut, dass RTL und Konsorten dies (noch !) nicht explizit mit sehr jungen Teilnehmern machen, sondern ausschließlich bei solchen die eigentlich wissen sollten was sie tun (und können). Dennoch kann es vorkommen, dass auch Minderjährige oder gar jüngere Kinder zu diesen Castings kommen (sofern sie nicht ab 16 oder 18 sind, davon gibt es auch einige), wo man sich einfach die Frage stellen muss: wer hatte jetzt die Idee dazu, oder besser: wer schleift den jungen Mann / das junge Mädchen zum entsprechenden Casting, vor ein Millionenpublikum – der Ehrgeiz der Kinder oder die „talentfördernden“ Eltern, die eventuell mit Dollarsymbolen in den Augen am Bühnenrand stehen ?

Gut, es gibt Kinder die schon genau wissen, was sie wollen – dass muss man festhalten. Unter anderem solche wären aber viel besser bei oben erwähnten, „richtigen“ Castings (seriöse Agenturen !) beraten. Und nicht unter dem Damoklesschwert der drohenden „Verheizungsstrategie“ der Medien beziehungsweise der Knebelvertragslast von RTL und Konsorten. Aber kommt Ihnen – als kritischer Fernsehzuschauer – nicht ohnehin auch der Gedanke, dass vieles von dem was wir von Kindern in den Medien sehen nicht ins entsprechende Kinderzimmer gehört ? Denn nicht alle Kinder haben ein ausreichendes Talent, um tatsächlich ernstzunehmende Musiker oder Schauspieler zu werden – entgegen der heuchelnden Aussagen in der Werbung. Was aber, wenn diese Kinder nun vor ein Millionenpublikum treten ? Das ist beispielsweise geschehen bei einem gewissen Leon, der einen Song von Peter Fox interpretierte. Oder es zumindest versuchte. Seinen Auftritt sollte man nun gewiss nicht belächeln, ebensowenig wie seine musikalischen Fähigkeiten beurteilen – man sollte einfach nur hinterfragen ! Hinterfragen, ob dies nicht eine Performance von uns selbst hätte sein können, als wir noch im Kinderzimmer mit Mikrofon und Kassettenaufnahmegerät spielten (Kind der 80’er ?). Ja, hätten wir die heute gerne nochmal gehört ? Vielleicht, aber sicherlich aus nostalgischen Gründen. Aber hätten wir heute gewollt, dass sie damals 5 Millionen Menschen direkt im Fernsehen hören und sehen konnten, und sie danach für immer und ewig über die Weiten des Internets verfügbar wäre ? Ich wage nicht daran zu denken. Es wäre vielleicht gar keinn so großes Problem, wenn sich später niemand mehr dafür interessieren würde. Aber wenn ich bei einem zukünftigen Arbeitgeber sitze, und der vielleicht mal meinen Namen in eine Suchmaske eingibt… ich behaupte mal: lieber nicht.

Nun, ich denke kein Beispiel ist so treffend, dass es bereits alleine dastehenden eine genügende Aussagekraft besitzt. Deshalb hier nun das Nächste Beispiel eines jungen Mannes, dessen Name ich hier nicht (auch noch) erwähne – der steht gewiss schon auf unzähligen Seiten. Bereits vor seinem Auftritt beim „Supertalent“ war ersichtlich, dass ihn irgendetwas belastete, er den ganzen Trubel kaum verkraften würde – ja, warum nur; ist er einfach „nicht Manns genug“ oder wie… ? Nein, er ist schlicht und einfach erst 7 Jahre alt (!), und weiss eigentlich gar nicht worauf er sich hier eingelassen hat. Der brave RTL-Zuschauer denkt natürlich sofort: „och, der ist aber niedlich, und soo tapfer ! Komm schon Junge, Du packst das !“ – während RTL alles perfekt in Szene setzt. Zoom auf das von Tränen unterlaufene Gesicht; Schnitte zu den scheinbar mitleidenden Eltern… ganz großes Kino. Oder: ganz große Sche***e. Pardon, ich bin es nicht gewohnt solch ordinäre Schimpfwörter zu benutzen. Jedoch… jetzt hat der junge Mann etwas am Hals. Nämlich eine Vorgeschichte in den Medien, und dann auch noch eine bei einem Sender wie RTL. Tja, was werden wohl seine Klassenkameraden gesagt haben ? Und was sagt sein zukünftiger Chef ? Und: was sagt er selbst, in ein paar Jahren… ?

Wir alle wissen doch ohnehin, wie ach-so-toll es ist, einen Wettbewerb wie „Das Supertalent“ zu gewinnen. Oder… ? Anders liesse sich der Ansturm bei den Castings wohl kaum erklären, darunter natürlich auch Eltern die ihre Kinder ein wenig… „pushen“ wollen. Ja, das ist so toll diesen (oder einen ähnlichen) Wettbewerb zu gewinnen, „schaff es oder Du gehörst zu den Verlierern“ ! Eine fatale Ansicht. Die Wahrheit ist: viel mehr als der berüchtigte 5-Minuten-Ruhm ist oftmals nicht drin. Viele sogenannte „Gewinner“ tauchen nur allzu schnell wieder unter, aber dann in der tiefsten Versenkung. Allerdings meist unfreiwillig, das Problem ist einfach dass diese… „Künstler“ nach dem Abklingen des Hypes irgendwie niemand mehr sehen, hören oder erleben will. Und dann beginnt – erst Recht – die große Verzweifelung. Es ist erwiesen, dass sich solch ein Vorgang (der enorme Karrierepush von 0 auf 100) nicht wiederholen lässt. Jegliche spätere Versuche, im entsprechenden Bereich (zum Beispiel Musik) Fuss zu fassen, scheitern oft kläglich. „Der war doch schon Superstar, was will der noch… ?“ Exakt hier wird die unglaubliche Dimension der Volksveräppelung deutlich. Man schafft eben keinen Superstar, wenn man ihn ein paar Tage im Fernsehen zeigt und die Zuschauer für ihn anrufen lässt – unabhängig davon, wie gut er eigentlich in seinem Metier ist. Mit dieser Vorgeschichte wird der „Star“ nämlich ganz schnell wieder zum Hartz-4 Empfänger; weil sein Weg quasi erkauft wurde und nicht ehrlich verdient. Und durch die ganzen Verträge (über die man als Außenstehender meist nur munkeln kann) wird der weitere Weg ohnehin erschwert, vermutlich… RTL hat dich „großgezogen als Star“ (und dann fallengelassen, aber pssst !) – aber sei ja dankbar dafür und versuche es erst gar nicht mehr ohne sie. Oder tue es doch, und realisiere, dass Dich nun noch weniger Leute sehen wollen als vorher.

Die wahrlich einzige Ausnahme, die mir hierzu einfällt, wäre eventuell ein gewisser Paul Potts. Denn der hat es wirklich zu etwas gebracht, und hat eine beständige Fangemeinde. Aber das ist ein Einzelfall, ich tippe auf 1% der Castingteilnehmer die es wie er – auch nachhaltig – zu etwas bringen (im angepeilten Tätigkeitssegment, hier: der Operngesang). Selbst die „No Angels“, die sich hierzulande noch unglaubliche lange gehalten haben – dürfte so langsam keiner mehr hören wollen, erst Recht nicht nach einem gewissen Skandal… doch, niemals zuviel beeinflussen lassen von den Medien. Oder möchte man vielleicht wie ein gewisser Ross Anthony in einem anderen Bereich der Unterhaltungsindustrie arbeiten ? Hm, als Sänger in einer Band wurde es wohl nichts… als Solosänger auch nicht… na dann eben als Hampelmann für die privaten und Witzfigur für die Welt. Oder, möchten Sie heute vielleicht nochmal eine neu aufgelegte CD von Michael Hirte in den CD-Player schieben (zu Weihnachten vielleicht wieder)… ? Sie sehen, was ich meine. Es wird nicht besser, sondern schlimmer.

Wenn es schon absurde Formate wie Castingshows sein müssen an denen sich die Leute ergötzen (ich tippe mal dass dies auch ein Großteil der Bildzeitungsleser sein wird), dann bitte ich nur um zwei Dinge: um eine vernünftige Aufklärung und ein Spiel mit offenen Karten (Verträge und Verpflichtungen, Erfolgschance, was danach), und: lasst die Kinder da raus – und zwar komplett ! Dies geht in erster Linie nicht an die Sender (ausnahmsweise !), sondern an die lieben Erziehungsberechtigten.

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Ein Gedanke zu “Kinder In Talentshows Und Der Fernsehwelt

  1. Mit ‚DSDS Kids‘ hat sich der Wahnsinn indes weiter in der Deutschen TV-Landschaft manifestiert. Ich wäre sprachlos, hätte ich im obigen Beitrag nicht schon alles gesagt.

    Wann kommt eigentlich ‚Germany’s Next Lolita‘ ? Da müssten die Leitungen doch eigentlich glühen…

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